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Die Welt · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nfo. 28 ....... blE^ELT 7 SPEZIALBERICHT ÜBER DEN AUSSERORDENTLICHEN ÖSTERREICHISCHEN ZIONISTENTAG IN KRAKAU VORMITTAGSSITZUNG: Sonntag, I.Juli. Um */ilO Uhr eröffnete der Obmann des österreichischen tandeskomitees Dr. Isidor Schalit den sehr zahlreich beschickten Zionistentag. Dr. Schalit (mit Beifall begrüßt): Im Namen des Landeskomitees, das Sie heute zu einer außerordentlichen Tagung versammelt hat, begrüße ich Sie auf das Herzlichste und heiße Sie willkommen. Insbesondere begrüße ich unseren lieben Freund Abgeordneten Dr. Straucher. (Beifall.) Auf die heutige Tagesordnung wurde nur ein Punkt gestellt: Stellungnahme der Zionisten zur politischen Aktion. Alle anderen Fragen der Organisation, Agitation, der allgemeinen zionistischen Politik und des Rechenschaftsberichtes können heute nicht zur Debatte gestellt werden, da wir es als unzulässig betrachten, Fragen von solcher Bedeutung und Wichtigkeit in einer zeitlich so eingeengten Beratung durchpeitschen zu lassen. Diese Fragen bleiben vielmehr einem ordentlichen Zionistentage zur Erledigung überlassen, demgemäß werden wir nur über die eine Frage — „Unser Verhalten zur innerpolitischen Betätigung" — theoretisch debattieren. Ich erlaube mir, Ihnen auch zur Kenntnis zu bringen, daß eine Vertrauensmännerversammlung von Ihren Vertrauensmännern einberufen wurde, die sich an den Zionistentag anschließen und. die am Zionistentage gefaßten Beschlüsse praktisch erledigen wird. Nur für diese Versammlung gilt die veröffentlichte Tagesordnung. Meine Herren! Bevor wir nun in das Meritum unserer Verhandlungen eintreten, erfüllen wir eine schmerzliche Pflicht (die Versammlung erhebt sich), indem wir derer vom jüdischen Stamme gedenken, die in Rußland ruchlosem Meuchelmorde zum Opfer gefallen sind. Mit ihrem Leben bezahlten diese Heldenmänner und Frauen ihr Bekenntnis zum jüdischen Volke und der Abschied von diesem Leben wurde ihnen so schwer, so unsäglich quälend gemacht, wie nur je entmenschteste Ruchlosigkeit und zügellosester Wahnsinn erdenken konnten. Der deutsche Kaiser Friedrich sagte als Kronprinz: „Der Antisemitismus ist die Schande Europas." Er würde heute sagen: „Die Massaker in Rußland sind eine Schande der ganzen Menschheit." Sie sind der Zivilisation und Kultur ein Schlag ins Gesicht. Man kann es verstehen, daß eine stetige hinterhältige Agitation imstande ist, alle bösen Instinkte und Leidenschaften des Pöbels zu wecken, man kann es fassen, daß man gegen Männer losgeht, von denen es das ganze Jahr heißt, sie schädigen den Staat und betrügen die Völker. Was aber haben wehrlose Frauen und unschuldige Kinder verbrochen (Bewegung), daß man sie hinschlachtet, wie man das Vieh nicht hinzuschlachten vagt! Ein einziger Monarch Europas hat nach den Oktobermassakern sein Mitgefühl durch eine Spende offiziell zum Ausdruck gebracht, und seine Regierung war die einzige, welche der heranstürmenden Juden Wanderung nicht mit Ausnahmebestimmungen begegnete, sondern im Gegenteil, die bestehenden Vorschriften milder auslegte — das war der Sultan und seine Regierung. (Großer Beifall.) Dankbarst konstatieren wir dieses Geschehnis und dankerfüllt erinnern vir uns einer Tatsache, die 400 Jahre hinter uns liegt: Als die Juden aus Spanien vertrieben wurden, öffnete ihnen das Türkische Reich gastlich und freundschaftlich seine Tore. Damals wie heute stand das türkische Volk den Juden hilfreich zun Seite. (Großer Beifall). Wir wollen nun hoffen, daß die türkische Regierung ihre schon oft bewiesene Bereitwilligkeit mit den Vertretern des jüdischen Volkes über die Besiedelung Palästinas mit Juden in Verhandlungen zu treten in den festen Willen umsetze, diese Verhandlungen einem gedeihlichen, glücklichen Ende zuzuführen. (Stürmischer Beifall.) Die türkische Regierung würde damit einen Beweis hoher staatsmännischer Klugheit geben, da die Einwanderung der Juden in Palästina nur zur Kräftigung und Stärkung des türkischen Reiches beitragen wird. (Beifallssturm.) Dem Verhalten der türkischen Welt wollen wir die Barmherzigkeit des christlichen Europas gegenüberstellen. Wer hat sich gerührt, als die ersten Schreckensnachrichten das Blut in den Adern erstarren ließen, welche Macht hat es für notwendig erachtet, direkt oder indirekt auch nur den Anschein einer Beteiligung an diesen Massenmorden abzulehnen? Eine Lüge, diese Kultur, die es geduldig erträgt, daß man wehrlose Frauen und unschuldige Kindergrausam zu Tode foltert! (Zustimmung). Schmach der Zivilisation, die diesen Schandtaten untätig zusieht, weil Gründe politischer oder staatlicher Raison gegen eine Intervention sprechen. Wehe den Juden, die angesichts