Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10 DIE^ELT No. 28 Trotzdem wollen wir nicht leugnen, daß in manchen Fällen ein Zusammengehen möglich ist, und zwar insofern Ihre Aktion einem allgemeinen nationalen Interesse dienen wird. Der Herr R. v. Abrahamowicz hat in seinem Nachrufe auf Dr. Byk die Ziele der herrschenden Partei Galiziens offen ausgesprochen. Die Assimiiierung der Juden mit dem polnischen Volke ist die Aufgabe der Schlachta und ihrer verbündeten Kahalsclique. Gegen diese Politik der Auflösung werden wir unaufhörlich kämpfen. (Zustimmung.) Die Bemühungen der jüdischen Kahalpolitiker gehen auch dahin, aus den Juden ein Werkzeug zur Unterdrückung schwacher Nationen, wie z. B. der Ruthenen zu machen. Man will uns sklavisch nach oben und tyrannisch nach unten machen. (So ist es!) Das werden wir nicht zulassen! Ich hoffe, sie werden sich der Terminologie unserer Gegner nicht bedienen, die in der normalen Differentiation des Zionismus nach Parteien — den Zerfall erblicken, und werden meine Erklärung nicht mißverstehen. Wir bilden getrennte Sturmkolonnen, es soll deswegen nicht vergessen werden, daß wir ein gemeinsames Eroberungsziel haben — unsere Zwingburg Zion! (Lebhafter Beifall). Der Antrag auf Eingehen in die Spezialdebatte über die Thesen wird abgelehnt. Die Thesen des Referenten Margulies. werden nebst dem Amendement, bestehend in dem vorangestellten Satz: „Die zionistische Organisation ist keine innerpolitische Organisation", angenommen. Auf Antrag des Vorsitzenden Bechert erhebt sich die Versammlung zum ehrenden Andenken an Dr. J. W. Marmorek, dein der Redner einen warmen Nachruf hält. Dr. Braude bespricht die Tätigkeit des L.-C. und seines Obmannes Dr. Schallt und beantragt, dem Landeskomitee für seine Tätigkeit den Dank auszusprechen. Der Antrag wird mit Beifall angenommen. Dr. Thon dankt unter lebhafter Zustimmung der Versammlung dem Vorsitzenden Bechert für die loyale und energische Leitung des Zionistentages, sowie den andern Mitgliedern des Bureaus für die Mithilfe, die sie dem Vorsitzenden zuteil werden ließen. Es gelangt zur Annahme eine Resolution über Bjelostok. Sie drückt ihre tiefste Entrüstung über die von den russischen Behörden inszenierten Massenmorde aus, gibt ihrer Verachtung der jüdischen haute-finance Ausdruck, d*e durch die Unterstützung der russischen Anleihe die Veranstaltung von Judenmetzeleien erleichterte, und richtet schließlich einen Appell an die Judenschaft, durch Beitritt zur zionistischen Organisation die Wiedererlangung der jüdischen Heimat zur Wirklichkeit werden zu lassen. Hierauf wird der außerordentliche Zionistentag geschlossen. Am Vorabende des Parteitages (Samstag) hielten die galizischen Delegierten eine Konferenz ab. Es wurde der Beschluß gefaßt, den Wschöd in ein Tagblatt zu verwandeln. Abends begaben sich die Versammelten zu einem festlichen Kommers ins Restaurant Londres. Abg. Dr. Straucher toastete auf Dr. Sc ha Ii t als den Urheber und Leiter der politischen Arbeit. Herr Stand feierte den Abg. Straucher als den einzigen und mutigen Vertreter der Juden im Parlament. Dr, Margulies (Wien) dankte den Krakauer Gesinnungsgenossen für den herzlichen Empfang. Die Unterhaltung dauerte bis spät in die Nacht. Die konstituierende Versammlung der neubegründeten politischen Partei Anschließend an den außerordentlichen Zionistentag fand Sonntag abends und Montag den 2. Juli eine vertrauliche Vertrauensmänner-Konferenz der zionistischen Vereine Österreichs statt. Gegenstand der Beratung war die Gründung einer jüdischen politischen Nationalpartei. Die Konferenz leitete in Abwesenheit des Vorsitzenden Abg. Dr. Straucher der erste Stellvertreter Dr. Schal it. Aus den Programmberatungen, die fast einen ganzen Tag in Anspruch genommen haben und nicht zu Ende geführt werden konnten, ist der Beschluß hervorzuheben, das Baseler Programm in die programmatische Deklaration der neuen Partei aufzunehmen. Dagegen sprach sich die Konferenz gegen eine zionistische Benennung der Partei aus. Die Wahl des Namens wurde ebenso wie die endgültige Redaktion des Parteiprogramms der Parteileitung