Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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8 DIE3§KELT No. 28 Sein Freund und Genosse David Wolffsöhn hat ein großes Erbe angetreten. Wir leisten ihm treue Gefolgschaft (lebhafter Beifall) und würdigen seine Arbeit, als die eines ernsten, strebsamen, energischen, umsichtigen Mannes, der in schweren Zeiten zur Führung eines steuerlosen Schiffes berufen wurde, (Lebhafte Zustimmung). Er führt den Zionismus in den Bahnen der Herzl'schen Politik und die Kontinuität der politischen Arbeit ist nunmehr sichergestellt. Unser Gruß an die Führung ist unsere heutige Tagung, von der wir eine mächtige Fortentwicklung des zionistischen Gedankens in Österreich erwarten. (Lebhafter Beifall). Unsere Arbeit ist ein zionistisches Fest, gerichtet auf das unverrückbare Ziel — Zion. (Stürmischer Beifall.) Das Programm unserer Arbeit ist das Baseler Programm. In seinem Geiste schaffen wir, wenn wir die Worte unseres großen verklärten Meisters beherzigen: „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland." Ich erkläre den außerordentlichen Parteitag für eröffnet. (Stürmischer, langanhaltender Beifall). Dr. Schalit: Ich bitte Sie zur Wahl des Bureaus zu schreiten, mache Sie aber aufmerksam, daß weder Mitglieder des L.-C. noch der D.-Ks. ins Präsidium gewählt werden können. Als gewählt erschienen: Vorsitzender M. Bechert (Teplitz), Stellvertretender Dr. Salz (Tarnöw), Dr. Silber mann (Neu-Sandez), Schriftführer: A. Böhm (Wien), Dr. Meisel (Wien), Dr. Sussmaiin (Sambor). Dr. Schalit erstattet das Referat über die Stellung der Zionisten zur politischen Aktion. Seine Ausführungen gipfelten in folgendem: Die Frage der innerpolitischen Betätigung der österreichischen Zionisten wurde mehr als einmal auf den Parteitagen aufgeworfen, wurde aber immer negativ entschieden. Wenn wir aber diese Frage von neuem stellen, so ist die Ursache eine force majeure. Das von uns bewohnte Haus soll umgebaut werden, auf der Basis der Erfüllung aller berechtigten Forderungen der Völker soll ein neues, modernes Österreich entstehen, und wir können das bißchen Luft und Licht verlieren, wenn wir unsere Forderungen nicht rechtzeitig erheben. Die bisherige Judenpolitik war die des Anschlusses an fremdnationale Parteien, zunächst an die deutschen. Juden, reiche Juden waren es, die nicht bloß die deutschen Parteien voll und ganz unterstützten, sondern in der Unterstützung der alldeutschen Hetzpolitik ihren deutschen Patriotismus betätigten. Die niederschmetternden Resultate dieser wahnsinnigen Politik kamen den Juden zu spät zum Bewußtsein. Sie versuchten sie durch den Anschluß an Polen und Tschechen „gut" zu machen. Die slavischen Parteien wetteiferten aber mit den Deutschen im Bestreben, judenrein zu sein. Welche Politik sollte aber gemacht werden — die den 48er Demokraten von dem Juden Dr. Fischhof vorgeschlagene Politik der Versöhnung zwischen den Völkern Österreichs auf Grund eines demokratischen und autonomistischen Programms. Dr. Fischhof, der in den 60 er Jahren diesen Gedanken zur Grundlage einer neuen Partei machen wollte, stieß aber auf den heftigen Widerstand der Wiener Juden und zog sich von der aktiven Politik zurück. Dr. Fischhof war kein Nationaljude und dachte nicht daran, jüdische Politik zu machen, aber nur in seinem Geiste schaffend können wir die Fehler, ja Verbrechen der bisherigen Assimilationspolitik gutmachen. Wem soll aber die Leitung der jüdischen Nationalpolitik überlassen werden? Etwa den Kahaljuden, oder den Juden vom Prager Kasino? Nein! Nur wir Zionisten können diesen Kampf aufnehmen, es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit. Und in diesem Kampfe werden wir uns von Polizeichikanen und den lieblichen Maßnahmen der galizischen Behörden sicherlich nicht einschüchtern lassen! (Lebhafter Beifall). Dr. J. Margulies (Wien) erinnert an den Beschluß des Prager Zionistentages, daß die zionistische Organisation keine österreichische politische Partei ist. Es ist ausgeschlossen, daß wir, als Glied einer interterritorialen Organisation, Landespolitik treiben. Das könnte nur den Zionismus schädigen. (Zustimmung.) Es entsteht daher die Notwendigkeit, eine besondere politische Organisation zu schaffen, deren Führung aber in unsern Händen bleiben muß. Diese Ansichten sind in den Thesen des innerösterreichischen Distriktskomitees zum Ausdruck gebracht. Sie lauten: I. Der außerordentliche Zionistentag begrüßt die Begründung einer politischen Partei der Juden aufs wärmste und erklärt: da bei -den gegenwärtig in Österreich herrschenden Verhältnissen ein politischer Zusammenschluß der österreichischen Juden auf national-jüdischer Basis geeignet ist, dieselben wirtschaftlich und moralisch zu stärken, ihr Volksgefühl zu kräftigen, ihre Beziehungen zu den übrigen Völkern zu klären und auf eine gesündere Grundlage zu stellen und insbesondere die Anerkennung der nationalen Existenz des jüdischen Volkes und dessen volle