Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16 DIE^ELT No. 28 tikel über die russische Polizei und die Judenmassakers in Rußland, der besonderes Interesse bietet: Leroy-Beaulieu, bekanntlich ein hervorragender Kenner russischer Verhältnisse, bestätigt die Auffassung, daß die Judenverfolgung eines der Mittel ist, wodurch die russischen Behörden die Revolution abzulenken suchen. Das ist seit fünfundzwanzig Jahren, seit dem Ministerium Ignatiew, das klassische Verfahren der Gegner jeder liberalen Reform. Um die Massen der revolutionären Propaganda zu entreißen, hetzt man sie gegen die Juden und die Nichtorthodoxen, die als Feinde des Zaren und des russischen Volkes bezeichnet werden. Ich war im Mai in Petersburg. Schon damals wurden baldige Pogrome gegen die Juden angekündigt. Die Liberalen machten ihren Gegnern den entschiedenen Vorwurf, sie bereiteten diese vor. Die wenigen Verteidiger dessen, was die Russen das alte Regime nennen, machten ihrerseits kein Hehl aus ihrer Hoffnung, daß durch die Judenfrage die Revolution aufgehalten und die Duma entzweigeschnitten werden könnte. Die Duma hat sich in ihrer Entrüstung über die Metzeleien in Bjelostok und die Enthüllungen des Fürsten Urussow einmütig gezeigt. Das Ministerium, das die Urheber solcher Mordszenen nicht an ihrem Tun verhindern oder dafür bestrafen konnte, scheint sich nicht nur vor der öffentlichen Meinung, sondern vielleicht sogar im kaiserlichen Palast um jeden Kredit gebracht zu haben. Es ist hofre Zeit, daß die Regierung sich von dem Verdacht reinwasche, sie stecke mit den Mordgesellen von Bjelostok unter einer Decke. BJELOSTOK Massen-Emigration aus Bjelostok Hier herrscht noch immer große Pogrompanik, und die Bevölkerung flieht massenweise, wohin sie kann. Vor einigen Tagen wurde die Nachricht verbreitet, daß am 3. (alten Stiles) eine „patriotische" Demonstration stattfinden solle. Die Juden wandten sich an den Generalgouverneur Bogajewsky, der geantwortet hat, daß er eine patriotische Demonstration nicht verbieten könne. Er werde sie aber von Soldaten umgeben, die die eventuellen Exzedenten verhaften werden. Der Generalgouverneur Bogajewsky erteilt überhaupt seit dem Pogrom oft Ratschläge an die Juden. Unter anderem riet er, die Juden sollten für das Geld, das sie jetzt zusammenbringen werden, ihre Jugend nach Amerika schicken, dann wird, meinte er wohlwollend, Ruhe eintreten. Eine zurückgewiesene Geldspende Die Wilnaer Stadt-Duma hat 30000 Rubel zu Gunsten der Geschädigten von Bjelostok gespendet. Sie hat aber den Vorschlag abgelehnt, sich zu Ehren der Ermordeten von 'ihren Sitzen zu erheben. Nachdem dies den Bjelostoker Juden bekannt geworden, haben sie beschlossen, das Geld abzulehnen. Gouverneur Küster — abberufen Petersburg, 8. Juli. Der Gouverneur von Grodno, Küster, zu dessen Amtsbezirk Bjelostok gehört, ist abberufen worden. Die Haltung des Militärs während des Massakers in Bjelostok Bjelostok, 9. Juli. General Badujew ist hier eingetroffen, um eine Untersuchung über die Haltung des Militärs während des Pogroms anzustellen. Der neue Gouverneur von Grodno Wie aus Warschau telegraphiert wird, wurde zum Gouverneur in Grodno, an Stelle des wegen der Bjelostoker Judenmassacres abberufenen v. Küster, Generalmajor Seen, der bisherige Kanzleidirektor des Generalgouverneurs von Finnland, ernannt. Die Verhandlungen der Duma Wir haben in der letzten Nummer im Auszug den Bericht der Duma-Kommission über den Pogrom in Bjelostok gebracht. Aräkanzew, der ihn mit vielen persönlichen Ergänzungen vortrug, beantragte zum Schlüsse, die Duma-Abgeordneten mögen sich zur Ehrung der unschuldigen Opfer von den Sitzen erheben. Das ganze Haus erhob sich. Nach Aräkanzew sprachen Prof. Schtschepkin und unser Gesinnungsgenosse Jakubsohn in sehr wirkungsvoller Weise, worauf die Verhandlung vertagt wurde. Am 9. Juli nachmittags wurde die Verhandlung über die Ereignisse in Bjelostok fortgesetzt. Die Debatte gestaltete sich sehr lebhaft. Der Abgeordnete für Wilna, der katholische Bischof Baron Roop, erzählte in seinen Ausführungen unter anderm, ein General habe gesagt, die Soldaten würden niemals auf Christen, sondern