Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No; 28 DIE WELT 13 zu beschreiben, die die Juden begehen, und dafür rächt man sich an ihnen." Beweise dafür sind: Der polnische Kaiser Alexander Jagello hat befohlen: „Man soll in seinem Lande die ganze Judenrasse tot schlagen". Dasselbe befahl König Alphons von Spanien, der seine Geliebte Rahel und 100 000 Juden vernichtet haben soll. Im 14. Jahrhundert sind in Spanien 100 000 Juden erschlagen und verbrannt worden. Im 16. Jahrhundert sogar eine Viertelmillion. . . . Diese Geschehnisse und viele andere werden als nachahmenswerte Beispiele angeführt. Die „Blutrünstigkeit der Juden" wird folgendermaßen charakterisiert: „Wenn die Juden ihre Feinde überwältigen, fressen sie das Fleisch der Unglücklichen auf, lecken und trinken ihr Blut, und von ihrem Darm machen sie sich Gürtel. ..." Deswegen sind die Völker Rußlands gegen die Juden furchtbar aufgebracht, und es -kostet die Regierung große Anstrengungen, den Zorn der Russen gegen die Juden aufzuhalten. Am Schlüsse kommt der Verfasser zu folgendem Ergebnis: „Umsonst trösten sich die Juden, daß „jetzt" andere Zeiten gekommen sind. Die Zeiten und die Menschen sind dieselben geblieben wie früher. Der Unterschied ist nur der, daß man früher die Juden mit Knüppeln zu erschlagen pflegte, „jetzt" wendet man andere, edlere Mittel an.....* So beschaffen ist das Buch, das einen wirklichen Staatsrat zum Verfasser, Gouverneure, hohe Richter und Stadthauptleute zu Mitarbeitern hat. Das Vorstehende wäre die beste Antwort, die alle die, die sich in Österreich über die Parlaments rede des Abgeordneten Dr. f^ramärz empörten, seiner Behauptung, „die Juden hätten als die ersten Revolutionäre Wind gesäet und ernteten nun den Sturm der Pogrome" entgegenhalten könnten. Aber Dr. Kramarz weiß so gut wie wir, wer die Pogrome macht und welchen Zwecken des alten russischen Regimes sie dienen. Und er mag noch so emphathisch erklären, er sei kein Judenfeind — nichts wird ihn von dem Verdachte reinigen, daß er .bewußt Tatsachen entstellt hat, aus bewußtem Antisemitismus heraus. Dieser Antisemitismus vieler czechischer Parlamentarier, aus welchen Quellen immer er sich herleite, ist ja auch keine neue Sache, und daß der getaufte Dr. Stransky unter ihnen arbeitet, hat diese Feindseligkeit gegen Juden gewiß nicht verringert. Man braucht sich nur an die offen judenfeindliche Haltung der führenden Blätter wie „Narodni Listy" anläßlich der nationalen Kämpfe in Prag und anderen Städten Böhmens oder bei Gelegener Wind säet. . heit des Hilsner-Prozesses zu erinnern, und wird dann sicherlich Krarnarzs Rede nur als Konsequenz, nicht als Überraschung empfinden und über sie zur Tagesordnung übergehen. . . . Diese Rede hat übrigens ein tragi-komisches Nachspiel erhalten. In Böhmen gibt's ein seltsames Völkchen jüdisch-czechischer Assimilatoren, die — bis vor kurzem waren sie „Deutsche" — in den letzten Jahren begonnen haben, sich von den Przemysliden abzuleiten. Es ist schwer, diesem Völkchen ernsthaft ob seiner Narrheit böse zu sein. Es kann einem höchstens leid tun, daß die' Dummen unter den Juden nicht alle werden und daß es so viele Prügel regnen muß, bis die Toren die Maskerade abtun. Das Organ dieser Czecho-Juden nun, der „Rozvoj", bricht nach der Rede Krarnarzs in einen langen und bangen Jammerartikel aus. Da gibt es direkt Ausbrüche höchster Verzweiflung: „Wir predigen die Assimilation und fordern, daß die Juden sich dem Volke, in dessen Mitte sie leben, anpassen sollen . . . Aber wie sollen wir uns assimilieren und andere zur Assimilation aneifern, wenn man uns nicht als Menschen ansieht, sondern als revolutionäre