Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 28 DIE^ELT 9 drucke gebracht, nämlich in der These III, wo von der Einheitlichkeit der Führung der zionistischen Organisation und der politischen Partei die Rede ist. Der Wunsch einer Gruppe galizischer Zionisten geht sogar dahin, den Parteitag zum Beschlüsse zu bewegen, die Organisation selbst möge innere Politik machen. Ist eine Einigung möglich auf Grund eines theoretischen Programms? Auf Forderungen einigt man sich. Verlangen Sie nicht, daß nur Zionisten Sie führen, lassen Sie auch andere zur Führung zu. (Widerspruch.) Dr. Thon (Krakau): Ich bin mit den Thesen im Prinzipe einverstanden und werde für sie stimmen. Zionisten sollen der spiritus movens der neuen Organisation werden, weil sie Nationale par excellence sind. Die zionistische Organisation ist eine Weltorganisation. Am Kongresse sind NichtÖsterreicher in der Majorität; es ist klar, daß wir uns keine Direktiven für unsere innere Politik in Basel vorschreiben lassen können. Also muß neben unserer zionistischen Landesorganisation eine separate politische Organisation geschaffen werden. Beim ersten Ansturm, glaube ich, können auch Mißerfolge nicht ausbleiben; der Zionismus als solcher aber, die zionistische Organisation, darf darunter nicht leiden. . . Es wurde auch bis jetzt jüdische Politik, aber „hinter schweren Vorhängen" gemacht. Nun wollen wir wirkliche jüdische Politik machen. Eine solche Politik kommt auch den Polen zugute. So wollte man den Polen ein deutsches Mandat schenken, weil es 150000 Juden eingefallen ist, als ihre Umgangssprache „deutsch" anzugeben. Es schien ihnen schöner zu sein, anstatt „Jech" — Ich zu sagen (Heiterkeit). Die statistischen Angaben über die Umgangssprache der Juden Galiziens sind nichts als eine linguistische Fälschung (Zustimmung). Man darf eine Nation nicht als Mittel betrachten, wie es die bisherigen jüdischen Politiker tun, sondern als Selbstzweck (Beifall). Ich bin aber nicht der Ansicht, daß man bloß Vollblutzionisten in die Partei aufnehmen soll. Die Führung allerdings muß zionistisch sein. (Lebh. Beifall.) York-Steiner: Die Thesen enthalten eigentlich nur Hoffnungen, Ansichten und Wünsche, gegen die ich nichts einzuwenden habe. Ich beantrage die Enbloc-Annahme und, im Einverständnis mit allen maßgebenden Personen, wie Dr. Schalit, Abg. Dr. Straucher, A. Stand, die meinen Antrag mitunterzeichneten, folgenden Zusatz, der den Thesen vorangehen soll. Der Zusatz lautet: „Der Zionistentag erklärt, daß die zionistische Landesorganisation keine politische Organisation ist, und empfiehlt daher folgende Thesen." Jetzt folgen dieselben. Ich bitte Sie, diesen Kompromißantrag anzunehmen; NACHMITTAGSSITZUNG Vors. Bechert verliest mehrere Begrüßungstelegramme, darunter auch ein Schreiben von Dr. Poles, Präsidenten der Krakauer Kultusgemeinde. Die Generaldebatte wird fortgesetzt. Dr. L. Kahn (Wien), nach einigen persönlichen Bemerkungen fortfahrend: Ich bin nicht gegen die politische Aktion, denn ich bin seinerzeit für die jüdische Wahlkurie eingetreten und habe nach meinen Kräften dafür agitiert. Aber ich habe es als österreichischer Staatsbürger und Nationaljude und nicht als Zionist getan. Seit damals hat sich so manches geändert — ein Beweis dafür ist der heutige Parteitag. Wir haben schon jüdische Politik, als-Zionisten, getrieben. Die Arbeit