Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIEUqKi ELT No. 28 BRIEFE AUS CZERNOWITZ Eine Theodor Herzl-Straße in Czernowitz Das Buchenland und seine Landeshauptstadt am Pruth muß man sich genauer angesehen haben, um über Land und Leute daselbst das richtige Urteil sich bilden zu können. Der flüchtige Besucher empfängt nicht immer den richtigen Eindruck. Wenn ein Feuilletonist in der „N. Fr. Presse", der aus dem Zigeunerreich der Walachei seine Wanderung durch die Bukowina antrat und die merkwürdige Gegenüberstellung, die Kathredale, den Prachtbau der erzbischöflichen Residenz, und die Burg des Sadagoraer Wunderrabbi bewundernd, in seiner Phantasie sogar vom Rathausturme aus an der Grenze den donischen Kosaken traben sah, so ist dies THEODOR HERZL Nach einem Relief von Rafael Chamizer, Leipzig. sehr begreiflich. In dem Völkerkonglomerat en miniature, wo neben Ruthenen, Rumänen, Juden, Deutschen, Armeniern, Magyaren, Huzulen, Lippowenern vereinzelt auch Czechen, Mähren, Slowaken, sogar Franzosen und Italiener auftauchen und die Spuren des ehemaligen öffentlichen Türkenbrunnens daran erinnern, daß das Land der Pforte einmal Untertan war, wird der fremde Besucher der die Bukowina nur flüchtig kennen lernt, manchmal ganz verwirrt, und die deutsche Universität im Zentrum des vielsprachigen Landes ist schon gar geeignet die Verwunderung des Fremden hervorzurufen. Czernowitz, die Hauptstadt des Landes, das man sehr oft Kleinösterreich genannt hat — Karl Emil Franzos gab ihm einstmal das weniger schmeichelhafte Epitheton: Halbasien — mit seinen 70000 Einwohnern hat nun einen gewaltigen Aufschwung genommen und geht jetzt daran, eine große Anzahl von neuen Gassen in den ausgebauten Stadtteilen zu benennen.. Seit der Ära des Prinzen Konrad Hohenlohe-Schillingfürst als Landespräsidenten der Bukowina (des vorigen österreichischen Ministerpräsidenten), haben auch die Juden des Landes viele Erfolge zu verzeichnen. Interessant ist es nun zu erfahren, daß jetzt in der Landeshauptstadt eine Gasse nach Theodor Herzl benannt werden soll, wofür seitens der akademischen Verbindung „Hasmonäa", der ältesten unter den jüdisch-nationalen an der Czernowitzer Alma mater, eine sehr eifrige Agitation entfaltet wird. Die Bukowinaer Blätter berichten darüber des ausführlichen. U. a. schreibt das „Czernowitzer Tagblatt" in seiner Einleitung zum Sitzungsbericht des Gemeinderates: Sitzung vom 5. Juli 1906. Die gestrige Sitzung wurde ganz von der Straßenbenennungsfrage ausgefüllt. Stellenweise kam es zu einer ziemlich lebhaften Erörterung. Das Auditorium bot ein interessantes Bild. Die akademische Verbindung „Hasmonäa" erschien vollzählig mit den „Alten Herren" und forderte durch Zwischenrufe die Verhandlung des Antrages Dr. Billig auf Benennung einer Gasse nach dem verstorbenen Zionistenführer Dr. Theodor Herzl. Die Sozialdemokraten forderten die Benennung von Straßen nach Josef Scheu und Herwegh. Es kam auch zu einem kleinen Zwischenfall, der bald aufgeklärt wurde. GR. Titus v. Onciul stellte einen Vertagungsantrag, und als er keinen Anklang fand, veranstalteten die Rumänen einen kleinen Exodus. Die im Auditorium abwesenden „Hasmonäer" hielten dies für eine Demonstration gegen das jüdische Petit, während die Sozialdemokraten dieselbe auf sich bezogen. Auf diesbezügliche Vorstellungen einiger Gemeinderäte erschienen die Rumänen wieder im Saale. GR. Simionowici und GR. T. v. Onciul erklärten, daß. sie weder gegen den Namen Theodor Herzl