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Die Welt · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Diese Bewegung ist aber nicht nur idealistisch, * sie ist auch eminent praktisch, denn sie löst mit einem Schlage die Judenfrage. Man kann wohl Juden brandschatzen und töten, das jüdische Volk aber kann man nicht erschlagen, und die so vielgerühmte Methode des Hängens, Köpfens oder Spießens wird wohl schwerlich in Europa in Anwendung gebracht werden können und doch drängt die Judenfrage zur Lösung, nicht nur deswegen, weil es nicht angeht* mehr als acht Millionen' Juden in einem Ausnahmezustande leben zu lassen, sondern schon deswegen, um das Leitmotiv allen jenen Parteien und Bestrebungen zu nehmen, die unter dem Vorwande des Judenhasses eine allgemein zerstörende, zersetzende und verheerende Tätigkeit auf dem Gebiete des Fortschritts und der Menschheit entfalten. Die zionistische Bewegung hat nichts Utopisches mehr an sich; sie ist das Ziel der Arbeit reifer Männer und bildet den Gegenstand ernster Erwägungen. Politische Machtfaktoren, regierende Persönlichkeiten und Staatsmänner sind zur Erkenntnis gelangt, daß die Judenfrage ein Problem sei, dessen vernünftige Lösung der Zionismus anstrebt. Im Sinne dieser Erkenntnis laufen Bemühungen, die Judenfrage auf die Tagesordnung der nächsten Haager Friedenskonferenz zu setzen. Ich erlaube mir daher, Seine Exzellenz,- den Minister des Auswärtigen zu bitten, die Intervention, die wir bei den russischen Massakers vermißt haben,-nun in der Weise zu üben, daß unsere gemeinsame Regierung diesen Bemühungen. sich nicht widersetze, sondern im Gegenteil ihnen ihre wärmste Sympathie und Unterstützung angedeihen lasse. .... BRIEF AUS STANISLAU (Der Kampf um die hebräische Sprache) Die Kampagne gegen das Hebräische im jüdischen Religionsunterrichte in den öffentlichen Schulen ist noch nicht abgeschlossen. Seit dem bekannten Erlasse über die Einschränkung des Hebräischen im jüdischen Religionsunterrichte, der im Dezember v. J. seitens des galizischen Landesschulrates sämtlichen Schulbehörden zukam, jedoch infolge energischen Einschreitens jüdischerseits nicht ganz durchgeführt wurde, dauerte die Hetze gegen das Hebräische fort. Diese Hetze wird nicht bloß gegen die hebräische Sprache allein, sondern auch gegen alle, die zu ihr halfen, geleitet. Diesmal wurde zum Kampfobjekt der bewährte Gesinnungsgenosse Dr. Braude-Stanislau ausersehen. Der galizische Landesschulrat hafte gewiß auch die Tatsache, daß unser Kultusvorstand einen so prononcierten Zionisten, wie Dr. Braude, zum Inspektor für den jüdischen Religionsunterricht in den hiesigen Volksschulen eingesetzt hat, nicht leichten Herzens hingenommen, allein er konnte sich dieser Ernennung nicht widersetzen, da dies einen Eingriff in die gesetzlich garantierte Autonomie der Kultusgemeinde inbezug auf jüdische Kultus- und Religionsangelegenheiten bedeutet hätte. Als aber die Kultusgemeinde noch weiter ging und für die bevorstehende Enquete, weiche seitens des Schulrates zwecks Feststellung des Verhältnisses des Hebräischen zum jüdischen Religionsunterrichte eingeleitet wurde, denselben Dr. Braude nominierte, da riß die Geduld des Landesschulrates. Er konnte nicht mehr zusehen, wie der jüdische Religionsunterricht ins „Verderben" gestürzt wird, und er, resp. Prof. Stembach, der „unser" Vertreter im Landesschulrate und somit der „Beschützer" des jüdischen Religionsunterrichtes ist, raffte sich zum Angriffe auf. Er empfahl nämlich unserem Kultusvorstande, im Interesse des Religionsunterrichtes den Dr. Braude seines Amtes als Inspektor zu entheben und einen anderen einzusetzen. Unser Kultusvorstand, der doch schließlich einsehen mußte, daß hier nicht etwa das „Interesse für den jüdischen Religionsunterricht" der Beweggrund hierfür war, sagte nicht Ja. Er sagte aber auch nicht Nein. Die im Vorstande vertretenen Herren hatten eine heillose Angst bekommen. Aber was sie verschwiegen, konnte unsere ganze jüdische Stadtbevölkerung nicht verschweigen. Sie wollte den Landesschulrat nicht in seinem Glauben verharren lassen, dieses Schweigen bedeute eine Zustimmung. In einer von einem zionistischen Komitee arrangierten Volksversammlung mit der Tagesordnung „Die jüdische Religionslehre