Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 28 DI EMKE LT 5 HERZL UND DIE PARTEIDISZIPLIN Erinnerungen von ALEXANDER MARMOREK Unser Führer stellte große Anforderungen an seine Getreuen. Es ist wahr, selten schlössen sich dem Schöpfer einer neuen Bewegung so starke Individualitäten an, wie hier. Männer, die sonst ziemlich dickköpfig ihre eigenen Wege zu gehen verstanden und die ihre persönlichen Ansichten allezeit und gegen alle zu verfechten wußten, wurden sein „Gefolge". Sie wurden es, der Idee und dem Manne zuliebe. Beide gaben ein selten schönes Gemisch. Ein jüdischer Staatsmann! So etwas hatte niemand von ihnen gekannt, denn selbst die Engländer unter uns hatten ja keine Beziehungen zu Beaconsfield gehabt. Ein jüdischer und dabei durch und durch moderner Volksführer, begabt mit seltenem persönlichem Charme; dazu ein anerkannt bedeutender Schriftsteller, der die Feder ebenso gewandt und elegant zu gebrauchen verstand wie das gesprochene Wort, das er scharf wie eine Damaszenerklinge führte. Alles in allem ein ungewöhnlicher Mensch und ein ganzer Mann. Die Außenstehenden, welche die Freundesbande seiner spöttisch verhöhnten „Mamelucken" mit etwas Neid betrachteten, verstanden dies Verhältnis nicht, oder mißverstanden es. Sie ahnten auch nicht, daß Herzls Getreuesten die schärfste und auch einzig einflußreiche — Opposition der Bewegung darstellten, das Gegengewicht gegen seine himmelstürmenden Absichten, das Hemmwerk dieses stetig bewegten Mechanismus. Sie waren zudem eine disziplinierteTruppe, aber sie lehrten auch den Führer Parteidisziplin. Allen galt die Bewegung mehr als das Individium, mehr sogar als der Freund und der bewunderte Führer. Ihr mußte man Opfer bringen, alle, ohne Ausnahme, war das Axiom, das jedermann Theodor Herzl im Alter von 6 Jahren. auch er. Das anerkannte. Wie oft sagte mir Herzl, wenn wir von Erfolgen anderer deutscher Schriftsteller sprachen: Was hätte ich nicht Großes und Bedeutendes als Mann der Feder schaffen können, wäre ich nicht Zionist geworden! Da er dieses für ihn ungeheure Opfer brachte, so war es ihm nur natürlich, auch von den anderen Ähnliches zu fordern, und manchmal auch ein Opfer der Überzeugung und der Eitelkeit — solange es zum Gedeihen des Ganzen unbedingt notwendig war. Er hatte recht: Ein historisch-großes Werk kann nur zustande gebracht werden und siegen, wenn alle seine Anhänger ihm zuliebe das Allerschwerste tun: ihre Eigenliebe zurückstellen. — Darum traten auch manche, sonst gute Juden und selbst begeisterte Zionisten, zur Seite, als sie empfanden, daß die Bewegung von ihnen sogar solches verlange. Eine kleine Erinnerung aus dieser großen, schönen und leider vergangenen Zeit, wie auch er der gute Soldat war, der sich zu beugen wußte, sei heute erwähnt. Es war vor einem der ersten Kongresse. Ich kam spät abends aus Paris in Basel an und hörte im Hotel, wo ich meine Brüder Oskar und auch den leider nun beweinten Isidor sowie die übrigen Freunde fand, daß Herzl, der gleichfalls am selben Tage aus Wien eingetroffen war, bereits schlafe. Unter anderem sagte man mir, daß er die Eröffnungsrede des Kongresses fertiggestellt und einigen Freunden noch vor der Sitzung des Aktionskomitees vorgelesen habe, auch, daß sich darüber schon eine Diskussion für und wider erhoben hätte. Ich ging zu Herzl, um ihn zu begrüßen. „Alles Nähere werden wir morgen besprechen," sagte ich ihm, „und da werde ich auch die Rede hören, die nicht gut sein soll." Das Wort brachte ihn auf und er erwiderte bitter lächelnd: „Um mir das mitzuteilen, haben Sie mich geweckt?" „Jawohl. Und um Ihnen gute Nacht zu wünschen." Am anderen Morgen Sitzung des Aktionskomitees. Herzl liest seine Eröffnungsrede, in der uns manche Punkte nicht befriedigten — sogar stilistisch nicht, als wir bedachten, daß sie für die größte Öffentlichkeit bestimmt sei. Nachdem er das Manuskript zuEnde gelesen, verteidigte Herzl noch seinen Standpunkt, daß er als Führer das Recht habe, die Rede nach seiner Art zu halten und diesbezüglich keiner Kontrolle unterliege. Ich erhob mich und bestritt zunächst seine These von der Unverantwortlichkeit des Führers, sprach von der Unmöglichkeit gemeinsamer Arbeit, wenn nicht auch er sich der Ansicht der Mehrheit zu beugen wisse, und begann hierauf die Kritik der Rede, die ich unbarmherzig führte. Die Abstimmung gab mir recht. Und die Rede wurde in anderer Fassung gehalten, als er sie ursprünglich konzipiert hatte. Aber nach der feierlichen Eröffnungssitzung sagte er mir kurz: Und da behaupten die Leute, ich sei ein Autokrat, und doch habe ich als deutscher Schriftsteller mir von Ihnen meine schöne Rede zertrümmern lassen! —