Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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DREI REDEN JÜDISCHER DUMAABGEORDNETER WEGEN BJELOSTOK Im Nachfolgenden bringen wir auszugsweise die Reden von Rechtsanwalt Winawer und unseren Gesinnungsgenossen Jakubsohn und Lewin. Alle drei Reden fanden den außerordentlichen Beifall der Duma und übten eine tiefe Wirkung. Für uns aber stellen diese Reden in ihrer mannhaften Art Dokumente des neuen Judentums, dar. Sie sind uns in dieser schweren Zeit doppelt wertvolle Beweise für die Kraft, die, leider so grausam niedergehalten, im Schöße des osteuropäischen Judentums ruht, Rede des Dr. Jakubsohn Als ich in Bjelostok auf dem Friedhof war, wo ganze Haufen der Erschlagenen lagen, begleitete mich ein Bjelostoker Freund, der mich fragte: „Was wird Euer Herkommen bringen, was könnt Ihr tun? Wozu seid Ihr gekommen? Die Toten lebendig machen? Die Wahrheit aufdecken? Könnt Ihr uns für die Zukunft Ruhe versprechen? Habt Ihr denn Kraft dazu?" Ich fühlte mich machtlos, fühlte, daß die Arbeit vergebens sei. Aber die Eltern und nächsten Freunde, die ihre teuren Toten beweinten, wiederhorten mir das Eine: Erzählet ihnen alles, was hier geschah, was man hier angerichtet hat. Und als ich den Regierungsbericht las, als ich sah, wie alles in ihm gefälscht wurde, fühlte ich, daß ich den mir gegebenen Auftrag der Freunde der Opfer erfüllen muß. Es ist für uns wichtig, zuerst die vorangegangenen Gründe des Pogroms festzustellen.' Wenn das Volk 'sich aufregt, wenn es zu verstehen beginnt, daß es bettelarm und hungrig ist, während andere die Früchte seiner Arbeit verzehren, beschließt die Regierung, die Aufmerksamkeit des Volkes von den wirklichen Schuldigen abzulenken und seiner Unzufriedenheit eine andere Richtung zu geben. In der ersten Zeit der Anwendung dieses Systems hat die Regierung den Süden und Südwesten gewählt, wo das Volk expansiver und aufnahmefähiger ist. Später hat sie beschlossen, den Funken der Feuersbrunst auch nach dem Westen und Nordwesten zu werfen, wo bis jetzt — als Einwohner dieser Gegend kann ich es bezeugen — von Pogromen nichts zu hören war. Und so organisiert die Regierung einen Pogrom in Bjelostok. Schon im vorigen Jahre, während des Streiks, bemühte sich die Administration, die Einmütigkeit der verschiedenen Bevölkerungsschichten, namentlich der jüdischen und christlichen Arbeiter zu zerstören. Man veranstaltete Versammlungen, wo den christlichen Arbeitern folgendes gesagt wurde: , Wozu geht ihr mit den Juden? Streiktnicht, geht zur Arbeit, wir werden euch stützen, und rechnet ihr lieber ab mit den jüdischen Kameraden!" Die teuflischeMachination gelang nicht ... Der Redner erzählt weiter von ähnlichen Versuchen der Administration. Er bringt. Zeugnisse vor von Christen, Arbeitern und Beamten, die behaupten, daß die lokale christliche Bevölkerung keinen Anteil an dem Pogrom genommen hatte, daß dieser vielmehr von gemieteten Banden ausgeführt wurde. Weiter spricht er von der Schuld des Ministers des Innern. „Ich behaupte vor allem, daß das Ministerium die Schuld trägt. Der Minister mußte wissen, was in; Bjelostok vorgeht. Sie wissen aus dem Bericht, daß man am 2. Juni, als der Pogrom in vollem Gange war, den Minister gebeten hat, Maßnahmen zu treffen.. Wenn der Minister den Pogrom nicht gewollt hätte, hätte er sofort einen'Befehl schicken sollen, den Pogrom einzustellen. Wenn er dasnicht getan hat, wollte er, daß der Pogrom weiter dauern soll,, ist also ehr> Mitschuldiger und Anstifter des Pogroms. Er muß also \d&m Gericht überwiesen werdend .(Großer Beifall.) - . ' Wenn -er einen Befehl hingeschickt hat, dem man keinen.:Ge- horsamileistete,; wie ist in diesem Falle seine Rede.hier zu erklären?; -Er sagte, er;sei im:Besitze der ganzen Macht,» 'die ihm anvertraut 'worden ist, damit er die Ordnung in Rußland aufrecht erhätten-soll. Er kenne keine. ^Gespenster*, die ihn daran hindern könnten.^ In dem Falle, wenn Solche Gespenster da wären, hätte er sie beseitigt. ^Bä abep r-' wenn diezweite" Voraussetzung rgilt seinem 'Befehle, keine Folge geleistet worden ist, so ist er ein Ministernohne Macht, -und wäre er politisch ehrlich, so Kätte-eh sagen niüssen.