überlassen. Es wurden Beschlüsse über die Schaffung eines politischen ReichsVereines und die Zusammensetzung des Zentralwahlkomitees gefaßt. In die Parteileitung wurden gewählt: Dr. J. Schalit, Dr. Margulies, A. Böhm, Dr. Weisengrün (Wien), Fritz Low (Proßnitz), Doz. Dr. Mahler (Prag), Dr. Goldwasser, Dr. Groß (Krakau), A. Stand, Dr. Reich (Lemberg), Dr. Braude. Dr. Halpern (Stanislau), Abg. Dr. Straucher, Weißglas (Czernowitz). Die Parteizentrale ist in Wien. Dr. Schalit dankt in seiner Schlußrede dem Krakauer Kultusvorstand für die Gastfreundschaft, den Krakauer Zionisten für die brüderliche Aufnahme und fährt fort: „Wir stehen am Ende unserer Beratungen. Schwere Arbeit liegt hinter uns. Was wir geschaffen haben, haben wir zum Wohle und Heile des jüdischen ^Volkes' in Österreich geschaffen. Und in den kommenden Tagen wird erst die Bedeutung der Krakauer Konferenz gewürdigt werden. Weit hinweg über die engen Bedürfnisse des Tages geht unsere Arbeit. Wir sind uns dessen voll bewußt, welche schwere Verantwortung wir auf uns genommen haben. Aber wir schaffen in Ausführung einer heiligen Pflicht, so wie es unser Gewissen uns diktiert. Unser Versuch, eine politische Repräsentanz der österreichischen Judenschaft zu schaffen, muß und wird gelingen, aber nicht allein durch die emsigste Arbeit, durch die hingebungsvolle Liebe, sondern durch die Reinheit der Mittel, deren wir uns bedienen, und durch die Lauterkeit der Personen, denen wir unser Vertrauen schenken. Wir werden siegen, denn wir erkämpfen den Sieg nicht für einzelne, sondern für das ganze jüdische Volk. Und im Namen des Volkes, dessen treue Söhne ihr seid, rufe ich euch zur Arbeit auf, die geleistet werden muß mit ganzer Energie, mit vollster Leidenschaft, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele." . . . Unter den Klängen der „Hatikwah" leerte sich allmählich der Saal. DR. STRAUCHER ÜBER DEN ZIONISMUS M i§ (Aus dem stenographischen Protokoll der Delegations . . . Ich habe es schon vorher gesagt, und ich wiederhole es: Ich glaube nicht an die Möglichkeit einer Intervention der europäischen oder anderer Mächte in Rußland. Aber es gibt einen anderen Weg, auf dem Europa zeigen kann, daß es auch den - Juden gegenüber gerecht sein kann, und ich erlaube mir, die Aufmerksamkeit Seiner Exzellenz des Ministers des Auswärtigen auf diese Tatsache zu lenken. Ich weiß ja, meine verehrten Herren, von einer Intervention zu Gunsten der Juden kann absolut keine Rede sein. Wenn aber in der nächsten Zeit die Haager Friedenskonferenz einberufen wird, so möge Seine Exzellenz der Herr Minister des Auswärtigen dem Antrage, der von berufener Seite und von hervorragenden Mächten Europas gestellt werden wird, nicht entgegentreten, sondern demselben im Namen Österreichs seine Unterstützung leihen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten besteht unter den Juden aller Länder eine Bewegung, die sich die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk i-Sitzung des österr. Reichsrates vom 21. Juni 1906.) zum Ziel gesetzt hat. Diese Bewegung hat jüdische Massen ergriffen, die Jugend dient ihr, ein großer Teil der Intelligenz gehört ihr an, viele tausende zionistische Vereine bestehen auf dem ganzen Erdenrunde, und man kann ohne Übertreibung sagen, daß wohl der größte Teil des jüdischen Volkes die Hoffnung hegt der Rückkehr in das Land seiner Ahnen. Damit sei keineswegs gesagt, daß irgend ein Zwang ausgeübt werden soll. Nur der Jude, der sich nicht assimilieren kann oder will, soll hinaus in das Land seiner Väter; wer sich an der Stätte seiner Geburt wohl fühlt und sich eine Existenz gegründet hat, von der er hoffen kann, daß sie ihn und seine Familie in ehrlicher und ehrenhafter Weise durchs Leben führt, bleibe, wo er ist. Der Zionismus ist eine große kolonisatorische Wohlfahrtsbewegung, von der Wohltaten und Almosengeben ausgeschaltet sind. Aus eigener Kraft soll der Jude das Brot sich schaffen, mit seinem Schweiße soll er den Boden düngen, der ihm ein geheiligter ist. Diese Bewegung ist so groß und so erhaben, daß ihr jeder Europäer, ob Christ, oder Jude oder Türke dienen soll.