Herzls war jüdische Politik im großen Stil. (Lebhafter Beifall.) Aber als Zionisten haben wir im Lande nichts zu schaffen. (Oho!) Ich habe mir den Programmentwurf angesehen und folgendes gefunden: man ist zu den Liberalen, Sozialdemokraten und Kulturzionisten gegangen und hat aus allen Programmen eine Eierspeise gemacht. Unsere Politik hat mit den Gegenwartsarbeitbeschlüssen der Kongresse, auf die man sich beruft, nichts zu tun. Wir haben es ja nötig, uns mit der Politik zu befassen; wozu sie aber vom Zionismus, vom Baseler Programm ableiten? Wozu der Drasch? Die Politik ist unrein. Sollen im Namen des Zionismus Wahlschwindeleien begangen werden? (Große Unruhe und Widerspruch.) Abg. Dr. Straucher: Reine Hände muß man überall haben! Überall, Herr Doktor! . . . Der Zionismus, fährt Redner fort, ist durch das Baseler Programm bestimmt. Die innere, die Landespolitik, wird dadurch nicht berührt. . .. Die Debatte wird abgebrochen, und es werden zwei Generalredner pro und kontra gewählt. Dr. Ringel (pro): Wir fühlen alle instinktiv, daß etwas geschehen müsse. In das politische Leben eingreifen wollen und müssen wir. Da wir nun die Schöpfer der neugeborenen Partei sind, so wollen wir ihre Kuratoren bleiben, nicht die zionistische Landesorganisation, sondern wir — Zionisten Österreichs. Wir sind überzeugt, daß jede national-jüdische Partei zum Zionismus kommen muß. Ich erinnere an die Jüdische Volkspartei, die ja schließlich zionistisch geworden ist. Aber wir können uns nicht bloß auf die Entwicklung verlassen, wir müssen auch Garantien schaffen, daß die innerpolitische Partei nichts unternimmt, was gegen das Baseler Programm verstößt. (Beifall.) Dr. Rosenheck (kontra): Der langen Reden kurzer Sinn ist, daß es uns schlecht geht. Wer ist berufen, da einzugreifen? Wir stehen auf dem Standpunkte, daß im Golus keine Lösung der Judenfrage möglich ist. Aber die Not steigt, und das Volk schaut zu uns, daß etwas Dringendes geschehe. Redner spricht sich dafür aus, daß auch Nichtzionisten der neuen Organisation angehören dürfen. Dozent Dr. Mahl er, Prag (pro) wendet sich hauptsächlich gegen die Forderung, die politische Partei solle nicht zionistisch sein. Können wir denn als Nichtzionisten Politik treiben? Kann man denn auch nur für einen Moment aufhören, Zionist zn sein? (Stürmischer Beifall.) Der Zionismus ist ja eine Lebensanschauung. Sollen wir Verstecken spielen, sollen wir nicht offen Farbe bekennen? Wozu dann das Spiel mit hie Zionismus, hie Nationaljudentum?! (Lebhafter Beifall.) Ja, man sagte, die Mißerfolge der politischen Partei können dem Zionismus schaden. Aber, gestatten Sie mir den Ausdruck, ich verzichte auf Leute, die sich von Erfolgen oder Mißerfolgen in ihrer Ergebenheit zum Zionismus leiten lassen. (Beifall.) Man meinte, wir würden durch unlautere Mittel den Zionismus beschmutzen. Aber zu solchen Mitteln werden wir doch nicht greifen! (Lebhafter Beifall.) Zum Schluß noch eine Bemerkung. Glauben Sie nicht, daß wir vom Westen schlechtere Zionisten sind. Wir mußten schwer kämpfen, bis wir zum festen Felsen des nationalen Judentums gelangt sind. Man hebe daher das Trennende zwischen Ost und West nicht hervor. (Beifall.) Wir sind in dieser Beziehung eines Sinnes mit den galizischen Gesinnungsgenossen. Sprechen Sie klipp und klar vom Zionismus und lehren Sie die Welt Achtung von dem Kinde, das