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Die Welt · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Prof. Quidde München sagte u. a.: Haben wir das Recht, in die Angelegenheiten anderer Menschen, Völker hineinzureden? Wir beanspruchen ein solches Recht, weil wir eine große Kulturgemeinschaft der Menschen anerkennen und weil dort in Rußland um Menschenfreiheit und Menschenrechte gekämpft wird. Es ist ein beliebtes altes Mittel der privilegierten Kreise, daß sie die Rassen verhetzen, um sich selbst an der Macht zu halten. Man hat die Nationen aufeinandergehetzt, Balten und Letten gegen Deutsche und die Russen gegen die Juden. Auch bei andern Völkern wird versucht, auf ähnliche Weise die Volksleidenschaften abzulenken, nur schreitet man dort nicht gleich zum Morden. Aber auch bei uns sucht man jede unbequeme Bewegung in Mißkredit zu bringen, indem man einfach sagt: Da steckt das Judentum dahinter. (Stürmischer Beifall.) Mit Beschämung müssen wir daran denken, daß man einem Lande Anleihen bewilligt hat, in dem staatlicherseits zu Mord und Gewalttat gegen wehrlose Bürger aufgefordert wird. Wenn aber auch in dieser Beziehung die deutsche Regierung einmal neutral war und so vorsichtig, das deutsche Kapital zurückzuhalten, — aus Forderungen der Kultur ist das sicher nicht geschehen. Deutschland war durchaus nicht immer neutral. Beweis: Die Russenausweisungen. . (Lebhafte Zustimmung.) Wir wollen Frieden mit Rußland, aber nicht mit dem der Vergangenheit, mit dem des blutigen Absolutismus, sondern mit dem neuen der Freiheit, mit dem Rußland der Duma. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Hierauf wurde mit allen gegen eine Stimme eine Resolution angenommen, die denselben Wortlaut hat, wie der in Berlin am 25. Juni gefaßte Beschluß. Sie lautet: Die Versammlung spricht ihr tiefes Mitgefühl mit den Opfern der Metzeleien in Rußland und ihre Empörung über die Urheber der unmenschlichen Grausamkeiten aus. Sie vertraut, daß die Duma es erreichen wird, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziefien, damit neuen Untaten vorgebeugt werde, und sie ist von dem Wunsche beseelt, daß es den Mächten des Fortschritts und der Kultur gelingen möge, unserem großen östlichen Nachbarreich den Verfassungsstaat mit Sicherung der bürgerlichen Rechte und der religiösen Freiheit zu bringen, zum Segen Rußlands und als eine zuverlässige Bürgschaft friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zum Deutschen Reich. Auch in Stuttgart fand eine ähnliche Protestversarnmlung statt. JERUSALEM Von DAVIS TRIETSCH, JAFFA II Bei uns ist man meist gewöhnt anzunehmen, daß die jüdischen Einwanderer allein das progressive Element in Palästina darstellen, und daß alle neue Tätigkeit nur von ihnen ausgehen könne. Aber man halte sich doch vor Augen, daß die neuen Leute im neuen Lande meist nur recht wenig machen können. Sie kommen ohne Kenntnis der Landesverhältnisse und ohne Kenntnis der Sprache, und ist es ihnen daher ganz unmöglich, selbständig vorzugehen. Sie sind vielmehr gezwungen, entweder gruppenweise zu kommen und eigene Kolonien zu gründen (was aber seit langer Zeit nicht mehr vorgekommen ist), oder sie müssen sich an schon bestehende Judenkolonien auf dem Lande oder in den Städten anschließen, — wirtschaftlich bei weitem nicht die beste Position, da besonders die aus Einwanderern gebildeten städtischen „Kolonien" schon viel zu sehr überfüllt sind. Erst wenn sie mit Land und Leuten sowie mit der Sprache hinreichend vertraut sind, können sie daran denken, über den oben skizzierten engen Kreis hinauszugehen und die vielfachen Möglichkeiten sich zunutze zu machen, die das eben sich entwickelnde Land bietet. Aber dann sind sie selbst schon nicht mehr zum neuen Element zu