Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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daß die nächste Aufgabe in dem Überwinden des gemeinsamen Feindes besteht, hat es keinen Wert, zu beweisen, wer am meisten leidet. Diese Lage der Dinge schließt ebenso einen Vorzug wie einen Nachteil für die Juden in sich. Es kann davon keine Rede sein, daß ein großes Volk, wenn es sich befreit, irgend welche Beschränkungen für andere bestehen läßt. In solchen Momenten ist ein Volk großmütig und ist bereit, Rechte in Hülle und Fülle zu verteilen. Das ist der Vorzug. Der Nachteil aber besteht darin, daß es viel leichter ist, eine Sache zu verteidigen, wenn der Gegner einem gegenübersteht, wenn man fühlt, daß unsere Stimme ihn unmittelbar erreichen wird. Wenn ich mich aber in der Duma befinde und mich gegen einen Feind wenden muß, der* außerhalb der Duma sich aufhält, bedeutet das, sich nicht an die Deputierten wenden, sondern „hinaus ins Freie", und das gibt dem Redner weder Kraft noch Antrieb genug zum Sprechen. Wahr ist, — die Zahl der jüdischen Feinde ist nicht kleiner geworden, aber eben sie befinden sich nicht innerhalb der Duma, und sogar die paar Dutzend unserer Feinde, die sich etwa in der Duma finden, halten sich vorläufig gleichsam versteckt, weil sie, allem Anschein nach, vor der überwältigenden Mehrheit Respekt haben, oder sie sammeln vielleicht Kräfte für den richtigen Zeitpunkt, da es sich nicht um Diskussionen handeln wird, sondern um Gesetze, deren Punkte man klar und bestimmt wird feststellen müssen. Wie es aber auch mit der Taktik der Antisemiten in der -Duma bestellt sein mag, klar war von Anfang an, daß von der ganzen Zahl von etwa 500 Deputierten mehr als 4/s nicht nur für die Gleichberechtigung der Juden, sondern auch für ihre Vollbeiechtigung stimmen werden. Nicht klar war die Stimmung in bezug auf die nationalen Rechte. Vorläufig kann man aber sagen, daß auch in diesem Punkte die Duma einen schönen Platz unter den Parlamenten der Welt einnehmen wird. Alle diese Umstände in Betracht ziehend, mußten die Deputierten der jüdischen Gruppe eine besondere Taktik ausarbeiten, und ohne zu übertreiben kann man sagen, daß diese Aufgabe keine leichte war. Einerseits fühlten sie die große Verantwortlichkeit, die sie auf sich genommen haben, sie fühlten, wie ungeduldig die jüdische Masse auf den Moment harrte, wo die Stimmen ihrer Deputierten ihren Protest so laut aussprechen würden, daß die Wände des Taurischen Palastes davon erzittern sollten. Anderseits sind aber die jüdischen Deputierten zu der Überzeugung gekommen, daß es gerade jetzt nicht lohnt, die jüdische Frage künstlich aufzuwecken. Wenn jemand anderer sie berühren wird, dann ist es ein ander Ding. Wenn nicht, — dann muß man eben Geduld haben und warten, bis die Judenfrage als eine selbständige Frage aufgeworfen werden wird und nicht mit anderen Fragen wird vermengt werden können. Die jüdischen Deputierten sind zum Schlüsse gekommen, daß es ihrerseits ein Versehen wäre, wenn sie die große Judenfrage für kleine Münze ausgegeben, wenn sie nicht von dem einzigen großen Übel gesprochen hätten, das alle Seiten des jüdischen Lebens umfaßt, sondern von tausend verschiedenen Übeln, unter denen sie leiden. Das war die Taktik der jüdischen Gruppe. Einzelne Deputierte waren — es ist wahr — mit dem System des vorläufigen Schweigens nicht einverstanden, aber die Mehrheit hat gesiegt. Außerdem lebten alle Deputierte, welche jn der Duma die einzige Kraft erblicken, die die Regierung zum Ändern des Kurses zwingen kann, in fortwährender Angst, daß heute oder morgen ein „Allerhöchster Ukas" erscheinen werde, daß die Duma — geschlossen sei. Besonders nervös waren die jüdischen Deputierten,, die Angst hatten, daß sie den Zeitpunkt nicht erleben werden, wo die jüdische Frage auf die Tagesordnung gesetzt werden wird. Aber sie überwanden sich und ließen es nicht zu, daß diese Angst ihre Meinung über die einzig richtige Taktik beeinflusse. Und so wartete die jüdische Gruppe auf den Zeitpunkt, wo in die Duma die Gesetzesvorlage von der bürgerlichen Gleichberechtigung eingebracht werden soll. Dieses Gesetz betrifft auch die anderen unterdrückten Völker Rußlands, aber selbstverständlich berührt es am meisten die Juden. Vor etwa einem Monat wußte man schon, daß nach der Absolvierung der Agrarfrage die „bürgerliche Gleichberechtigung" auf die Tagesordnung gesetzt werden wird. Man hat aber einen Fehler gemacht, indem man voraussetzte, daß vor der Auswahl einer Kommission keine großen Debatten stattfinden würden. Wie bekannt hat man einige Wochen für Diskussionen verwendet die fast gar keinen Nutzen haben, da es nur dann einen Wert hat, den Gegner zu überreden, wenn nach den Debatten die Mehrheit ihre Meinung in einem Gesetze oder wenigstens in einer Resolution ausdrückt Um diesen Fehler, welcher der Duma einige Wochen Zeit gekostet hat, nicht