Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316216--48344-3343268- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
16 DIE3EEELT No. 29 fsj| \ >M Ii! m! i m i i i ■in ftf pi> tt>l 3i □ □ r^! REVUE DER PRESSE „ _ , , Dem tapferen Streiter für die Wahrheit, Pour Bernard Lazare! , r ... , . . . . , dem leider zu früh dahingeschiedenen Bernard Lazare, wollen nunmehr seine Freunde ein Denkmal errichten, das sich in seiner Geburtsstadt Nimes erheben soll. In der französischen Zeitung „L'Aurore", die an dem Kampfe für die Rehabilitierung Dreyfus' einen hervorragenden Anteil genommen hatte, ist unter dem Titel „Pour Bernard Lazare" folgender „Aufruf an die Demokratie" abgedruckt: * „Das Urteil des Kassationshofes bestätigt das Verbrechen, das im Jahre 1894 gegen einen Unschuldigen begangen wurde. Es bestätigt überhaupt die Abscheulichkeit, die Verbrecherhaftigkeit derer, die — um einen Gerichtsspruch nicht gutmachen zu müssen — Lügen auf Fälschungen und Ungesetzlichkeiten auf Verbrechen häuften, mit dem Zwecke, die Verurteilung eines Schuldlosen aufrecht zu erhalten und den wirklichen Verräter zu decken. Das Urteil des Kassationshofes rächt die Helden der „Affäre", die gestorben sind, ehe sie den Triumph der Gerechtigkeit begiüßen konnten: Zola, Scheurer, Trarieux, Bernard Lazare und all die Braven, die mit diesen zugleich dem Schwärm aufgebauschter Vorurteile, der Koalition von Fanatismus, Neid, Schlechtigkeit und Niedertracht im Kampfe entgegentraten. Einer dieser dahingeschiedenen Helden, Bernard Lazare, ist unser Landsmann. Seine Freunde, seine Mitschüler und die Demokraten, die seine Verdienste, seine bewunderungswürdigen Leistungen kennen, haben die Initiative ergriffen, um ein Monument zu seinem Andenken zu errichten. Bernard Lazare war es, der als Erster im Jahre 1896 in seiner Broschüre: „Die Wahrheit über den Fall Dreyfus" den Beweis führte und die Gründe dafür erbrachte, daß eine Ungerechtigkeit verübt worden war. Er war damals jung und stand in der Blüte seines Talents, das ihm bereits einen hervorragenden Platz in der Literatur gesichert hatte. Besser als sonst irgend jemand kannte er die Gefahren, denen er sich aussetzte, indem er sich, ein einzelner, den Mächten der Lüge, der Autorität, der Tradition entgegenwarf. Ruhig hat Bernard Lazare der höheren Sache der Gerechtigkeit seine annehmliche, gesicherte Situation zum Opfer dargebracht. Und durch die Kraft seiner Uberzeugung und seines Willens allein veranlaßte er diesen ungeheuren Aufruhr der Geister, den die Affäre Dreyfus darstellt. Als dann nach ihm andere in den Kampf eintraten, zog sich Bernard Lazare bescheiden zurück, um im Halbschatten, wohin er sich freiwillig begeben hatte, den Kampf für die große Sache mit derselben heroischen Schlichtheit fortzusetzen. Diejenigen, die die tragischen Zeiten der „Affäre" erlebt, und die ungeheure Bedeutung dieses grandiosen sozialen Dramas zu würdigen verstanden haben, wissen, daß der Fall Dreyfus die Republik gerettet hat, indem durch ihn gleichzeitig das Geschwür aufgedeckt -wurde, das an der Republik fraß und sie schließlich verzehrt hätte. Bernard Lazare hat sich also um die Republik hochverdient gemacht. Er hat sich aber auch verdient gemacht um die Menschheit, indem er das menschliche Gewissen aufrüttelte, indem er unserem Lande die Schmach eines unseligen Verbrechens und das traurige Schauspiel der Kapitulation vor der triumphierenden Ungerechtigkeit ersparte. Bernard Lazare aber, der, nebenbei bemerkt, ein tüchtiger Künstler und bemerkenswerter Schriftsteller war, besaß schließlich auch ein hochentwickeltes Gefühl für das Unrecht im allgemeinen, und alle seine Kraft, all sein Mut waren der Verteidigung aller Unterdrückten, der Opfer jeglicher Tyrannei geweiht. Einer schlichten Familie Nimes' entstammend, stets unwandelbar treu der Demokratie ergeben, starb Bernard Lazare in der Blüte der Mannesjahre. Seine Freunde haben sich entschlossen, ihm in seiner Geburtsstadt ein Denkmal zu errichten. Ihr Plan hat schon im Beginn die größte Zustimmung und allseitige Sympathie