Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIE 3^1 ELT No. 28 fr 3§GE°I POLITISCHE REVUE Abermals haben wir eine Die erste zionistische Parlatnentsrede denkwürdige Tatsache zu registrieren, ein Ereignis, das in der »Geschichte des Zionismus kein Präzedens hat. Zum erstenmal hat ein jüdischer Abgeordneter in einem Parlamente das Wort ergriffen, um die Ziele des Zionismus zu erläutern, zum erstenmal ein Jude Regierung und Parlament aufgefordert, auf die zionistische Lösung der Judenfrage hinzuwirken. Die Zionisten aller Länder sind dem Abgeordneten Dr. Strauch er in aufrichtiger Dankbarkeit dafür verpflichtet, daß er unserer Bewegung diesen bedeutsamen Dienst geleistet und daß er dies spontan, in so würdiger Form und gerade am rechten Orte getan hat. Man weiß bereits, und es ist weit über die Grenzen Österreichs bekannt geworden, daß man in Dr. Straucher den Typus des neuen jüdischen Volksvertreters zu sehen hat, den Volljuden, der ebenso energisch wie taktvoll, ebenso begeistert wie unerschrocken, innerhalb und außerhalb des österreichischen Parlaments für die Interessen seiner Nation eintritt und der es dabei versteht, auch ein guter Vertreter der wirklich-österreichischen Interessen, ein Förderer der berechtigten Ansprüche aller österreichischen Volksstämme zu sein. Dr. Strauchers Rede in der Delegation, die wir im Auszuge bereits brächten und von der wir heute die auf den Zionismus bezüglichen Stellen bringen, war in ihrer ganzen Zusammensetzung auch eine dokumentarische Antwort an die Spötter und Zweifler, die auch in Rußland drüben überklug fragten, was denn die zionistischen Abgeordneten mit ihrem Zionismus in der Duma, was sie mit den russischen Angelegenheiten im Zionismus anfangen würden. Dr. Straucher hat seine Rede, in der er über das Verhältnis Österreichs zu Ungarn, über die Beziehungen Österreichs zu anderen Mächten, über viele andere Staatsfragen und endlich und hauptsächlich über die Judenfrage sprach, gezeigt, daß ein jüdischer Abgeordneter in durchaus logischer und unaufdringlicher Weise die allgemeinen Staatsfragen mit den besonderen Interessen seines Volkes in Zusammenhang bringen kann. Und es mag dabei als besonders symptomatisch erwähnt werden, daß der auf den Zionismus bezügliche Teil seiner Rede weder vorn Präsidenten noch von den Abgeordneten, unter denen es natürlich zahlreiche Antisemiten gab, als nicht zur Sache gehörig bezeichnet und daß der Redner von keiner Seite in seinen Ausführungen unterbrochen wurde. Das beweist, daß man sein Recht, den Zionismus als politische Frage zu erörtern, anerkannte. Diese Feststellung ist im Hinblick auf unsere zionistischen Abgeordneten in Rußland von besonderer Wichtigkeit. Noch eine kleine Anmerkung: Die „Judenblätter", z. B. die „Neue Freie Presse" haben den zionistischen Teil der Straucherschen Rede — totgeschwiegen. Die „Neue Freie Presse" hat auch s. Zt. den Antisemitismus so lange totgeschwiegen, — bis Lueger Bürgermeister von Wien wurde. Die Fabrikation von Pogromen Man hat es der berühmt gewordenen Rede des Fürsten Urussow, worin er den Mechanismus der Pogrome aufdeckte, angemerkt, daß er sich trotz allem noch immereine gewisse Reserve auferlegte. Man hatte das bestimmte Gefühl, daß er noch mehr, noch deutlicher sprechen, daß er die hohen und höchsten Mörder — die in Staatsrat- und Ministerfauteuils sitzen oder saßen — direkt mit Namen hätte apostrophieren können, wenn er nur gewollt hätte. Man sagt, Fürst Urussow habe mit Absicht die letzen Pfeile im Köcher behalten — sie ständen bereit für den Fall, daß die erste Drohung nicht genügt haben, — wenn