in den polnischen Schulen", die ungemein zahlreich besucht war, gab die jüdische Bevölkerung ihrem Wunsche und ihrer Meinung unzweideutig Ausdruck. Nach den glänzenden Ausführungen des Gg. H. Dr. Rubin Jonas, der das Wesen des jüdischen Religionsunterrichtes und der mit ihr unzertrennlich verknüpften hebräischen Sprache eingehend besprach und auf die Repressalien seitens der höchsten Schulbehörde gegen das Hebräische und gegen dessen Vorkämpfer hinwies, ergriff H. Sperber, Inspektor der Baron Hirsch-Stiftungsschulen, das Wort. Er wies besonders darauf hin, daß "die Einmischung des Landesschulrates in die Fragen des Religionsunterrichtes ein Eingriff in die Autonomie der Kultusgemeinden und somit eine gesetzwidrige Tat sei. Zum Schlüsse legte er der Versammlung folgende Resolution vor: „1. Die am 10. Juni 1906 in Stanislau tagende Versammlung der jüdischen Bürgerschaft verwahrt sich gegen die unrechtmäßige Einmengung des galizischen Landesschulrates in die gesetzlich verbürgte Autonomie der Juden in den Fragen des Kultus und des damit unzertrennlich verknüpften Religionsunterrichtes in den öffentlichen Schulen; sie verwahrt sich insbesondere gegen die Ausschaltung des Hebräischen aus dem Unterrichte, da dasselbe die liturgische Grundlage des jüdischen Gottesdienstes und der Bibelkunde bildet. 2. Da das Amt der jüdischen Religionsinspektoren, als gesetzlicher Überwachungsorgane des Religionsunterrichtes in den öffentlichen' Schulen, in die Kompetenzsphäre der Kultusgemeinden fällt, weist die genannte Versammlung die formell und materiell unberechtigten Eingriffe des galizischen Landesschulrates in das Amt des für den Stanislauer Kultussprengel rechtmäßig ernannten Inspektors für den mosaischen Religionsunterricht entschieden zurück und ersucht den Vorstand der Stanislauer Kultusgemeinde, gegen diese Obergriffe alle gesetzlichen Schritte und Maßnahmen vorzukehren." Diese Resolution wurde einstimmig angenommen. Zwecks Überreichung derselben an den Vorstand der Kultusgemeinde wurde eine Deputation, bestehend aus 4 Herren, gewählt. Wir wollen hoffen, daß diese energischen und unzweideutigen Worte den Landesschulrat eines Besseren belehren werden. Meier Henisch. * * * Die Haltung Prof. Sternbachs führte zu einer Dem onstration zionistischer Studenten gegen ihn, über die folgendes berichtet wird: Krakau. Mittwoch den 4. ds. versammelten sich ungefähr hundert jüdische Studenten der hiesigen Universität im Vorlesungssaale, in welchem der klassische Philologe Professor Dr. Leon Sternbach seine Vorlesung halten sollte. Kaum betrat Professsor Sternbach" den Saal, als die Studenten, wrelche fast durchwegs der zionistischen Bewegung angehören, zu pfeifen und mit den Füßen zu stampfen begannen, so daß der Professor die Vorlesung nicht beginnen konnte. Auf ein gegebenes Zeichen trat dann Stille ein, und einer der Hochschüler erhob sich und hielt an Professor Sternbach eine Rede, in welcher er den Professor aufforderte, die Stelle im Landesschulrate niederzulegen, da er sie nur zur Unterdrückung der nationalen Bewegung und zur Förderung der Assimilation ausnütze. Als Professor Sternbach den Redner unwirsch unterbrach, erneuerte sich der Lärm in verstärktem Maße. „Nieder, hinaus mit dem Verräter!" tönte es ihm entgegen. Der ohrenbetäubende Lärm, der ungefähr eine halbe Stunde dauerte, lockte auch viele Hörer aus den anderen Hörsälen herbei. Nun eilte auch der Rektor herbei, der die demonstrierenden Studierenden zu beruhigen suchte, indem er ihnen versicherte, daß Professor Sternbach im Landesschulrate die Interessen der Juden aufs beste vertrete. Doch die Ermahnung des Rektors machte gar keinen Eindruck auf die erregten Hörer. „Fort mit dem Verräter! Hinaus aus dem Saale!" scholl es wirr durcheinander. Erst als ein anderer Professor in den Saal trat und die Hörer bat, durch ihren Lärm nicht einen in der Universität eben stattfindenden Kongreß polnischer Gelehrter zu stören, zogen die Demonstranten ruhig ab. Hierauf hielt Professor Sternbach an die wenigen Zurückgebliebenen eine kurze Ansprache, in welcher er versicherte, daß er als „Pole" auch in Zukunft der zionistischen Bewegung überall mit aller Energie entgegentreten werde.

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