abermals zu begehen, beschlossen die jüdischen Deputierten, die Debatten wegen der Judenfrage auf den Zeitpunkt zu verlegen, wo die Vorlage wegen bürgerlicher Gleichberechtigung tätsächlich eingebracht werden wird. Es ist aber vollständig falsch, zu behaupten, daß die jüdischen Deputierten die Judenfrage verschweigen wollten. Wenn man aufmerksam den Bericht von Kokoschkin liest, sieht man, wie dort alles auf die Judenfrage zugespitzt ist Auch hielten damals die jüdischen Abgeordneten Reden. Aber diese Reden waren nur beiläufige, aus zweierlei Gründen. Erstens wollte man keine langen und erschöpfenden Debatten eröffnen, bevor man eine ausgearbeitete Gesetzes vorläge vor sich hatte, zweitens fand die« jüdische Gruppe, daß die Ehre des jüdischen Volkes es verlaugt, man solle die allgemeine Judenfrage nicht mit den Bjelostoker Ereignissen vermengen, denn.die Juden müssen ihre Rechte nicht aus dem Mitleidsgefühl der andern, sondern aus dem Gerechtigkeitsgefühl heraus verlangen. Den Bjelostoker Pogrom wird die Regierung sehr entgelten müssen. Er hat übrigens bewiesen, daß sie eigentlich schon bankerott ist. Eben deswegen aber wollten die jüdischen Deputierten die. beiden Fragen, die der Pogrome und die der Gleichberechtigung nicht vermischen. Bei letzterer Frage muß nicht nur die Regierung, sondern auch die herrschende Nation im Lande aufgerufen werden. Der Moment hierzu wird dann gekommen sein, wenn in die Duma die Gesetze über die bürgerliche Gleichberechtigung eingebracht werden. Und dieser Zeitpunkt ist nicht mehr fern. . ,, In derrussisch-zionistischenZeitschrift„Kadimah" veröffentlicht NäzGl! der bekannte ostjüdische Schriftsteller A. L. Lewinsky eine originelle Betrachtung — eine „historische Parallele" — zum Bjelostoker Pogrom, die er so freundlich war, uns im Manuskript zur Verfügung zu stellen. Er schreibt: „Je mehr ich an Bjelostok denke, um so schrecklicher wird mir zu zumute. Ich hab' doch schon, Gott sei's geklagt in meinem Leben manches mitgemacht Ich habe Kischinew bald nach dem Pogrom gesehen, ich war in Hornel gleich nach der Zerstörung, ich erlebte die vier schrecklichen Tage in Odessa, vom ersten Augenblick an, — mit meinen eigenen Augen hab ich alles mit angesehen. . . . Vier hundert sechzig Ermordete, Greise, Frauen und Kinder, lagen auf dem Odessaer Friedhof, reihweise, am 24., 25. und 26. Oktober, bevor sie der Erde überliefert wurden. ... Ich habe die Tausende Verwundeter in allen Odessaer Hospitälern gesehen und die erschütterndsten Szenen daselbst beobachtet — eine schrecklicher als die andere. ... Ich bin schon ans Unglück gewöhnt, und doch kann ich Bjelostok nicht vergessen. Die Bjelostoker Nägel! Die Nägel, welche man den noch lebenden Arnstein und Schulchan in Augen, Nase, Herz und Kopf schlug, verfolgen mich, lassen mir keine Ruhe, rauben mir den Schlaf, und wo ich stehe und wo ich gehe, habe ich diese Nägel vor Augen. Nägel, Nägel! Ich erinnere mich daran, daß Nägel in unserer Geschichte vom Anfang bis zum Ende eine Rolle gespielt haben. Die ersten Nägel finden wir beim Auszug aus Ägypten. Keine Nägel zum Bauen. Moses hat überhaupt das Eisen beim Bauen verschmäht Er war ein Architekt anderer Art Er hat es wohl begriffen, daß Gebäude, welche nur mit Eisen befestigt werden müssen, nicht dauerhaft sind, darum hat er beim Bauen des Altars anbefohlen: „Du sollst an ihn kein Eisen anlegen." Die ersten Nägel hat er nicht zum Bauen, sondern zum „Annageln" benutzt. Die Ersten, die der „geistigen Knechtschaft" verfielen, wurden von ihm mit Nägeln an die Türpfosten angenagelt. Die ersten Freiheitsfeinde, die nie aus der Sklaverei befreit werden wollten, die da sagten: Ich liebe meinen Herrn, meinen Bedrücker, der mir zu essen, zu verdienen gibt, Lohn zahlt, ich will gar nicht „frei" sein .... Nur solche „geistige" Knechte hat er befohlen, öffentlich an den Schandpfahl zu nageln. „Sein Ohr sollt ihr mit einer Ahle durchbohren und mit Nägeln an den Türpfosten anschlagen, und er soll für immer und ewig ein Knecht bleiben." Es scheint übrigens, daß man die „Sklavennägel" gar nicht nötig hatte — jedenfalls aber hat man ihrer weniger benötigt als Riemen, Knuten und Proklamationen im , russischen Polizei- Departement Das jüdische Volk hat in jenen guten Zeiten und sogar nachher in viel schlechteren Zeiten sich nicht gutwillig verknechten lassen. Freiwillige Knechte haben wir nie gehabt, das jüdische Volk hat stets nach Licht und Freiheit gestrebt. ... Und in den ärgsten Zeiten der Geschichte, als es fast nur Tyrannen-Herrscher und Leibeigene-Knechte gab, sind die Juden wie durch ein Wunder frei geblieben — körperlich und geistig. Körperlich hat der Jude niemals jemand gehört, er war nie Leibeigentum, und auch geistig war er niemand Untertan. Von jenen „Schandnägeln" verblieb in der jüdischen Geschichte keine Spur. Heutzutage allerdings könnte es vielleicht gar nicht schader,