- Ich. gehe. . (Großer Beifall.) > r-, u.. Unsere Minister handeln aber entgegengesetzt.' Sie. sageit — wir werden: überlegen und die Schuldigen zur Veranh^riThni^Lienen. Sie sollen lieber an die "Worte der arfehvFabelif^nt%n. •!fote'$eirie Nächsten zu zählen, wäre es denn nicht besser, dich selbst im Spiegel anzuschauen?" (Stürmischer Beifall.) Dann kommt die Frage von der Rolle des Gouverneurs, als der lokalen Macht. Was hat er getan? Er hat nicht nur als Administrator nichts getan, er hat auch als Mensch versagt. Es genügt nicht, ein Gouverneur zu sein, man muß doch vor allem ein anständiger Mensch sein. Am Pogromtage kam er nach Bjelostok und fuhr durch die Alexandrowskajastraße, wo Verwundete am Pflaster lagen. Ein Verwundeter lag seit dem Morgen da, an seinen Lippen klebte eine Zigarette, die er nicht entfernen konnte. Der Gouverneur fährt vorüber. Der Verwundete hebt den Kopf, bewegt die Hände. . . Und da lagen noch viele Verwundete, denen seit dem Morgen keine Hülfe geleistet worden war. Ich stelle mir die Hoffnungsfreude dieser Ärmsten vor beim Herannahen des Gouverneurs, der die Macht hat, die Pflicht hat, zu befehlen, man solle ihnen Hülfe leisten. Der Gouverneur fährt vorüber, hält gar nicht an, fährt zur Polizeiverwaltung, bleibt dort eine halbe Stunde und kehrt denselben Weg zurück, ohne etwas zu unternehmen. Er stellt sogar nicht einmal die Frage: „Wer hat euch verwundet und wie geschah es?" Und so blieben die Unglücklichen bis zum Abend liegen, wo man sie in einem Haufen, Tote und Verwundete zugleich, nach dem Krankenhause schaffte. Auf dem Wege wurden die Verwundeten erstickt und starben gleich nach der Ankunft im Krankenhaus. Und das ist ein Mensch?! ■ ■> (Stimmen: Das ist ein Henker!) Wenn wir einen Augenblick zugeben sollen, daß die Militär- "gewalt ihm seine Macht genommen hat, so war er doch moralisch verpflichtet, sofort sich rein zu waschen und seinen Posten zu verlassen. Vom Gouverneur haben wir noch kein Wort gehört. Er versteckt sich hinter fremde Rücken oder deckt für eine gewisse Bezahlung andere, höhere Mörder. Er kommt nach Bjelostok und flieht sofort nach Wilna zum Generalgouverneur, wo auch der Polizeihusar Scheremetjew weilt. Möge er doch selbst sagen, was sie beide an einem Ort vereinigt hatl (Großer Beifall.) Und das ist der Gouverneur, dessen Pflicht es ist, wie uns der Minister gesagt hat, das Leben, die Ehre und das Eigentum der Bürger in der Stadt zu wahren, die ihm anvertraut worden ist! Und dieser Gouverneur bleibt noch immer auf seinem Posten?! Als weitere unmittelbare Schuldige am Pogrom bezeichne ich die Polizei und das Militär, v/elche jetzt mittels gefälschter Berichte die Wahrheit zu entstellen suchen. Aber das Maximum an Abscheulichkeit, das Maximum an zynischer, gerichtlich aufs nachdrücklichste zu verfolgender Provokation stellt der letzte Regierungsbericht dar. Die Minister sagen: Wir werden eine gerichtliche Untersuchung veranstalten. Meine Herren! Wir haben keinen Glauben an eine gerichtliche Untersuchung. Dort, an Ort und Stelle wissen das die. Leute besser. In Bjelostok, nach dem Pogrom, veranstaltete die Stadtduma eine Sitzung, die dem speziellen Zwecke der Feststellung der richtigen Schuldigen, gewidmet war. - , In die Sitzung kam ein sozusagen kleiner „lokaler Minister des Innern", der Adelsmarschall, der sagte: „Meine Herfen! das ist nicht unsere Sache, das Gericht wird" schon untersuchen, wer die Schuld trägt." Die empörte Stadtduma hat ihn hinausgejagt. Die Duma erklärte selbst, daß eine gerichtliche Untersuchung, die Wahrheit nicht aufklären \yird. Und in der Tat gibt es dort zu viele Hindernisse für die Aufklärung der Wahrheit. Die Hauptzeugeri sind ermordet. Diejenigen jüdischen Zeugen, die am Leben blieben, wjeYdeir in die Gefängnisse gesteckt . . . ."' ' ' / ./ * ~ Der Redner erzählt, wie rna,ri einen Arbeiter,- der.aÜejn aus der Fabrik Podljeschnk, wo alle ermordet wurden, am ^ben)jge(blieben ..ist, verhaftet hat unter der Anschuldigung, ej:fhabe-,ein chrisitfches 'Kind ermordet. Weiter charakterisiert er die ÜbeVfuhrurig.des Röfizeimeisters Mazewitsch und des Polizisten Baibak nach,. Bjrest-Litowsk als eine Belohnung für ihren ^Diensteifer, und erzählt;vom Sg^iieGken der Brest-Litowsker Üuden, da man die' ßjeldstokef .Möjifl^rl^uVthnen gebracht h,at. >r ... t ^' '✓..o . ' Der Resdrier•, schließt mit fönenden Worten„Meine/ Herren! ...Uns umgibt eiq^ Atmosphäre von ßlift,:; yphiTr^en,., und dumpfer VV erzweif lung. Ich ^enapfinde es dabei 'als. den einzigen Trostr daß; jcji. meine Anklagen -.von dieser.Tn'bu^^^^^hen' kann*, ]ps"gab Viele; Ppgrome; bjs jetzt kannte aber;$ff judis^3ev|Sl^üng ihre Klagen nicht vor das russische Volk bringen/ Wir wandten uns^ an dieAdministration: Ais Antwort-bekamen