Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 ME3aEELT V No. 29 hätten doch — um ein Beispiel zu wählen — unmöglich sagen können, die Regierung habe einen Anschein von Recht, den Moskauer Kaufmannstand zu überfallen, weil viele Revolutionäre Kaufleute sind. Oder könnten Sie etwa sagen, die Regierung dürfe das polnische Volk verfolgen, weil in seiner Mitte revolutionäre Parteien vorhanden sind? Man sagt, die Juden „erregen" die Bevölkerung. Welche Bevölkerung? Es gibt unter den Juden eine revolutionäre Partei von derselben Art, wie sie den revolutionären Parteien anderer Völker eigen ist. Es gibt einen „Bund", eine rein jüdische Partei, wie es rein polnische, litauische usw. revolutionäre Parteien gibt. Das ganze jüdische Volk für das, was eine Partei tut, verantwortlich zu machen, — ist also unmöglich.. Baron Roop hat hier behauptet, die Samoobarona (Selbstwehr) wäre eine revolutionäre Partei; an dieser Samoobarona nimmt das ganze jüdische Volk teil, — das hieße aber: das ganze jüdische Volk besteht aus Revolutionären. Vor Ihnen, meine Herren, steht ein Mensch, der kein Revolutionär ist und der doch die ganze Zeit an der jüdischen Selbstverteidigung Anteil genommen hat. Ich konnte den Revolver nicht handhaben, aber die Not hat mich gezwungen, ihn zu ergreifen. Nach Kischinew war ein Zirkular von Plehwe erschienen, in dem es hieß, die Juden dürften keine Selbstverteidigungsvereine bilden, da die Regierung Mittel , genug besitzt, die Juden zu schützen. Welch eine grausame Ironie, was für ein böser Spott! Ich war damals Rabbiner in einer Stadt mit 50000 Personen jüdischer Bevölkerung, wo die Pogrome chronisch sind,—das ist Jekaterinoslaw. Der Gouverneur Graf Keiler hat mich zu sich kommen lassen und las mir das Plehwesche Zirkular vor. Ich gab ihm darauf zur Antwort: „Sollten die Räuber mein Haus, meine Frau oder mein Kind anrühren, so werden keine Zirkulare mich davon abhalten, sie mit dem Revolver zu schützen und schlimmstenfalls mir eine Kugel durch den Kopf jagen zu lassen, um mit ihnen zusammen zu sterben." .... Auf diese Weise, aus solchen Gefühlen aller Juden entstanden die Selbstwehrvereine! Ich muß Ihnen sagen, daß wir selbst uns bemüht haben, den Selbstverteidigungsvereinen keinen Parteicharakter zu geben. Wir wußten, daß dort, wo jüdische Revolutionäre sind, diese besser Angriffe abwehren können, aber wir fanden, das wäre unangebracht. Alle Juden müsen auf der Straße sein, wenn es gilt, sich im kritischen Moment zu verteidigen. Meine Herren,ich bin lungenleidend, und trotzdem habeich Nächte lang in der Samoobarona Posten gestanden. Ist dem Herrn Roop ein solcher Zustand bekannt? Baron Roop sagt, wir alle haben die Pogrome erlebtt Jawohl, alle. Aber nicht alle im selben Maße. Ich konnte nich. ruhig einschlafen, weil ich eine Tochter habe, und ich mußte nicht nur für ihr Leben fürchten, sondern auch für ihre Ehre. Ist jemand von Ihnen ein solches Gefühl bekannt?" (Große Bewegung.) Der Redner setzt in großer Erregung, oft von Beifall unterbrochen, seine Rede, wie folgt, fort: „Ich wollte niemand töten. Und doch habe ich alle Juden aufgemuntert, sie sollen an der Selbstwehr teilnehmen, damit uns nicht ein Häuflein Hooligans abschlachten könnte. . . . Meine Herren! was war denn eigentlich in Bjelostok? Ist Ihnen denn das ganze, uns vorgelegte Material