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Die Welt · 1906-07-20 · 29 (20.7.1906) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 29 DIBBELT 17 gegenüber der jetzt so oft ins Feld geführten Behauptung, daß die Teilnahme der Juden an der Revolution groß und die der Mitglieder der jüdisch-revolutionären Organisation „Bund" an ' politischen Morden nicht gering sei. Aus der Kette von Beschränkungen und Kränkungen erklärt sich die revolutionäre Stimmung der Juden, erklärt sich das Wunder, daß ein Stamm, der friedlich, arbeitsam, zum Golderwerb geneigt, von Natur konservativ, seiner Neigung nach idealistisch, seinen Fähigkeiten nach reich begabt ist, sich in die ersten Reihen der Kämpfer stellte, die die Monarchie und die alten Bedingungen der Macht und des sozialen Lebens stürzen wollen. Unleugbar steht aber das Faktum fest, daß bis zu den 80er Jahren' keine Teilnehmerschaft der russischen Judenheit an politischen Wirren zu verzeichnen war. In den 90er Jahren treten zuerst jüdische Agitatoren auf die Bildfläche, und der „Bund" wurde erst vor wenigen Jahren ins Leben gerufen. Bei einer gerechten Beurteilung der Judenfrage darf die Antwort nicht ausbleibena uf die Frage: Wer und was hat die Juden auf den Wegr der Revolution gedrängt? Das war die Politik der vergangenen Herrschaft! Man braucht kein Judophile zu sein, um zuzugeben, daß Vergangenheit und Zukunft der Juden mit einer friedlichen — nicht sozialistischen — Evolution der Menschheit zusammenhängt, und daß dem Herzen dieses Volksstammes die politische Agitation und die Gewalt zuwider sind, die bürgerliche Ordnung, Handel und Industrie vernichten und alle produktiven Kräfte lahm legen. ..." EIN OFFENES WORT AN DEN HERRN ABGEORDNETEN NICOLAI R. v. WASSILKO Nach Inhalt des stenographischen Protokolls über die Verhandlungen des Wahlreformausschusses haben Sie gesagt: „Der Abgeordnete v. Onciul hätte gerne ein jüdisches Mandat konstruiert, welches unbestritten den Juden gehöre. Für ein solches Mandat wäre Redner als Kenner der Verhältnisse in der Bukowina nicht. Er wolle den Juden die Möglichkeit geben, daß sie, wenn sie mit den anderen Nationalitäten in Frieden leben, eine gewisse Berechtigung haben, ihren Abgeordneten zu wählen, nicht aber das unbestrittene Recht, dort, wo auch andere Nationalitäten und zwar in großer Stärke wohnen, ganz ohne dieselben ihren Abgeordneten wählen zu können. Er sei gewiß kein Antisemit (!), aber er ertrage es auch nicht, daß den Juden möglich gemacht würde, sozusagen Antichristen (!) zu sein, zu sagen: Wir brauchen die Christen nicht, wir können allein kommandieren!" Als wir diese bei einer ernsten Sache abgegebene Erklärung des Abg. v. Wassilko gelesen haben, ist uns über dem Staunen die Entrüstung vergangen. Was? Sie, der Abg. Nicolai v. Wassilko, der freie, aufgeklärte Mann, der Vorkämpfer Ihrer unterdrückten Nation, der auch von Juden gewählte Abgeordnete, Sie, der Sie schon so vielen einzelnen Juden Wohltaten erwiesen und von uns Juden immer zu den Freunden der jüdischen Sache gezählt wurden, Sie wollen uns nur eine gewisse Berechtigung geben, unsere Abgeordneten zu wählen, aber nicht das unbestrittene Recht? Ihnen, Herr Abgeordneter, haben die Juden für kleine Wohltaten große Dienste geleistet, und es drückt Ihnen das Herz ab, daß wir auch dasselbe Recht haben könnten, das Sie mit der ganzen Kraft Ihrer Persönlichkeit für Ihre Konnationalen^erstreben? Ihnen haben jüdische Politiker trotz warnender Stimme politischen Sukkurs geleistet, haben mit den Ruthenen ein Bündnis geschlossen, das zwar gottlob vom jüdischen Volke noch nicht sanktioniert ist, das aber für Sie und die Bukowinaer Ruthenen sehr wertvoll geworden ist, und dennoch wollen Sie uns nicht ein einziges, sicheres jüdisches Mandat gönnen? Sollen wir glauben, daß auch in Ihrer Brust zwei Seelen leben, daß Sie zu jenen Christen gehören, die für die armen Betteljuden und die verstümmelten Opfer russischer Regierungsbestien Mitleid, gegenüber jenen Juden aber, die in besseren Verhältnissen sind und Muße und Bedürfnis haben, am politischen Leben aktiven Anteil zu nehmen, nur Widerwillen