zur Welt kommen soll. (Beifall.) Lassen Sie den Moment nicht vorüberstreichen. Setzen Sie in den Thesen überall, wo es national-jüdisch heißt, das Wort „zionistisch" und lassen Sie die Zionsfahne hoch flattern! (Anhaltender Beifall.) Dr. Reich (kontra). Ich kann zwei Gesichtspunkte begreifen: Den starren Palästinazionismus und den Standpunkt, daß alles nur hier im Golus geschehen muß. Aber den Zionismus verschweigen und sich mit einem politischen Programm begnügen! . Nur die Zionisten sind die legitimen Verteter des Judentums und als Zionisten sollen wir uns politisch betätigen. (Zwischenruf: Das ist ein Contraredner?) Mißerfolge haben noch keine Idee befleckt. Ist denn der Sozialismus blamiert, weil Daszynski zum Landtag nicht gewählt wurde! Wir werden reine Wahlen machen (Beifall) und wenn wir auch unterliegen, der Zionismus wird nur erstarken. (Lebhafter Beifall.) Die Generaldebatte wird geschlossen. Im Namen des Legitimationsausschusses erstattet Red. Julius Löwy (Prag) den Bericht. Es sind 196 Delegierte gewählt worden. Erschienen sind 135 Delegierte aus 53 Orten und 3 Vertreter der poale-zionistischen Organisation. Der Zionistentag ist nach der Zahl der Delegierten der größte von allen, die bis jetzt stattgefunden haben. Es wird keine Wahl angefochten. — Der Bericht des Legitimationsausschusses wird zur Kenntnis genommen. Das Wort ergreift als Vertreter der Poale-Zion zu einer Erklärung im Namen seiner Partei S. Kaplansky-Kaplan: Die Debatte des Zionistentages gestaltete sich zu einer einmütigen Kundgebung aller österreichischen Zionisten zugunsten einer tatkräftigen Beteiligung an der politischen Organisation der jüdischen Massen. Sie werden beschließen, das läßt sich voraussagen, eine jüdische Partei zu begründen. Die Stellung der sozialzionistischen Arbeiterschaft zu der politischen Aktion ist klar gegeben. Die Poale-Zionisten werden sich dieser Partei nicht anschließen. (Bewegung. Ruf: Sehr klar!) Gestatten Sie, daß ich es kurz begründe. Die Entwicklung, die Sie jetzt durchmachen, hat die jüdische Arbeiterschaft schon längst mitgemacht, aber in umgekehrter Reihenfolge. Es ist der Sieg des revolutionären Gedankens (sehr richtig!), der die Erfüllung der Alltagssorgen mit dem Kampfe um die Zukunft in ein unlösbares Ganzes verbindet, der nun auch bei Ihnen zum Durchbruch gelangt, Sie werden eine Partei zur Wahrung der Interessen der breiten Massen des jüdischen Kleinbürgertums ins Leben rufen. (Ich glaube nicht, daß Sie die jüdische Großbourgeoisie gewinnen werden.) Die höhere Gemeinsamkeit der Interessen, die im Zionismus und am Kongresse besteht, tritt hier bei einer Interessenpolitik im Golus zurück. Wir sind schon seit langem eine selbständige Arbeiterpartei und die Gründung der jüdischen Partei kann daran nichts ändern. Sie werden zweifelsohne eine demokratische und sehr radikale Partei schaffen. Der Gegensatz zwischen Ihnen, radikalen Sozial reform er n und uns, Sozialisten, bleibt immer groß genug. (Fr. Low: ganz richtig!) Sie werden unser Mißtrauen begreifen, wenn Sie sich an die Worte des Dr. Margulies erinnern, der gemeint hat, man könne nicht wissen, ob nicht im Laufe der Entwicklung nationaljüdisches Wasser in den zionistischen Wein der neuen Partei kommen werde, welche Kompromisse zu schließen Sie gezwungen sein werden. (Dr? Braude; Sie haben recht! Traurig ist es aber.)