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Die Welt · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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% :No/28; -DllMEtT 15 sich einige solcher Schandpfahliiägel zu verschaffen. Es wäre vielleicht gär nicht überflüssig, einige von den sogenannten Führern in Israel, „Linke und Rechte", an den Ohren herbeizuschleppen und an die Pforten der Stadt anzunageln ... als Strafe für geistige Knechtschaft, für freiwilligen Dienst bei fremden Göttern. Das zweitemal, da wir auf Nägel stoßen, ist es unter ganz anderen Umständen. Das große, unbarmherzige römische Volk hat seine eiserne, bluttriefende Hand auf die ganze umliegende Welt gelegt und schließlich auch auf das kleine freie jüdische Land. Aber als die ganze Welt sich mit ihrem Los zufrieden gab, das Joch der Römer trug, ihren Göttern diente und römische Kultur annahm, konnte sich das kleine Palästina unter gar keinen Umständen damit abfinden. Und im Lande Juda verging kein Tag ohne Aufstand, ohne Revolution. Die Römer haben, wie gewöhnlich, mit Blut und Eisen geantwortet, schickten „Strafexpeditionen", warfen die Revolutionäre in die Festungen, in den Zirkus, damit die wilden Tiere sie zerfleischten, schlugen lebende Menschen mit Nägeln ans Kreuz. Letzteres, das Kreuzigen, war eine speziell-römische Todesstrafe. Sie setzten lebende Menschen auf scharfe Pfähle — auch das war eine speziell-römische Strafe —, zogen lebenden Menschen die Haut ab, rissen Lebenden das Fleisch mit eUernen Kämmen herunter. Alles aber half nichts. Bald hier, bald da, bald in den Bergen Judas, bald in den Bergen Ephraims, bald in Saron erschien irgend ein „Revolutionär" und „wiegelte" das Volk auf gegen die Römer. Hunderte solcher Aufwiegler tauchten auf, Hunderte von ihnen warf man in den Kerker, und die versklavte römische Justiz fand schon Gesetze, um zu verurteilen, den einen für revolutionäre, den andern für soziale Ideen, den dritten für den Gedanken an Meschiach ben David. Man hat immer. einen Gesetzesparagraphen zum Kreuzigen entdeckt. Einer dieser Gekreuzigten kam hoch zu Ruhm, und seine Nägel wurden durch andere Völker symbolisiert. . . Diese Nägel aber haben eine gar tiefe Spur in unserer Geschichte hinterlassen, eine furchtbare, blutige Spur; teuer, sehr teuer, haben wir für diese Nägel bezahlt. Denn die europäischen Völker, die wirklichen geistigen Erben des unbarmherzigen, tyrannischen, eisernen Rom, vergießen unser Blut dafür, daß ihre Eltern, die Römer, einmal Nägel schlugen in einen der Unsrigen, der wider sie revoltierte und unsere politischen und sozialen Ideale predigte. Für ihre Freiheitsliebe, für ihr Streben nach anderen sozialen Idealen, schlägt man heute noch Nägel in die lebenden Körper der Juden. Das ist die Geschichte der Bjelostoker Nägel. Die römischen Ideale, die römischen „Nägel" haben sich bei den europäischen Völkern entwickelt und bestehen heute noch. Ob trotzdem die jüdischen Ideale siegen werden? Ob man einst auch „unsere Nägel" benutzen wird, urn die geistigen Knechte an die Pfosten der Türe anzunageln? Ob diese Zeit kommen wird? Wer weiß. Glücklich, wer wenigstens an die Zukunft glauben kann. „Auf dem Wege nach Zion" Unter der Überschrift: „Ein Jargon-Dramatiker" bringt das „Berliner Tageblatt", einen Essay aus der Feder von August Scholz, der besonders als Übersetzer Gorkijs bekanntwurde, über Schalom Asch und desen Bühnenwerk „Messianische Zeiten", das an zahlreichen russischen Bühnen unter dem Titel: „Auf dem Wege nach Zion* mit großem Erfolg zur Aufführung gelangte. Indem wir noch bemerken, daß Schalom Asch in der letzten Zeit ein neues Drama in 3 Akten fertiggestellt hat, dessen Aufführung in der nächsten' Theatersaison bevorsteht, lassen wir nunmehr die Äußerungen Scholz* folgen: Für die russische Kunst und Literatur war das letzte wild bewegte * Jahr recht unergiebig. Die besten der russischen Dichter weilen im Ausland, wo sie in Banger Spannung die Entwicklung beobachten, die die politischen Ereignisse in der Heimat nehmen. Die Mehrzähl der Theater lebte von der Hand in den Mund; zahlreiche Existenzen sind hier, wie auf anderen Gebieten, zugrunde gegangen. Von dramatischen Novitäten ist nicht viel zu berichten — alles, was irgend interessant zu werden versprach, wußte die Zensur zu unterdrücken oder so zu verunstalten, daß es ungenießbar wurde. Um so bemerkenswerter ist ein theatralischer Erfolg, den noch die zweite Hälfte der russischen Saison gebracht hat — und zwar ist es ein im Jargon schreibender Schriftsteller, dem e,r zugefallen ist. Daß die sechs Millionen russischer Juden, deren Muttersprache das vielbespöttelte „Jiddisch" ist, sich in Ben letzten beiden Jahrzehnten eine