zählen. Wenn wir nun selbst annehmen, daß nur ein ganz geringer Bruchteil der jüdischen Bevölkerung Jerusalems und Safeds alljährlich sich zu wirtschaftlich Progressiven oder wirtschaftlich Brauchbaren entwickelt, so hilft uns diese noch so langsame und prozentual noch so schwache Entwicklung zur Gewinnung neuer Positionen im Lande doch viel mehr als die neue Einwanderung. Man bedenke auch, welche Perspektiven sich aus der jüdischen Übervölkerung Jerusalems ergeben. Nehmen wir an, daß irgend ein Punkt in Palästina in einem Entwicklungsstadium ist, welches es uns wünschenswert erscheinen läßt, dorthin eine Anzahl Juden zu verpflanzen, so würde uns in solchem Falle nur die wirtschaftliche Methode fehlen. Das „Menschenmaterial" bietet Jerusalem und bietet Safed in hinreichender Zahl. Und das ist keine Theorie. In Wirklichkeit existieren in Palästina eine ganze Anzahl solcher „kolonisations-strategischer" Punkte; — auch die wirtschaftlichen Methoden sind gefunden, und es fehlt nichts als der Entschluß zu einem solchen planmäßigen Vorgehen — und die Ausführung des Entschlusses. Im ersten Teil meiner Ausführungen habe ich von der Uneinigkeit der Christen gesprochen, die unsere Position noch günstiger macht, als aus den bloßen Ziffern hervorgeht. Um dieses Argument mit Recht anzuwenden, müßte es erwiesen sein, daß nicht auch unsere Reihen durch Zwietracht geschwächt sind. Ich glaube aber sagen zu können, daß trotz aller kleineren Differenzpunkte, die man schließlich überall findet und nicht nur unter Juden aus so vieler Herren Ländern, im großen und ganzen sogar ein friediches und freundschaftliches Einvernehmen zwischen Sephardim und Aschkenasim zu konstatieren ist. Die allseitigen Fortschritte der hebcäischen Sprache, die sich immer mehr zur Hauptumgangssprache der Juden im Orient entwickelt*), haben eine weitere Brücke zwischen den verschiedenen Gruppen geschlagen, und in allen Lebensverhältnissen macht sich eine stetige gegenseitige Annäherung dieser noch bis vor kurzem einander recht fremden Volksfeile bemerkbar. Eines der erfreulichsten Beispiele dieser Art zeigt die asiatische und dabei weitaus stattlichste unter den Judenkolonien Jerusalems: — die bocharische! Nicht weit von den schönen Neubauten der Lämelschule und von diesem Teil Jerusalems durch ein von Stein und Felsen gefülltes Feld getrennt, sah man schon vor Jahren eine Gruppe sehr schön gebauter Häuser, in denen Bocharer Juden wohnten. Die Bocharlis sind allesamt wohlhabend, und es besteht bei ihnen eine Art Abmachung, daß nur solche nach Jerusalem kommen dürfen, die ein gewisses Vermögen mitbringen. Hier bauen sie sich schöne Häuser auf gemeinsam gekauftem Land, das parzelliert an Neuankomniende abgegeben wird, und zwar mit einem Nutzen, der zu weiteren Landkäufen dient. Jetzt hat sich die Bocharische Kolonie zu einer recht imposanten Vorstadt entwickelt, in der neben den ca. 700 Bocharlis eine schon jetzt viel zahlreichere russisch-jüdische Bevölkerung" lebt. Auch das große Diskinsche Waisenhaus ist in einem der weitläufigen Gebäude dieser Kolonie untergebracht Den äußersten Vorposten Jerusalems hier im Nordwesten der Stadt bildend, dehnt sich der Bocharer Stadtteil immer mehr und mehr aus. An zehn Stellen der Kolonie wird gleichzeitig und planmäßig weiter gebaut und man könnte eher meinen, in einer europäischen Hauptstadt als in einem noch vor kurzem in einem *)Ieh habe mich nicht wenig gewundert, als bei einer Statutenberatung des Jüdischen Clubs in Jaffa mit größter Selbstverständlichkeit die Verhandlungen hebräisch geführt wurden. Unter den 23 Anwesenden war es nur für mich und noch einen Westeuropäer iiötig,\geiegentlich einiges Wichtigere zu übersetzen!

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