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Die Welt · 1906-07-13 · 28 (13.7.1906) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
28 (13.7.1906)
Date
1906-07-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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4 DIE3qKELT No. 28 Unsere Pfade waren steinicht, und es schien manchmal, als ob sie auseinander führen würden. Wenn dieses Unglück uns nicht getroffen hat und nicht treffen wird, so sollen wir bei jeder überwundenen Klippe uns dankbar dessen erinnern, der uns das. eine unverrückbare Ziel gegeben hat: die Erwerbung der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte auf dem Boden, unserer Väter. So lange Herzl lebte, haben wir manchmal gedacht, auch ein anderer könne die Bewegung gleich ihm leiten. Seitdem kennen wir unseren Irrtum. Wir wissen heute, daß in seiner Persönlichkeit schon sich die Gegensätze ausglichen, daß er der neutrale Mittelpunkt war, in dem Ost und West, arm und reich einen Teil ihres Selbst erblickten. Wir sind ja so verschieden geworden durch alle diese Jahrhunderte des Golus, so mannigfaltig sind die Lebenskreise, denen wir entstammen, daß es fast unmöglich schien, uns zu verständigen. Die Gegner glauben ja heute noch nicht an die Tatsache, daß es uns gelungen ist. Da konnte nicht ein Ausgleich der Art unternommen werden, daß man vermittelte, Kompromisse schloß, Unversöhnliches auszugleichen suchte. Nur das Endziel mußte allen gemeinsam sejn, allen gleich erstrebenswert scheinen. Im übrigen mußte der Leiter des Ganzen seine eigenen Wege gehen und den Zionismus in seiner eigenen Person symbolisieren. Er mußte über dem Ganzen stehen, weithin sichtbar wie eine Fahne in der Schlacht, jedem bekannt, von jedem geliebt und auch gefürchtet, wenn es not tat. Daß Herzl diese 'gewaltige Aufgabe gelang, ist dem Umstand zuzuschreiben, daß er mit den Eigenschaften eisernen Willens und klaren Erkennens auch jene große innerliche Güte besaß, die nur dem wahren Manne eigen ist. Man wundert sich, daß Herzl, der ausgesprochene Bewunderer westlicher Kultur, den östlichen Juden so gut verstand, daß er geradezu wie ein König von ihnen verehrt wurde. Hat man ihm doch beim Besuche einer großen russischen Stadt die Thora entgegengetragen! Demselben Manne-, der selbst gesteht, daß er am „Judenstaat" nur ruhig arbeiten konnte, wenn er des Abends eine Wagnersche Oper besuchte. Aber das Wunder des Verstehens wvar so groß nicht. Er liebte ebenv dieses unglückliche verfolgte Volk und darum fand er die Möglichkeit eines intuitiven Begreifens seines Gedankenganges. Und die sensitive Menge fühlte ebenso instinktmäßig, welche Fülle von Liebe ihr entgegen-, schlug und vergalt ihm ihrerseits, mit einem fast blinden Vertrauen. So konnte er nicht nur . eine Mittlerrolle zwischen den verschiedenen Lebensauffassungen durchführen, sondern auch das Volk führen und dem geeinigten Ganzen ein Leiter sein. Viele an seiner Stelle wären durch diese exzeptionelle Stellung verführt worden, den Volksinstinkten zu schmeicheln. Herzl hat es nie getan. Er wollte dem unklaren Wollen der Massen die Richtung geben, sich auf die Gesamtheit, nicht auf den kleinen reichen Bruchteil derselben stützen, aber er wollte nicht zum Sklaven des Haufens werden. Er ist sich auch in diesem Punkte treu geblieben, obwohl an einem Punkte seines Lebens die Versuchung furchtbar groß war: bei der Beratung der Ostafrikafrage. Er hielt an dem für richtig Erkannten fest, auch als die eigene Popularität ins Wanken kam. Er hielt fest an der Absicht, das englische Angebot zu prüfen, weil das eine politische Notwendigkeit war und obwohl er persönlich niemals nach Uganda gegangen wäre. Das hat er einer ganzen Anzahl von Freunden gesagt, er hat es auch niedergeschrieben. Es ist gut, das heute, da der Punkt nicht mehr zur Debatte steht, als historische, nachweisbare Wahrheit festzustellen. Er hat sogar erklärt, daß wenn der 7., Kongreß das Ostafrikaanerbie.ten annehme, er von der Leitung zurücktreten werde. Aber er wollte nicht\'diilden, daß man neben dem unverrückbaren Endziel eine Notstandsaktion von vorneherein für undiskutierbar erkläre, er wollte sich in der Wahl, seiner Mittel nicht beschränken lassen. Die Extremen von rechts und links hüben ihn nicht verstanden. Und unter dem efwachenden'Mißtraiieh hat er furchtbar gelitten. Er hätte es mit einem Worte zerstreuen können, aber er war zu stolz dazu und hatte zu viel Pflichtgefühl, um seinen persönlichen Interessen auch nur den geringsten politischen Erfolg zum Opfer zu bringen. Und diese politischen Erfolge brauchte er für seine ganze Art der persönlichen Politik, aus der man ihm auch von Seiten der vielen kleinen Größen einen Vorwurf gemacht hat. Sie verstehen nicht, daß der Glaube der Massen an die Erreichbarkeit des Endziels der Nahrung bedarf, daß der Glaube sich von der Hoffnüng nährt. Wer diese Zuversicht nicht erhalten kann, ist eben kein Führer, vielleicht ein sehr guter Politiker, aber kein Mann für die Massen. Der einfache Mann muß die Arbeit des Führers sozusagen mit Händen greifen, an sichtbaren Ereignissen abmessen können. Solange Herzl lebte, hat er das gekonnt, und es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wenn dieser Weg von seinen Nachfolgern jemals verlassen werden sollte. Unwahr aber ist es, wenn behauptet wird, daß Herzl jemals Sensationspolitik getrieben hätte. Er hat an jedes seiner Worte fest geglaubt, und er hatte Grund dazu. Auch in jener berühmten Rede im Londoner Eastend, als er versicherte, der Moment sei nahe, an dem wir uns in Bewegung setzen würden. Er hat an sehr bestimmte Versprechungen geglaubte und seine Schuld war es nicht, daß sie sich nicht erfüllt haben. Auch für diese Tatsache gibt es authentische Beweise. Vermutlich werden wir auch in den nächsten Jahren auf keinem leichten Pfade schreiten, und unser großer Tote wird uns oftmals fehlen, Aber wir werden a-He Schwierigkeiten überwinden, wenn nur eins uns erhalten bleibt: das Baseler Programm, der Grundgedanke des politischen Zionismus. Wir hegen das feste Vertrauen, daß der neuen Leitung dies gelingen wird. Und um uns auf Grund dieses unverrückbaren Gedenksteins Herzischer Tätigkeit als Einheit zu fühlen, lassen wir unsere Gedanken hinüberschweifen zu dem stillen Friedhq| von Währing, der' einstweilen unseren- Volkshelden bergen darf, bis wir sein Vermächtnis erfüllen können und ihn betten dürfen im Schatten ernster Zypressen, bis wir seine sterbliche Hülle hinüberführen in das Land unserer Väter, zu dessen fernen, meerumspülten Küsten uns Theodor Herzl den Weg gewiesen hat. Laßt uns Herzl treu bleiben, wie er uns bis zum Ende treu geblieben ist! Mitten im Leben ist der Tod gekommen, aber wenn er zu großen Menschen kommt, schreitet neben ihm die Unsterblichkeit. ADOLF FRIEDMANN.

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