eigene Literatur und Presse geschaffen haben, daß schätzenswerte Schriftsteller, wie Perez, Rosenfeld, Abramowitsch, Rabinowitsch, die Leiden und Freuden ihres Volkes in mannigfachen dichterischen Schöpfungen mit Erfolg geschildert haben, ist auch in weiteren Kreisen wohl bekannt. Aber hier hat einer, dem der Rahmen der Ghettopoesie zu eng geworden, den Sprung in die große Literatur hinein gewagt, und die Kritik ist einstimmig der Meinung, daß ihm das Wagnis gelungen ist. Und so wird man sich denn den Namen Schalom Asch für die Zukunft merken müssen. Asch, der erst in der Mitte der Zwanziger steht, ist bereits mit einer Reihe fein empfundener Erzählungen und Skizzen aus dem Leben der polnischen Juden sowie mit einigen Einaktern im engeren Bereich der Jargon-Literatur an die Öffentlichkeit getreten. Nun hat er sich vor einiger Zeit im Dramatischen Theater der Frau Kommissarschewskaja in Petersburg mit einer dramatischen Dichtung „Messianische Zeiten" dem Publikum der Newaresidenz vorgestellt und die russische Kritik hat sein in einer guten russischen Übersetzung gespieltes Stück einmütig als eine überaus starke Talentprobe begrüßt. Es ist seither unter stets gleichbleibendem Applaus über einige zwanzig russische Bühnen gegangen, und jetzt haben auch die polnischen Bühnen das'Stück in ihr Repertoire aufgenommen: als erste das königliche Theater in Warschau, wo es, wie im „Berliner Tageblatt" bereits berichtet wurde, dieser Tage ebenfalls einen sehr kräftigen Erfolg fand. Selbst der Kritiker der antisemitischen „Nowoje Wremja" muß die ungewöhnliche dichterische Begabung von Schalom Asch anerkennen, von dessen talentvollem Stück es ihn anweht „wie der Geist Heines", dem er „bis zuletzt mit größtem Interesse zuhörte", dessen Gestalten „er als völlig glaubwürdig hinnehmen mußte". „Messianische Zeiten" nennt Schalom Asch sein mitten aus der lebendigen Gegenwart herausgegriffenes Drama. Aber ist es denn ein Drama, was er da geschrieben? Sicherlich keins nach den Regeln der zünftigen Dramatik. Doch wir haben ja in den letzten Jahren soviel gesehen, das sich als bühenwirksam erwies und dabei auf die hergebrachten dramatischen „Forderungen" nicht die geringste Rücksicht nahm. Der Erfolg hat jedenfalls Schalom Asch Recht gegeben. Im Mittelpunkt seines auf russisch-polnischem Boden spielenden Stückes steht Reb Chonon, ein würdiger jüdischer Patriarch von achtzig Jahren, der beschlossen hat, mit seiner greisen Gattin nach Palästina zu pilgern, um dort, im Lande der Väter, sich zur Ruhe zu legen. Er hat seine Söhne und Enkel in sein behagliches Haus geladen, um sie zu segnen, sie im alten Glauben zu befestigen und von ihnen Abschied zu nehmen. Da kommen sie nun in dem alten polnischen Städtchen Kazmierz beim Großvater aus allen Landen zusammen, die Söhne und Töchter, die Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, Enkel und Enkelinnen — insgesamt wohl ein gutes Dutzend, und jeder und jede verkörpert irgend eine Richtung des heutigen Judentums. In feingeschliffenen Pointen läßt Asch sie ihre Ansichten und Überzeugungen offenbaren, und das gibt in der temperamentvollen, mit gewählten Mitteln arbeitenden Darstellung dieses talentvollen Autors einen so wohl abgetönten Zusammenklang der Meinungen, Gefühle und Stimmungen, daß der Zuhörer bis zum letzten Augenblick gefesselt bleibt. Der Abschied Reb Chonons von den Seinen bildet den Inhalt der drei Akte des Stückes. Schlicht und anspruchslos einsetzend, steigert sich der Vorgang im zweiten Akt, der den Abschied Reb Chonons vom Grabe seiner Eltern bringt, und dann weiter im dritten, der die nächtliche Scheideszene auf der Landstraße schildert, zu einer poetischen Höhe, die in ihrer weihevollen, tief angelegten Symbolik wie ein ergreifendes Mysterium wirkt. Die Extase des Messianismus greift von der Bühne auf die Zuschauer über, und man glaubt es diesen leidenschaftlichen, innerlich aufgepeitschten Menschen, daß etwas Neues aus dem Schöße der Zeiten, aus dem immer noch unerschöpften Boden ihres Volkstums geboren werden will. In einem sagenhaftvisionären Schluß klingt das Ganze aus: die schöne Schneiderstochter Esther, die- Geliebte des Polenkönigs Kasimir, erscheint in den Ruinen ihres alten Schlosses: sie ist blind und geht an einem Stecken, mit dem sie in den Trümmern nach ihren schönen schwarzen Augen sucht, die der König ihr nach dem Tode aus dem Kopfe nehmen ließ, um vor ihnen *seine Andacht zu verrichten. Ohne Augen kann sie nicht vor ihrem ewigen Richter erscheinen. . . ." Der bekannte'französische Leroy-Beauüeu über die Pogrome Kulturhistoriker Anatoie Leroy-Beaulieu veröffentlicht in dem „Temps" einen längeren Arr M

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