nur auf Juden schießen. Redner gab seiner Überzeugung Ausdruck, daß die obersten Chefs der Verwaltung, wenn sie es wollen, immer imstande seien, den Pogroms ein Ende zu machen. Der Generalgouverneur von Wilna habe'einmal antisemitische Agitatoren zu sich berufen und sie gebetenkeine Pogroms zu arrangieren. Sie hätten erwidert: „Sie wollen es nicht, dann werden wir nichts tun." Redner stellt fest, daß unter den Soldaten und den Polizisten eine gewisse Reizbarkeit gegen die Juden bestehe. Die Ursache sei die mustergiltige Organisation der Juden, die bei den Christen Neid hervorrufe. (!) Es sei notwendig, sagt Redner, den westlichen Provinzen das Selfgovernment* zu gewähren, da sonst Pogroms unausbleiblich seien. Die Zentralregierung beschäftige sich stets mit der Russifizierung der westlichen Provinzen; sie habe sogar die Bildung einer gemäßigten konstitutionellen Partei in Wilna unter dem Vorsitze des Bischofs verboten. Die Regierung leiste so den Extremen Vorschub. Abgeordneter Winawer hielt eine lange Rede, in der er verschiedene Tatsachen anführte, welche die Teilnahme der Zentral - regierung an den Judenmassacres beweisen. Die Regierung wolle die Juden zwingen, daß sie ihre Revolutionäre verraten. Die gesamte russische Nation verabscheue die Akte der Grausamkeit und Barbarei. (Beifall.) Darauf bespricht Roditschew in einer scharfen Rede die Politik der Regierung und erklärt, diese sei voll von Lügengeweben und bringe das Land in eine große Gefahr. Redner schließt: „Wir haben uns an die Minister gewandt und sie gebeten, zurückzutreten. Aber sie sind taub, sie wollen die Stimme der Nation nicht hören und das Gewitter nicht, das naht, und wenn die Regierung aus Furcht vor einem Ausbruch des Unwillens sich zum Rücktritt entschließen wird, wird es zu spät sein." Roditschew, der sehr erregt gesprochen hat, verläßt die Tribüne unter Beifallsrufen des ganzen Hauses. Nach einer wirkungsvollen Rede unseres Gesinnungsgenossen Lewin wurde die Weiterverhandlung vertagt. Zionistische Protestversammlung in Preßburg Der Ahawat-Zion-Verein hat Sonntag den 8. Juli im großen Saale des Etablissements „Bellevue" ein großes Protestmeeting abgehalten, dessen imposanter Verlauf einen ausgezeichneten Eindruck hinterließ. Es waren die Vertreter beider jüdischer Gemeinden und aller jüdischen Institutionen, ferner eine große Anzahl hervorragender Persönlichkeiten aller Konfessionen erschienen. Der Primararzt Dr. Fischer eröffnete die Versammlung mit einer Rede, in der er die Notwendigkeit einer Stellungnahme zu den Greueltaten in Rußland betonte. Der christliche Reichtagsabgeordnete Dr. Otto v. Szjklai sagte, daß jeder billig denkende Mensch davon überzeugt ist, daß jene unmenschlichen Metzeleien gebrandmarkt werden müßten. Die Handlung der russischen Behörden widerspreche eben so sehr dem politischen Gesetze als dem der Humanität. Der Malteserritter Dr. Georg Schulpe verdammt den Vernichtungskrieg, den die russischen Gewalthaber gegen die Juden führen vom Standpunkt der Gleichheit und der Nächstenliebe und ganz besonders aus sozialpolitischen Gründen. Herr Hermann Steiner liest in wirksamer Weise die Schilderung OssypDemows: „Pogrom" vor. Reichstagsabgeordneter Marczell v. Jankovich führt in hinreißender Rede, die an die machtvolle Rhetorik seines großen Oheims Ludwig Kossuth erinnert, aus, daß die Verschiedenheit der Rasse und Konfession nur zu veredelndem Wettbewerb führen dürfe. Wir dürfen aber niemals vergessen, daß wir Kinder eines Gottes seien, wenn wir ihm auch verschiedene Namen geben. Der Professor der evang. Theologie Ladislaus Stromp erwähnt in einer schön durchdachten Rede, daß wir in den Juden die ersten Verkünder des Monotheismus erblicken sollen und sagt, daß ein Staat, der seine Kinder tötet, seine Lebensberechtigung einbüßt. Die Versammlung nimmt hierauf einstimmig die vom A.-C- Mitgliede S. Bettelheim vorgelegte und vom Gemeinderat Dworak ungarisch verdolmetschte Resolution an, lautend: Die in Preßburg stattgehabte tausendköpfige Versammlung drückt ihr tiefstes Mitgefühl mit den Opfern des Bjelostoker Pogroms aus. Sie gibt der Hoffnung Ausdruck, daß es der Duma gelingen