Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316214--48294-3343216
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zauberschlaf ruhenden Städtchen Vorderasiens zu sein, wenn man diese rastlose Bautätigkeit beobachtet. Der Bocharer Judentypus unterscheidet sich wesentlich von dem der anderen Juden. Sehr stattliche Männer, die bei völlig jüdischen Gesichtszügen sich durch hohen Wuchs und eine prachtvolle Haltung auszeichnen, während Frauen und Kinder, unter denen man viele sehr schöne findet, häufig einen leicht mongoloiden Zug im Gesichte haben. Alle sehen auffallend gesund aus. Ein interessantes Bild bieten die Straßen der Kolonie, besonders des Abends oder am Sabbat, wenn die Bocharlis in der ganzen Farbenpracht ihrer heimischen Gewänder gruppenweise umherwandeln und die Frauen die „im übrigen" blumenlosen Balkons durch ihre in großblumige Muster gekleidete Gegenwart tatsächlich „zieren". Man denke sich die gleichmäßig aus weißen Steinen gebauten Häuser, alle mit roten Dachziegeln und mit blau gestrichenen Gittern vor den Fenstern, und in diese Gleichförmigkeit flutet dann ein Farbengewoge der erstaunlichsten Art. Ich sah Kinder, die sozusagen in ein einziges Karro eines Kleiderstoffes gehüllt waren! So groß war das Muster, — nicht etwa, daß die Kinder so klein waren. Übrigens sind die Farbenzusammenstellungen bei aller Erstaunlichkeit doch von großer Harmonie. Die russisch-jüdischen Mitbewohner des Quartiers sehen dagegen recht alltäglich aus, obwohl sie sich schon vieles „Asiatische" angeeignet haben. So tragen z. B. die Frauen bereits schönfarbige Kopftücher mit an der Kante angesetzten gestickten Blumen, die fast wie natürliche wirken und einen sehr orientalischen Eindruck machen. Von dem engen Zusammenleben zweier so verschiedenen Judengruppen ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die guten Eigenschaften beider sich zu einem höheren Typus vereinigen werden, und daß hier in einem Einzelfall und in kleinem Maße sich vollziehen wird, was aus dem Zusammenströmen von Juden aller Schattierungen auch im größten Maßstabe mit Bestimmtheit zu hoffen steht: ein Wiederzusammenfiießen aller — gleich den Juden selbst in alle Winde verstreuten — edlen Eigenschaften unseres Stammes. Unsere vielfach übertriebene Geistigkeit auf der einen, kulturelle Vernachlässigung auf der anderen Seite, einseitig-körperliche Ausbildung hier und körperliche Rückständigkeit dort, dabei fast unter allen jene spezifische Unrast der Juden — alles Eigenschaften, die — wenn man nicht die Ursachen, sondern nur die Resultate betrachtet — uns nicht mit Unrecht zum Gespött einer ganzen Welt von Feinden machen, — alle diese übertriebenen Eigenschaften der verschiedenen Gruppen können durch die Wiedervereinigung eines Teiles unserer Nation in einem Lande sich ebenfalls zu einer höheren Harmonie oder wenigstens zu einem gesunden Zustand einer geistig hochbefähigten Volksgemeinschaft ausgleichen. Und dieser wiedergewonnene höhere Zustand unseres Volkes wird uns wieder die höheren Menschen geben, die wir einst hatten und die von derselben ganzen Welt von Feinden, die der jetzigen Judengeneration spotten, als Propheten und Fürsten der ganzen Menschheit gepriesen werden. Um nach dieser Abschweifung wieder zur Frage von der möglichen wirtschaftlichen Bedeutung der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung zurückzukommen, soll nun untersucht werden, welche Schritte getan werden könnten, um ein besseres Einvernehmen zwischen den zionistischen Bestrebungen und dem großen Machtfaktor anzubahnen, den die Chalukah-Geber und -Nehmer darstellen. Bis. jetzt bestanden keine sehr freundschaftlichen Beziehungen. Unsere Kritik war entschieden eine feindselige, und so konnten wir auch nicht hoffen, daß gesunde Vorschläge, wenn wir solche gemacht hätten, auf der anderen Seite Beachtung gefunden haben würden. Ich muß diesen Zustand für sehr reformbedürftig halten. Ein Teil unserer Nation, der stark genug ist, um in Jerusalem eine jüdische Majorität zu schaffen und zu erhalten, ist keine Quantite negligeable. Im Gegenteil! r Ein solcher jüdischer Machtfaktor, der — ob als Zweck, oder als Mittel, ist hier nebensächlich — mit eiserner Zähigkeit und unablenkbarer Zielfestigkeit auf eine Stärkung der jüdischen Position in Palästina hinarbeitet, fordert unsere Bewunderung und unsere Mitarbeit heraus, wie verschieden auch die beiderseitigen Ausgangspunkte und Ziele sein mögen. Nicht was uns trennt, darf hier hervorgehoben werden, sondern was uns eint, ist zu betonen. Und der Ur-Ausgangspunkt und das Endziel berühren sich bei beiden. Es sind die jüdische Vergangenheit in Palästina und die jüdische Zukunft in Palästina! (Schluß folgt). O O Q €_ ooooooojj AUS DER BEWEGUNG o o o o o o o o o o o o o o ZIONISTISCHE JAHRESKONFERENZ Die diesjährige Jahreskonferenz findet am Dienstag den 28. August in Köln statt. Die genaue Tagesordnung wird noch bekannt gegeben werden. Nach § 21 des Organisationsstatuts sind zur Teilnahme an der Jahreskonferenz berechtigt und verpflichtet: 1. Die Präsidenten des letzten Kongresses. 2. Die Mitglieder des großen A. C. 3. Die Vorsitzenden der ständigen Kommissionen. 4. Die Präsidenten der Landesorganisationen und Föderationen. 5. Die Mitglieder des Kongreßgerichtes. 6. Der Kongreßanwalt. 7. Die Revisoren. Nach den Beschlüssen des Kongresses bestehen folgende Kommissionen: 1. Die Palästina-Kommission. 2. Die Propaganda-Kommission. 3. Die Kommission für die Nationalbibliothek in Jerusalem. 4. Die statistisch-volkswirtschaftliche Kommission. Außerdem hat das E. A. C. eingesetzt: Die Kommission zur Legalisierung des Nationalfonds. Die Kommission zur Verteilung des russischen Hilfsfonds und zur Untersuchung der Ursachen und Wirkungen der Pogrome. Die Vorsitzenden dieser Kommissionen sowie die Vorsitzenden der Föderationen werden höfl. ersucht, ihre der Jahreskonferenz vorzulegenden Rechenschaftsberichte schnellstmöglich dem Zionistischen Zentralbureau in Köln einzureichen. Die Jahreskonferenz erhält durch die Ereignisse der letzten . Zeit eine besondere Bedeutung und wird aller Voraussicht nach außerordentlich gut besucht sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.