auch Bjelostok nicht den leisten Pogrom bedeutet haben sollte, Indessen aber gelingt es anderen, nachdem Urussow einmal die Fährte gewiesen, einen „Pogrom-Mechaniker" — wie man sie jetzt zu nennen begonnen hat — nach dem andern zu entlarven. In die Kategorie derer, deren feinbehandschuhte Hände besudelt sind von unschuldig vergossenem Blut, gehört u. a. der wirkliche Staatsrat Alexe] Maximowitsch Lawrow vom Ministerium des Innern. Erst vor kurzem wurde eines der von ihm herrührenden geheimen und nicht unterzeichneten Zirkulare durch die russische Zeitung „Mysl" zur Kenntnis der Öffentlichkeit gebracht, worin jeder Russe aufgefordert wird, mit Einsetzung seines ganzen Lebens gegen den inneren Feind, die Juden, vorzugehen. Nunmehr ist es gelungen, in den Besitz eines zweiten, mit vollem Namen und allen Titeln des Verfassers versehenen Flugblattes und eines diesem Flugblatte heiligenden Buches zu gelangen, deren Inhalt wir an dieser Stelle kurz skizzieren wollen, weil er sozusagen ein historisches Dokument der Pogromfabrikation darstellt. Das Buch trägt den Titel: „Ein freundlicher Rat den Juden" und enthält so furchtbare Beschuldigungen gegen die Juden, daß man sie für Ausgeburten eines Wahnsinnigen halten möchte, wenn nicht das blutige Raffinement und die unbarmherzige Berechnung eines bewußten Mordstifters sich durch die ganze Anlage des Werkes dokumentierten, und wenn er nicht durch Zeugnisse belegte, daß er nur einer der Vollstrecker einer großen Gemeinschaft ist, der die „Besten des Landes" angehören. Seine Ausführungen belegt er mit Zeugnissen „des Gouverneurs aus dem Nord-Westgebiet, eines bekannten Stadthauptmanns, des gewesenen Vorsitzenden des Kreisgerichts von Kiew aus dem Jahre 1902, des.Gouverneurs von Mohilew, mit den Nachrichten des Polizeidepartements" usw. usw. Alle diese hohen Persönlichkeiten und Behörden bestätigen die Berechtigung der Blutgerichte, die nur je irgend ein Haman in irgend einem Lande gegen die Juden angestiftet hat. Die Darstellung erstreckt sich über den Zeitraum seit Erschaffung der Welt bis auf unsere Tage. Einige Kapitelbenennungen werden genügen, um zu beweisen, was das Buch enthält: „Die Juden als wilde Räuber und Rebellen, laut den Aussagen der Heiligen Schrift". „Die Juden als hartherzige Mörder und-.. Hetzer und die Belohnung, die sie dafür bekamen in den Zeiten des Christentums." „Die Juden als Revolutionäre und Züchter von Revolutionären in Rußland." „Der Schwindel der Juden beim Militärdienst." „Gold — der Gott der Juden." „Die Sorge des russischen Zaren, das Vertilgen („Auffressen") des russischen Landes durch die Juden zu verhindern." etc. etc. Die Pogrome werden von allen Standpunkten aus gerechtfertigt. Erstens müssen Pogrome sein, weil die Heiligen vorausgesagt haben, daß sie stattfinden werden, und ihre Voraussagungen müssen in Erfüllung gehen. „Und seht", sagt der hohe Verfasser, „wie ihre Voraussagungen erfüllt werden: Kaum setzen sich die Juden in einem Lande fest und erobern den Handel, so kommt über sie die richtige Vergeltung:' man beginnt sie zu erschlagen, und schließlich jagt man den Rest aus dem Lande." .... Unter anderem liefert er eine Charakteristik der Juden vom biologischen Standpunkte aus. „So wie es unter den Tieren und Vögeln auch solche gibt, die nur von Raub und Mord leben, so gibt es auch unter den Menschen ein ganzes Volk von Räubern und Mördern, und das sind die Juden." Er beweist historisch, wie die Pogrome überall notwendig waren und in allen Zeiten, bei allen Völkern vorgekommen sind. „Es ist unmöglich," sagt er, „alle die Räubereien und Mordtaten