nötig, ujn überzeugt zu sein, daß der Pogrom vorbereitet war? Sie besitzen doch Logik genug, um zu begreifen, daß eine Stadt mit über 70°/o jüdischer Bevölkerung — wobei von den übrigen 30% nur ein ganz minimaler Teil an den Plünderungen teilgenommen hat — tatsächlich nicht vernichtet werden kann, wenn nicht besonders günstige Umstände vorliegen. Als wir die Nachricht bekommen haben, „das Militär ist in die Erfüllung seiner Pflichten eingetreten", fühlten wir alle den Schrecken der Lage. Wenn die Soldaten in den Kasernen, die Polizisten auf den Wachen gesessen, wenn sie ihre „Pflichten" nicht erfüllt hätten, hätte es in Bjelostok keinen Mord gegeben. Das ist eben das Schlimmste, daß das Militär bei uns „schützt". Man sagt, — Bjelostok ist ein revolutionäres Nest, Baron Roop kennt den nicht zu ernsten, aber eigenartigen Witz von einer revolutionären Versammlung auf dem Friedhof. Da haben sich junge Leute auf einem toten Ort versammelt und haben eine Resolution angenommen, — es gäbe keinen lebendigen Gott. Und das Kosakentum und die Polizei, heißt es, wurden dadurch aufgebracht und haben für diese Gottlosigkeit einen Pogrom angerichtet Ich sage aber, es gibt absolut keine logische Verbindung zwischen der Gottlosigkeit von ein paar Juden und der Erregung der Polizei und des Militärs. Wenn man liest, was in Bjelostok vorfiel, zweifelt man daran, daß wir den Zeiten des Mittelalters entwachsen sind. Vor einem Jahrtausend lebten Menschen* die ihre Kinder den Göttern opferten. Der erste, der nicht seinen Sohn, sondern einen Hammel opferte, war Abraham. Der große Theologe Steinthal weist darauf hin, daß das Verdienst Abrahams darin bestand, daß er es verstanden hat, daß Gott keine Menschenopfer verlangt. Bei uns aber wurde ein Tempel aufgebaut, in dem ein Gott steht* der Menschenopfer fordert. Pogrome gab es auch früher^ aber sie trugen einen anderen Charakter. Das war zur Zeit der Inquisition, und damals handelte man im Namen Gottes. Wäre unsere Polizei religiös, wären die Pogrome die Folge religiöser Gefühle, — etwa die Folge gottloser Resolutionen, die auf einem entlegenen Friedhof gefaßt werden, — es wäre etwas anderes. Hier war es aber nicht so. Hier ist es ein anderer Gott, der Opfer verlangt. Die Geschichte sagt, daß die großen Inquisitionen nicht so viel um das Seelenheil besorgt waren wie um die eventuelle Güterkonfiskation. Jetzt geschieht dasselbe. Damals sagte man: „Du bist gegen Gott, hinauf mit dir auf den Scheiterhaufen!" Jetzt sagt man anders: „Du bist gegen das alte Regime. Du bist gegen die Götter in Epauletten, auf den Scheiterhaufen mit dir!" (Stürmischer Beifall.) Früher war alles grandios, in Namen Gottes wurden Scheiterhaufen errichtet; jetzt geschieht das alles ohne Pomp, in Kellern, auf Böden, in dunklen Verstecken. ... Der Gott, in dessen Namen das jetzt geschieht, ist einer finsteren, sündhaften Abstammung, er verträgt kein Licht. Meine Herren, ich spreche jetzt als Jude, aber denken Sie nicht, daß ich nur jüdische Interessen im Auge habe, obwohl das im Moment erlaubt wäre. Ich sehe viel weiter. Das Schicksal der sechs Millionen russischer Juden ist mit dem des russischen Volkes, mit dem Schicksal anderer Völker Rußlands eng verbunden. Man will einen Teil der Juden vernichten, den anderen Teil hinausdrängen. Will man das nicht den alten Pharaos