gefunden. Die geschätztesten Narnen der Demokratie des Departements haben sich für die Patronanz zur Verfügung gestellt, während sich gleichzeitig in Paris die hervorragendsten Männer vereinigt haben, um die Bemühungen des Komitees von Nimes zu unterstützen. Unter den Mitgliedern des Pariser Komitees finden sich — um nur einige Namen zu nennen — Männer wie: Paul Adam, Jean Ajalbert, Ch. Andler, Michel Breal, Leonce Benedite, Ferdinand Buisson, Marcel Colliere, Gaston Doumergue, Anatole France, Gustave Geffroy, Lucien Herr, Francis de Pressens6, Pierre Quillard, Paul Reclus, etc. etc. In unserem Süden, der stets der heiße Boden war für edle Regungen und großherzige Taten, wird der Plan eines Denkmals für Bernard Lazare alle Republikaner gewinnen, die „Dreyfusisten" waren. Die Subskription ist eröffnet. Wir hoffen zuversichtlich, daß alle Demokraten sich an ihr beteiligen werden. An alle, reich und arm, richten wir unsern Appell, an alle, die aufgerührt werden durch Unrecht und Unbilligkeit und die unserem Landsmann Bernard Lazare dankbar sind dafür, daß er als Erster die Ungerechtigkeit verstanden und alles der Gerechtigkeit geopfert hat. Für das Komitee: Marius Richard, Redakteur der Dep6che, Präsident, (folgen die Namen der anderen Komitee-Mitglieder). Die Erste, die auf diesen Aufruf hin eine Spende an die „Aurore" sandte, war Madame Emile Zola. Die „Aurore" bemerkt hierzu: „Wir schätzen uns glücklich, daß die erste Person, die dem Appell des Herrn Marius Richard beitritt, den ruhmreichen Namen Zola trägt, der — mit Bernard Lazare — der beste Streiter für die Revision des Dreyfusprozesses war." Wir glauben, daß auch viele unserer Freunde gerne an der Ehrung Bernard Lazares teilnehmen werden. Nicht nur die französische Nation, auch das jüdische Volk hat Grund, auf Bernard Lazare stolz zu sein, der ihm seine beste Kraft geweiht und der auch unseren, den zionistischen Plänen, seine volle Anteilnahme gewidmet hat. Die Redaktion „Die Welt" ist gerne bereit, Spenden, die für das geplante Denkmal bei uns einlaufen werden, ihrer Bestimmung zuzuführen. Die Juden und die Revolution In einer Besprechung des Bjelostoker Pogroms schreibt das Organ des Fürsten Uchtomsky, die „St. Peterb. Wjedomosti": „ . . . Das Mysterium des Bjelostoker Pogroms, heißt es, droht Rußland in zwei Lager zu teilen. Dieser Pogrom ist von einer ganz erheblichen Wichtigkeit für die Geschichte der russischen Revolution und der russischen Juden. Er ist ein Trumpf in den Händen der Freiheitsbewegung und der Juden, weil er sich im Augenblick der heftigsten Entzündungen der Leidenschaften zutrug und so zu einer bedeutsamen Staatsfrage wurde, die auf das Credit und nicht auf das Debet der Revolution zu setzen ist. Wie eine chemische Substanz vermengte Flüssigkeiten unzweideutig teilt, hat der Bjelostoker Pogrom die wirren Meinungen über die Judenfrage plötzlich geklärt und dadurch heilsame Folgen für Juden und Christen gezeitigt. Das christliche Gewissen hat nun eine Fülle von Material gefunden zur gerechten Beurteilung der Tatsachen von Bjelostok wie zu der der gesamten Judenfrage. Es versteht sich von selbst, daß die Beschuldigung seitens der Revolution die Christen, seitens der Reaktion die Juden traf. Es ist einmal der Gedanke ausgesprochen worden, daß die Judenfrage für Rußland eine Strafe für die Niederwerfung Polens sei. Hätte Polen seine Selbständigkeit behalten, so wären die Juden dort geblieben, um sich den Polen anzuschließen und allmählich einen jüdischen Staat nach dem Ideal der Zionisten zu gründen. Unter Nikolaus I. wurde die Judenfrage brennend für Rußland, und sie hat mannigfache Wandlungen durchgemacht, nicht auf Grund von Tatsachen, sondern auf Grund von persönlichen Neigungen einflußreicher Beamten, bis zur Thronbesteigung Alexanders III. Seine „nationalistische" Politik drängte die Juden weiter von ihren Zielen zurück, als es beim Auftauchen der Judenfrage unter Nikolaus I. der Fall war. Diese Frage wurde zum Brand im russischen Blut und schuf den Antisemitismus. Dieser Rückblick erscheint notwendig