noch gegen Josef Scheu sich kehrten, sondern zuvor eine Ausfindigmachung der hiefür in Betracht kommenden Gassen durch ordnungsmäßige Beratung in der Kommission erzielen wollen, die Rumänen werden aber in der nächsten Sitzung für die Benennung einer Gasse nach Theodor Herzl und für das Petit der Sozialdemokraten stimmen. Diese Enunziation wurde mit lebhaftem Beifall vom Auditorium aufgenommen. Schon während der Sitzung wurde seitens der „Hasmonäer" einzelnen Gemeinderäten proponiert, die jetzige Judengasse nach Herzl zu benennen. Da infolge grundbuchlicher Schwierigkeiten, die aber in einem Einzelfalle leicht zu beheben sind, gegen Umänderungen von bestehenden Namen der Gassen ein Gemeinderatsbeschluß seinerzeit gefaßt wurde, wird mittels einer Petition die Statuierung eines Ausnahmefalles in der nächsten Sitzung angesucht werden. Für diese Petition werden, wie wir hören, seitens der Mitglieder der „Hasmonäer" bei den Bewohnern der Judengasse Unterschriften gesammelt. Es wurden nun Stimmen laut, die der Judengasse den historischen Namen erhalten möchten. Seitens der „Hasmonäer" ist deshalb dem Referenten der Straßenbenennungs-Kommission GR. Wöllstein vorgeschlagen worden, für den an die Judengasse angrenzenden „Alten Marktplatz" den Namen Theodor Herzl-Platz zu wählen. Ein diesbezüglicher Antrag hat auch Aussicht in der nächsten Gemeinderatssitzung einstimmig angenommen zu werden. Jedenfalls wird eine Gasse nach Herzl benannt werden. Dies steht fest. X. Y. Jüdische Wahlreformagitation Czernowitz. Am 23. v.M. fand im Bauhandwerkersaale eine massenhaft besuchte Volksversammlung mit der Tagesordnung: „Jüdische Wahlbezirke für die Bukowina" statt. Referent Dr. B. Kinnsbrunner führte aus, daß die Wahlkreiseinteilnng für die Bukowina darauf angelegt sei, die Juden zum Spielball der einander bekämpfenden Parteien und Nationen zu machen. Die Regierung weigere sich unter nichtigen Vorwänden, den Juden das zuzugestehen, was sie keiner Gruppe verweigere. Sogar auf die Juden Galiziens, die bisher immer nur Fußstöße erhielten, nahm man einigermaßen Rücksicht, nur den Bukowiner Juden hat man das vorenthalten, was ihnen gebührt kraft ihrer Intelligenz, ihrer Steuerkraft, ihrer Zahl. Die von Beifall wiederholt unterbrochene Rede machte einen starken Eindruck auf die Anwesenden. Hierauf sprach Herr Löbel Taubes. Derselbe gedachte zuerst in ergreifenden Worten der Ermordeten von Bjelostok: „Sie fielen im Kampfe der russischen Befreiung für das Recht der Völker. Ob.auch unserem Volke Recht werden wird? Hier im konstitutionellen Österreich wird - es uns verweigert. Man will unsere Eigenart nicht berücksichtigen. Wohl hat man auf alle möglichen Umstände bei der Abgrenzung der Wahlkreise sein Augenmerk gelenkt. Auf nationale Abgrenzung, auf Abgrenzung von Stadt und Land, auf Kulturunterschiede, auf JBildung von Wahlbezirken für die Industriellen und Großgrundbesitzer, für die Arbeiter, auf Schaffung konservativer und radikaler Wahlbezirke — nur die Eigenart der Juden hat man vergessen." Namens der „Poale Zion" gab Herr Steinmetz die Erklärung ab, daß die jüdische Arbeiterschaft die Sache ihres Volkes bei keiner Gelegenheit verlassen und für die Forderung nach jüdischen Mandaten mit aller Kraft eintreten wird. Schließlich wurde eine Resolution im Sinne der Referate einstimmig angenommen, die an den Ministerpräsidenten, den Minister des Innern, an Dr. Straucher und die Bukowiner Mitglieder des Wahlreformausschusses abzusenden wäre.