dieser Ereignisse noch nicht erkennen wollen, daß die Rettung, die Hilfe nur in der Selbsthilfe liegen. . . . Europa aber möge die Massenmorde in Rußland als ein Mene-Tekel-Uffarsin an die eigenen Tore heften. Kischinew, Hornel, Odessa, Kiew, Bjelostok — sind nur der Anfang und das Ende ist der unaufhaltsame Sieg des Pöbels über Sitte, Ordnung, Kultur und Gesellschaft. (Zustimmung). Die Judenfrage ist heute keine Frage der Juden mehr, sondern" eine Frage Europas. Und Europa muß diese Frage beantworten, indem es sie auf die Tagesordnung der nächsten Haager Friedenskonferenz stellt. (Lebafter Beifall). Wir aber, die Blutzeugen dieser Tage, die wir an den offenen Gräbern unserer Märtyrer stehen, trockenen Auges, weil wir das Weinen schon verlernt haben, wir wollen heute tund immerdar den Schwur erneuern: Jvri anochi, Juden sind wir, Juden bleiben wir, der ganzen Welt zum Trotz. (Stürmischer Beifall). Unser Mut ist nicht gebrochen, unsere Hoffnung ist nicht erloschen; unsere Brüder in Rußland zeigen, wie ein Jude stirbt: er nimmt seinen Feind mit ins Grab! So stark, so mutig, so ungebrochen und so ehern werden auch wir sein, wir, die das Schicksal verurteilt hat, nur Zuschauer dieser Tage zu sein. Sollten die Ereignisse auch von uns Mut, Entschlossenheit und Opferwilligkeit verlangen, (Beifallssturm) — der Geist der Makkabäer lebe in uns fort, wie er in unseren tapferen seligen Brüdern und Schwestern in Rußland gelebt hat, die uns immer ein erhebendes Beispiel jüdischer Seelengröße sein werden. (Begeisterter Beifall). Und nun, meine Brüder, kehren wir zur Sorge des Tages zurück. Das L.-C. hat sie zu einer außerordentlichen Tagung einberufen, weil eine dringende und wichtige Frage rasche und zielbewußte Entscheidung erheischt. Rückschau über unsere Arbeit werden wir auf dem ordentlichen Parteitage halten, wo wir, uneingeschränkt von allen aktuellen Fragen, uns den internen zionistischen Arbeiten widmen werden. Meine Herren! Der Tag, an dem wir uns heute zusammenfinden, ist ein historischer. Es werden 25 Jahre, daß in Österreich der erste zionistische Verein gegründet wurde. (Großer Beifall). Die Judenverfolgungen in Rußland, die plötzlich wie ein Orkan entstanden, unvermutet, unverhofft, ließen alle Juden, die sich in tiefster Sicherheit wähnten, erschauern. Der Rückschlag war ein ungeheurer. Rat- und hilflos standen die Juden da, denn wie ein Gespenst trat plötzlich die Judenfrage an sie heran. Aber aus der Flut der allgemeinen Verzweiflung hatte sich ein kleines Eiland erhoben, auf dem das blauweiße Banner wehte. Jüdische Jünglinge waren es, die die wehmütigen Klänge der Sehnsucht, die aus dem Osten herüberwehten, aufnahmen und sich zu eigen machten. Jüdische Jünglinge gründeten einen zionistischen Verein. Das war eine historische Taf. Und diese Jünglinge haben ihre Arbeit treu ergeben geleistet, bis die Stunde der Ablösung kam. Rein und makellos haben sie die jüdische Fahne dem Manne übergeben, den ein Volk in freiem Willen zu seinem Führer sich erkoren. 25 Jahre seit der Gründung des ersten zionischen Vereins, — und welche große Veränderung! Der Zionismus ist keine Studentenbewegung mehr — er ist Gemeingut der gesamten Judenheh> geworden. (Beifall). Der Zionismus besteht nicht in einem oder einigen Vereinen. Nunmehr sind die Kaders aufgestellt, und jedes hat seine Losung. Und die Leistungen der einzelnen müssen in der Gesamtheit verschwinden. Ein Frühlingssturm braust nun durch die jüdische Welt: der Ruf nach Zion! (Großer Beifall). Ein neues Geschlecht wächst heran, bereit für das Volk zu leben und, wenn es gilt, zu sterben! Welch weiter schwergebahnter Weg liegt hinter uns seit den denkwürdigen Tagen des 1. Baseler Kongresses! Unsere Arbeit ist nicht die Arbeit eines Tages. Wir kämpfen schon Jahr und Jahr. Die Schaffung der Zionistenkongresse, die Sammlung der patriotisch und national gesinnten Juden, die Grün- ' dung der jüdischen Kolonialbank, die Eroberung der öffentlichen Meinung, das Wohlwollen der maßgebenden Kreise, die Schaffung des jüdischen Nationalfonds, die Inaugurierung der Palästina-Arbeit — sind die Früchte dieser schweren und harten Arbeit! Nun flattert nicht mehr ein einzig Fähnlein einsam in der Luft, ein Fahnenwald rauscht über unsern^Köpfen, und in Euch, liebe Brüder, begrüßen wir die Fahnenträger, die treue Wacht auf ihrem Posten halten. (Lebhafter Beifall). Der Mann, der dies alles geschaffen, ist dahin (die Versammlung erhebt sich). So wie Moses das Land nur schauen konnte, das er nicht betreten durfte, so wurde Theodor Herzl seinem Volke in Stunden der schwersten Not entrissen, und nur ein Trost ist uns geblieben, die Erinnerung an diesen Fürsten des Golus! 2*

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