empfinden? Von Ihnen das zu glauben, fällt uns schwer, aber Ihre Worte im Wahlreformausschusse haben wie ein Blitz in dunkler Nacht Ihr Inneres erhellt, so daß wir nunmehr wissen, was wir von dem Menschen Wassilko, was wir aber auch von dem Politiker zu halten haben. Zweck dieser Zeilen ist aber nicht, Ihrer gewiß hochachtbaren Persönlichkeit nahe zu treten, sondern Sie und die Öffentlichkeit aufzuklären, weshalb von einer großen Gruppe Jüdisch- Nationaler, in deren Namen und Auftrag ich diese Worte an Sie richte, folgende Ausführungen allen Blättern übergeben wurden. Est steht anr allerwenigsten einem Ruthenenführer an, für sein eigenes Volk das unbestrittene Recht, seine Abgeordneten allein zu wählen, zu verlangen und einem anderen, gleichfalls unterdrückten Volke nur ein gewisses, bedingtes Recht zuzuerkennen. Wer Recht für sich will, muß es es auch für andere haben. Weiter dürfen Sie nicht vergessen, daß gerade die Ruthenen die Existenz einer jüdischen Nation anerkennen, daß der erste Punkt des politischen Programms dieser Nation die volle Gleichberechtigung und die Anerkennung der Gleichwertigkeit ist, daß Sie demnach dem jüdischen Volke bei der wichtigsten Gelegenheit, wo es für seine politische Zukunft vorzusorgen hatte, den empfindlichen Schimpf angetan haben, die jüdische Nation als minderwertig zu bezeichnen, indem Sie ihr nur ein minderes, mit Wenn und Aber verklausuliertes Recht zuerkannt haben. Sind wir wirklich minderwertig? Sind wir es den Ruthenen gegenüber? Gewiß nicht, ich glaube sogar, daß Sie in den heißesten Gebeten für die Entwicklung Ihres Volkes inbrünstig die Stimme erheben: Herr, lasse deine Ruthenen so intelligent, so klug, so bildungshungrig und dann auch so bildungssatt werden, wie es die Juden sind, die in unserer Mitte wohnen! Vergessen Sie nicht, daß das gewisse Recht, das Sie uns großmütig zuerkennen, ganz bedenklich nach dem Privilegien- und Schutzjudentum früherer Jahrhunderte riecht, wo das Ghetto noch bestand und Keulen- und Fackelschwinger ihre rohe Kunst an uns übten. Damals gab man uns gewisse Rechte, wenn wir, die Kamnierknechte der geheiligten römischen Majestät deutscher Nation, nur flott zahlten; heute wollen Sie uns gewisse Rechte geben, wenn — die Gegenleistung wird salbungsvoll und zeitgemäßer bezeichnet — wir mit den Christen im Wahlbezirke in Frieden leben, d. h. wenn wir den Willen der Christen tun, wenn wir blinde politische Gefolgschaft leisten, — sonst gibt es eben keinen Frieden. ... Das ist Ihre wahre Meinung. Nicht Bundesgenossen sollen wir Ihnen sein, sondern politische Knechte. Sie wollen uns mit den anderen kulturell hochstehenden Nationen, den Polen in Galizien, den Deutschen und Rumänen in der Bukowina, entzweien, damit wir in die Hörigkeit einer Nation geraten, die bis vor nicht langer Zeit leider Gottes die ganze Schmach und das große Weh der Leibeigenschaft hat ertragen müssen. Nein, das wird Ihnen nicht gelingen, da haben Sie in einem unbewachten Momente uns die Augen geöffnet, damit auch die Blinden unter uns sehend werden. Für diese ungewollte Offenherzigkeit sagen wir Ihnen Dank. Antichristen könnten wir sein? Das ist ein häßliches Wort, weil es das konfessionelle Moment besonders betont, weil es die finsteren Schatten wieder heraufbeschwört, die wir im Lichte der Aufklärung schon gebannt glaubten. Das jüdische Volk ist unfähig zum Hasse, denn sonst hätte es nicht für die Freiheit jener Völker in vorderster Reihe gekämpft, die lange, bange Jahrhunderte in grausamen Judenverfolgungen das Höchste geleistet haben. Für das Böse, das man uns tut, haben wir kein Gedächtnis, für das wenige Gute — ewige, unauslöschliche Dankbarkeit. Antichristen sind wir nicht, auch nicht Antiruthenen, wir wünschen nach wie vor dem ruthenischen Volke freieste Entwicklung und weitgehendste Entfaltung aller nationalen und politischen Kräfte; aber mit aller Kraft verwahren wir uns gegen jeden Angriff auf unsere Volks- und politischen Rechte, mögen diese Angriffe von wen immer kommen, selbst von einem — Freunde! Dr. Mayer Ebner (Czernowitz).

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