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Die Welt · 1906-07-20 · 29 (20.7.1906) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 29 D-IE3|k ELT 13 KIRJATH SEFER Von DAVIS TRIETSCH, Jaffa In die arbeitsame Nähe der Wilbuschewitsch'schen Ölfabrik bei Lydda ist kürzlich Belkind's Schule verlegt worden. Als die Kischinewer Kinder Ende November 1903 nach Palästina kamen, waren sie zuerst drei Monate lang in Rischon-le-Zion untergebracht worden, um dann nach Schweja zu übersiedeln, einer kleinen Kolonie und Erholungsstation, eine halbe Stunde nördlich von Sichron- Jakob. Dort blieben die Kinder etwas über zwei Jahre, mit Ausnahme der neun ältesten, die schon zu Beginn des letzten Winters als Arbeiter zu den jüdischen Pächtern von Sedjera gingen. In Schweja war die Schule dadurch stark behindert, daß sie nicht auf eigenem Grund und Boden war, so daß der größte Teil des landwirtschaftlichen Programms unausgeführt bleiben mußte. Dem soll jetzt abgeholfen werden. Etwa 10 Minuten östlich von der Ölfabrik hat die Schule jetzt ein kleines Stück Land erworben, in dessen Mitte auf einem Hügel die Gebäude errichtet werden sollen. Einstweilen sind die Kinder in einem Holzhäuschen untergebracht, das unmittelbar an der Fabrik hergerichtet wurde. Mehrere tausend Dunam Land in unmittelbarer Nähe der Schule sind teils jetzt schon in jüdischem Besitz, teils noch zu erwerben. Von den nach Palästina gekommenen Kischinewer Waisen sind in diesem Moment 14 in Beth-Arif (dies ist der Name der „Fabrikkolonie" bei Lydda. die manchmal auch—weniger korrekt — Hadith genannt wird), zehn sind noch in Schweja und sechs arbeiten in Sedjera. Außerdem befinden sich sechs in den Städten, wo sie ein Handwerk lernen, und einige der Mädchen leben mit ihren inzwischen von Rußland nachgekommenen Müttern in den Kolonien. Bei meinem Besuche fand ich die Gebäude in Vorbereitung. Steine und Kalk waren bereits an Ort und Stelle, die Steine werden von arabischen Arbeitern behauen, einige der Kischinewer Kinder halfen tüchtig beim Kalklöschen, die andern führten Wasser, schnitten Weizen etc. Alles in allem machten die Kinder einen frischen, arbeitsfrohen und ziemlich intelligenten Eindruck. Ihre ausschließliche Sprache bei Unterricht, Arbeit, Spiel ist die hebräische. Der heimatliche Jargon wird geflissentlich vermieden, *) Der Hügel zwischen den Gebäuden trägt das Dorf Hadith — das frühere Chadid spielt in der jüdischen Geschichte eine Rolle — der weiße Streifen rechts vom Schornstein zeigt auf einem anderen Hügel die Steine und den Kalk von „Kirjath Sefer". - - ■ Die Kischinewer Kinder vor ihrem Holzhäuschen in Beth-Arif; »*i^^^^^^P@8L.^ itWM^ä^^^M^W^ r>* * * i' v Aäi^.'ft&^^jr fc^'V;.> v:''''^^y1 •'>-•"••>-•"•'"••'t^-J-y*tt&*'Xi&&UL.- ■-. Wilbuschewitschs Ölfabrik in Beth-Arif bei Lydda*) doch können sie sich im Verkehr mit Arabern auch arabisch gut verständlich machen. (Die Araber, von denen sie in Schweja Arabisch lernten, haben dafür von ihnen Hebräisch gelernt — einige sogar recht gut.) Den Bau hofft man in diesem Sommer noch zu beenden. Im Winter soll eine größere Lehrwerkstatt für Tischlerei eingerichtet und ein regulärer arabischer Sprachkurs dem Lehrplan angefügt werden.**) Außerdem ist Pflanzen von Maulbeer- und anderen Bäumen und Einführung von Gemüsebau, Geflügel- und Bienenzucht geplant. Für später ist auch eine Lehrwerkstatt für Schmiedearbeiten und Anleitung zum Steinhauen (für Häuserbau) in Aussicht genommen. — Eine kleine Tischlereiwerkstatt war übrigens schon in Schweja in Betrieb und zeigte gute Resultate. Besonders hervorzuheben scheint mir die praktische, auf den zukünftigen landwirtschaftlichen Beruf zugeschnittene Anlage der ganzen Sache und die große Anhänglichkeit der Kinder an ihren Erzieher. Diese Wahrnehmungen wurden von allen gemacht, mit denen ich zu sprechen . Gelegenheit hatte — auch von solchen, die mit bösen Vorurteilen hingegangen waren. . — — — — Die Zuschrift in der „Welt" vom 1. Juni über ein jüdisches Waisenhaus in Palästina und einige Bemerkungen, die auf dem deutschen Delegiertentag in Hannover gefallen sind, legen es mir nahe, in Verbindung mit vorstehendem einiges zu dieser Frage auszuführen. Die russischen Mit: glieder des Aktions-Komitees haben also beschlossen, 100000 Francs aus dem russischen Hilfsfonds zur Erichtung eines Waisenhauses in Palästina für durch die Pogrome verwaiste Kinder zu verwenden.***) Der Gedanke, nicht nur in solchen Fällen, sondern überhaupt jüdische Waisen der Emigrationsländer, soweit als tunlich, statt in diesen Ländern ohne jüdische Zukunft lieber dort zu erziehen, wo sie als Juden und menschenwürdig leben können — dieser Gedanke kam mir, als ich auf meiner ersten Orientreise in Bukarest ein jüdisches Institut zu sehen l?ekam, in dem außer mehreren Handwerken etc. den Kindern auch Englisch „als die Sprache der Haupt-Einwanderungsländer" beigebracht wurde. Der **) Der bisherige Lehrplan umfaßt: Hebräisch als Sprache (in den höheren Stufen mit Literatur und Literaturgeschichte), Bibelunterricht, Biblische Geschichte» Nachbiblische jüdische Geschichte, Allgemeine Geschichte, Geographie, Naturwissenschaften, Arithmetik. ***) Es handelt sich nur um einen Eventualbeschluß. Anmerk. d. Redakt.

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