Banden? Tadelt doch, was an uns schlecht ist, und wir werden uns dem gerne unterwerfen (!), aber dem, was an uns Gutes ist, bringet doch wenigstens ein klein wenig Verständnis entgegen! . . . Man möge doch nicht vergessen, daß die Czechisierung bei den Juden — die doch vorher „Deutsche" waren (!), — langsam vor sich geht und daß sie sich einem freiheitlichen Volke gerne verbinden würden. . . . „Aber", — heißt es weiter, — „wir sind um eine Illusion ärmer und um eine Enttäuschung reicher — die harten Worte des Dr. Kramarz haben es gezeigt: Für uns gibt es kein Gefühl, wir sind keine Menschen. Und so wollen wir denn fortab, da wir die Unglücklichsten sind, uns auch an die Unglücklichsten anschließen. ..." Man könnte meinen: anschließen an die Juden. Aber so weit ist's noch nicht gekommen. So unglücklich sind die armen Czecho-Juden doch noch nicht. Sie werden's wohl zunächst mit der czechischen Sozialdemokratie versuchen...... Auch der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde hat einen geharnischten Protest gegen Dr. Kramarz veröffentlicht und durch Dr. Straucher der Delegation übermitteln lassen. Recht lobenswert. Und richtig auch das ineiste, was in dem Proteste drinsteht. Aber — man kann leider eine sehr traurige Frage nicht unterdrücken: Warum war der Wiener Kultusvorstand nicht zur Stelle mit einem solchen Protest, als das gewesene Vorstandsmitglied Ritter v. Taussig das Geld für die Pogrom-Regierung lieferte? „Wer Wind säet!" Vielleicht haben jetzt die Wiener führenden Juden das Sprüchlein verstehen gelernt, da die Ernte von Bjelostok gereift ist. . . . REVUE DER PRESSE Ein Deputierter über die Judenfrage Wir haben schon oft Gelegenheit gehabt, die neugegründete, in jüdischer Sprache erscheinende Wochenschrift „Das jüdische Volk" zu zitieren. Das Blatt, das als zionistisches natürlich den Palästinafragen und den Angelegenheiten unserer Organisation ein besonderes Interesse widmet, aber auch die bedeutenden allgemein-jüdischen Fragen in den Kreis seiner Betrachtung zieht, wird von Dr. Sch. Lewin herausgegeben und von Dr. Josef Lury redigiert. Diese zwei Namen bürgen von vornherein für einen vornehmen Charakter der Zeitschrift Selbst Gegner werden anerkennen müssen, daß „Das jüdische Volk" durch Ausstattung und Inhalt das leider von fanatischen Parteileidenschaften erfüllte jüdische Schrifttum, wie es uns die letzten Monate gebracht haben, hoch überragt. Dr. Lury, der altbewährte Redakteur, dem es gelungen ist, für das neue Blatt eine Reihe der besten ostjüdischen Schriftsteller zu gewinnen, hält die Zeitschrift auf einem durchaus würdigen, maßvollen Niveau, ohne daß es ihr an Entschiedenheit und Gründlichkeit gebräche. Wir beglückwünschen unsere Freunde herzlich zu ihrer Neugründung! Im Nachfolgenden zitieren wir aus dem Blatte auszugsweise einen Artikel Dr. Schemarja Lewins. Die Emanzipation der Juden, so schreibt Dr. Lewin, geht in Rußland Unter ganz anderen Bedingungen vor sich als in anderen Ländern. Überall sind die Juden emanzipiert worden, nachdem die neuen Grundlagen des Staatslebens befestigt worden sind. Wie es in Rußland später sein wird, wissen wir nicht. Vielleicht werden wir auch hier einen besonderen Kampf um unsere Rechte führen müssen. Vorläufig jedoch müssen wir in Reih und Glied mit den anderen unterdrückten Elementen des russischen Landes kämpfen, deren stärkstes Interesse in dem Abwerfen des auf allen lastenden Joches gelegen ist. Wahr ist, daß nicht alle gleich unterdrückt sind, und es besteht nur eine Meinung darüber, daß die Leiden der Juden die schwersten sind, daß sie unter einem dreifachen Drucke seufzen. Aber sobald alle darin übereinstimmen,