lassen? Sehen Sie, was für einen Schrecken das jüdische Volk in den letzten drei Jahren erlebt hat. Etwa vierhunderttausend Juden sind nach Amerika ausgewandert. Amerika hat nichts gegen sie. Alles, was kräftig, jung, voll Initiative ist, — ist dahin. Zurück bleiben die Alten, Schwachen, aber die Zahl der Juden vermindert sich, nicht. Man wird sie fallen lassen müssen, die Pläne der ägyptischen Pharaos! Das Schicksal der russischen Völker ist mit unserem verbunden, und das Glück Rußlands kann nur in dem Wohlergehen aller seiner Völker liegen.... Wenn wir Juden Sie hier an die schrecklichen Geschichtslehren erinnern, so ist es nicht, um in Ihnen das Gefühl des Schreckens zu erwecken. Unseren bösesten Feinden wünschen wir auch nicht für nur eine Stunde in unserer Haut zu sein, und Sie halten wir doch für unsere Freunde. ... Sie sehen, meine Herren, unsere Zeit ist erfüllt von einem Rückfall in Wildheit und Barbarei, und diejenigen, welche von der europäischen Zivilisation eine Ahnung haben, wissen, daß unsere Sache ihre Sache ist, daß es unsere gemeinsame Sache ist Sie müssen aber wissen, mit Interpellationen allein wird da nicht geholfen. Ich schlage Ihnen darum weder eine Tagesordnung noch eine Interpellation vor. Das wird nicht helfen. Was können uns die Minister sagen? Sie verabreichen uns Lügen unter dem Staatsbanderoi. Wir haben zwei Berichte über Bjelostok, und wir wissen, welchem von beiden wir glauben müssen. Und Sie sehen ja auch, was jetzt geschieht: Es fährt ein General, um das Verhalten des Militärs in Bjelostok zu untersuchen, und wir haben gleichzeitig telegraphische Nachricht, daß den Soldaten der Dank für das musterhafte Verhalten während des Pogroms ausgesprochen wurde. Es fährt ein Beamter, um die Vorgänge zu untersuchen, aber die Minister kennen schon im voraus seinen Bericht. Es gibt eine Anekdote, die von einem Soldaten erzählt, der in ein großes Ziel schoß, die getroffene Stelle mit einem Zirkel umkreiste und dann prahlte, er hätte in den Kreis gezielt und das Zentrum getroffen. Unsere Minister, die zuerst den Soldaten danken und dann ihr.Verhalten untersuchen, — sind auch solche Schützen... Was ich zu sagen habe, ist dieses: Sie müssen wissen, meine Herren, über den Köpfen von sechs Millionen Menschen schwebt das furchtbarste Verhängnis. Die Juden können sich nicht beruhigen! Es steht eine große Arbeit bevor — für Sie und für uns. Hoffen Sie nicht ausschließlich auf Zeitungsartikel und Interpellationen! Jeder von Ihnen muß an Ort und Stelle die lebhafteste Agitation entwickeln. Das ist Ihre Aufgabe, das ist unsere gemeinsame Aufgabe. Aber für Sie ist sie bequemer auszuführen. Beweisen Sie, daß auch Sie den Pogromen entgegenarbeiten. Beweisen Sie es vor der ganzen Welt! ..... Unsere gegenwärtige Lage ist zu schwer. In diesem Zustand kann das jüdische Volk nicht länger verbleiben; es gibt bald keine Kraft mehr, sich zu empören. Als ich ein Kind war, weinte ich über jeden im Pogrom Getöteten. Jetzt können wir nicht mehr weinen, wir haben es verlernt. Kommen Sie doch zum Sukkurs herbei, wir werden zusammen arbeiten, wir werden verschiedene Wege gehen, aber zum Ziele werden wir zusammenkommen, um uns die Hände zu reichen. Vom Individuellen durch das Nationale zum Allgemeinmenschlichen, — dort werden wir uns treffen. (Langanhaltender Beifall.)