Gleichberechtigung unter den übrigen Völkern durchzusetzen, — so erscheint ein solcher politischer Zusammenschluß der österreichischen Juden als ein wichtiges Mittel zur Erreichung des zionistischen Endziels. II. Diese Bedeutung kann einer jüdisch-politischen Parteibildung jedoch nur zugesprochen werden, wenn sie wirklich auf streng national-jüdischer Basis erfolgt; als national-jüdisch kann aber nur angesehen werden, wer die nationale Einheit aller Juden der Welt, sowie das unzerreißbare Band, welches das jüdische Volk mit seiner uralten Heimat Palästina verknüpft, anerkennt. III. Der Zionistentag erwartet, daß die zu gründende politische Partei von Personen geleitet werden wird, welche als gewählte Vertrauensmänner der zionistischen Organisation für eine streng jüdisch-nationale Gesinnung, Gewrähr leisten. IV. Der Zionistentag erwartet, daß das Programm der zu gründenden Partei nicht nur nationale Forderungen enthalten, sondern entsprechend altjüdischer Tradition und dem Geiste des Zionismus sozial-fortschrittlich und gut österreichisch sein wird, denn die nationale Einheit aller Juden der Welt steht in keinem Widerspruche zur Staatsidee und zu den Staatsinteressen der einzelnen von Juden bewohnten Länder und berührt keineswegs die Rechte und Pflichten der Juden gegenüber ihrem Staate. V. Der Zionistentag erwartet, daß das Programm der zu bildenden politischen Partei in seinen einzelnen Bestimmungen ein solches sein wird, daß es den Interessen und Bedürfnissen der breiten Massen des jüdischen Volkes entsprechen wird, betont jedoch gleichzeitig, daß, wenn die österreichischen Juden zum ersten male es unternehmen, sich selbständig und auf jüdisch-nationaler Grundlage politisch zu betätigen, vor dem allgemein-jüdischen Interesse, welches mit einer solchen Aktion verbunden ist, alle andern Erwägungen in den Hintergrund treten sollten; der Zionistentag erwartet daher, daß der zu begründenden politischen Partei alle österreichischen Zionisten sich auch dann anschließen werden, wenn sie in deren Programm nicht gleich den vollen Ausdruck ihrer besondern wirtschaftlichen Interessen, kulturellen Bedürfnisse und politischen Überzeugungen finden sollten. Redner empfiehlt die Thesen zur Annahme. (Lebhafter Beifall.) Vors. Bechert: Wir können also zur Generaldebatte schreiten, die darüber entscheiden soll, ob die zionistische Organisation politisch werden soll oder nicht. (Widerspruch und Unruhe.) Del. York-Steiner*) (Wien) schließt sich den Ausführungen des Vorsitzenden vollkommen an. Man darf sich über die prinzipielle Frage nicht hinwegsetzen; sehr viele gute Zionisten, die auf dem Boden des Baseler Programms stehen, sind gegen die Verwandlung der zionistischen Organisation in eine politische; gefährden Sie nicht die Organisation! (Lärm.) Dr. Schalit wendet sich gegen die Versuche, den friedlichen Verlauf des Zionistentages zu stören. Die Tagesordnung ist bei einer Konferenz der Vertreter aller Gruppen vereinbart worden, wo auch beschlossen worden ist, die Thesen zur Grundlage der Debatte zu machen. Dr. Jos. Margulies (Krakau). Der neue Antrag ist in einer Form eingebracht worden, daß nach seiner Annahme eine weitere Tagung des Zionistentages unmöglich sein würde. (Zustimmung.) Die Debatte über die Thesen schließt eine Diskussion der prinzipiellen Frage gar nicht aus. Redner bittet, bei den Thesen zu bleiben. Es entsteht eine lange und sehr stürmische Geschäftsordnungsdebatte, an der sich mehrere Redner beteiligen. Es wird eine Pause angeordnet, in deren Verlauf eine Einigung erzielt wurde. Nach Wiederaufnahme der Sitzung erklärt der Vors. Bechert: Wir eröffnen die Generaldebatten über die Thesen. Abg. Dr. Straucher (mit lebhaften Beifall empfangen). Der Verlauf der eben stattgehabten Geschäftsordnungsdebatte, ich muß es gestehen, macht keinen erfreulichen Eindruck. Wir erwarteten Eintracht, ja Liebe zueinander und nicht ein solch heftiges, fast feindseliges Verhalten zur gegnerischen Meinung. Lernen Sie bei unseren Gegnern, — wie einig sie sind, wenn es gilt, uns zu zerfleischen. Und in einem solchen Momente streiten sie über Wortklaubereien herum! Wir sind zerfahren und laufen Gefahr, wenn wir den Volksbedürfnissen nicht abhelfen, die Massen zu verlieren. Nie war eine Organisation notwendiger als jetzt! Organisieren wir uns! (Lauter Beifall.) Dr. Diamant (Czernowitz). Seien wir uns klar über den Streit. In den Thesen wird der Gegensatz bloß in einem Punkte zum Aus- *) Herr York-Steiner präzisiert in einer Zuschrift an uns den Standpunkt, den er eingenommen, wie folgt: „Es wird in Österreich nach Annahme des neuen Wahlgesetzes möglich und nützlich sein, jüdische Politik zinnachen. — Jüdisch-nationale oder zionistische Kandidaten werden sogar Aussichten haben, in den Reichsrat zu kommen. Das darf jedoch unsere zionistische Organisation nicht berühren. — Einerseits, weil wir Gefahr laufen, aufgelöst zu werden. — Anderseits, weil wir unserer eigentlichen Aufgaben entfremdet würden."