Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Leo Tolstoi über die Judenmetzeleien in Rußland Auf eine Anfrage, welche der Pariser „Siecle" an den Grafen Tolstoi gerichtet hatte, um die Ansicht des russischen Dichters über die Judenmassakers zu erfahren, hat Tolstoi nachstehende Antwort erteilt: „Ich wollte mir die Judenfrage Rußlands aus historischen, sozialen und aruderen Motiven erklären. Niemals kam es mir dabei in den Sinn, daß all solches Nachdenken überflüssig wäre, daß die Grausamkeiten einfach eine Folge der rohen Brutalität und der ungerechten Gewalt seien. Jetzt, nach den Massakers von Kiew, Kischinew, Bjelostok, sehe ich deutlich: nur die verbrecherischen Behörden sind schuld an all dem Unglück. Die Polizei hat die Zusicherung, daß sie ohne Strafe Kapitalverbrechen verüben kann, und mit fieser Gewähr mordet sie die Juden, steckt sie ihre Häuser in Brand, vergewaltigt sie ihre Frauen. So hat man Polizisten angetroffen, die hilflose Kinder in zwei Teile rissen, sie in siedendem Wasser erstickten und mit rasender Mitleidslosigkeit Säuglinge von der Mutterbrust rissen, um sie auf das Straßenpflaster zu schleudern. All das ist nur das Werk kühl überlegter Hetzer, die eine kritiklose Menge bis zur Bewußtlosigkeit aufreizen. Wenn diese scheußlichen Machthaber wollen, so können sie die Massakers immer wieder erneuern; in ihrer Hand liegt es ebenso, sie einzudämmen. So offenkundig ist das unter den einzelnen Provinzverwaltungen, daß die Gouverneure schon eine feste Formel gefunden haben, um die Metzeleien nach Belieben zu dirigieren. Der Gouverneur schreibt an den Polizeihäuptmann einer Stadt: »Du bist mir verantwortlich für die Ruhe in deiner Stadt.« Der Polizeichef versteht die Formel, und es finden keine Judenschlächtereien statt. Anderseits ist die Aufforderung zu Massakers in den Satz gekleidet, den ein Gouverneur an die Bürgermeister und Polizeichefs richtete: »Sie dürfen um keinen Preis zulassen, daß die Bevölkerung verstimmt wird.« In Kischinew wollte ein niederer Polizist aus Erbarmen einen Juden verteidigen. Da wurde ihm zugerufen: »Die Bevölkerung darf nicht verstimmt werden.« Und er schlug seinen Schützling nieder. Tolstoi vergleicht die gegenwärtigen Leiden der russischen Juden mit denen der ersten Christen in Rom und sagt zum Schlüsse, er habe es anfangs nicht für möglich gehalten, daß russische Behörden derartige Greuel jemals würden gutheißen können. Der Bjelostoker Pogrom im ung. Parlament Budapest, 2. Juli. Vor Eingang in die Tagesordnung der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses besprach das Mitglied der Kossuthpartei Dr. Andreas Csizmadia die Ereignisse in Rußland und gab seiner tiefsten Entrüstung und seinem Bedauern über die unmenschlichen Judenmetzeleien in Bjelostok Ausdruck, die jeden zivilisierten und gutgesinnten Menschen mit Bedauern und größter Verachtung für die russischen Behörden erfüllen müssen. Die Äußerung Csizmadias wurde im Hause mit Zustimmung begleitet. Zionistische Protestmeetings in Sidney und Kapstadt Auf Veranlassung des Aktionskomitees fand in Sidney eine große, von zionistischer Seite einberufene, Protestversammlung gegen die Bjelostoker Greuel statt, an der sich die ganze jüdische Gemeinde und die Spitzen der Behörden beteiligten. Aus Kapstadt wird gemeldet: Hier fand eine ungewöhnlich gut besuchte Protestversammlung gegen die Judenmassakers in Rußland statt. Einberufer waren die zionistischen Vereine. Der Mayor führte den Vorsitz, und der Dekan von Kapstadt sowie verschiedene Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften hielten eindrucksvolle Reden, in denen sie die russischen Greuel als eine Schmach für die Kulturwelt geißelten und den Zionismus als die einzige Lösung der Judenfrage bezeichneten. Eine zionistische Protestversammlung in Amsterdam Amsterdam. Mittwoch den 27. Juni hielt die Abteilung Amsterdam des nied. Zionistenbundes im großen Saal des Vereins „Nut voor't Algemeen" eine Protestversammlung gegen die russischen Judenverfolgungen in Bjelostok ab. Erster Redner war Dr. S. Franzie-Berenstein (Haag). Zweck dieser Versammlung, so führte er aus, sei es, die öffentliche Meinung hier in Holland wachzurufen. Es ist das einzige, was wir jetzt hier tun können; vielleicht vermag ein allgemeiner Protest in Westeuropa und Amerika Rußland von seinem schrecklichen Morden abzuhalten. Redner geht auf die Motive der Verfolgungen ein und auf den Charakter des russischen Volkes. Auf eine Intervention der Staaten ist nicht zu rechnen. Man muß darum auch auf andere V/eise seinen Einfluß gegen Rußland geltend machen. Sowohl der kleine wie große Kapitalist möge keine russischen Staatspapiere kaufen und sich an russischen Anleihen nicht beteiligen. Danach sprach Dr. J. de Vries (Amsterdam). Als Zionist, als Holländer und als Mitglied der modernen Gesellschaft verurteilte er die Schandtaten, die gegen unsere Brüder geschehen. Holland, das immer für die Schwachen und Bedrängten eingetreten sei, möge auch jetzt zeigen, was es vermöge. Als letzter Redner sprach Herr A. B. Klerekooper (Amsterdam), der in zündender Rede ausführte, wie das Judenmorden für den russischen Pöbel das ist, was die Stiergefechte für den Spanier sind. Doch nicht dieser Pöbel allein ist schuld, nein, die Juden, die nicht für ihr Volk arbeiten wollen, sondern um Schacherlohn Rußland das Geld geben, wofür es die Messer und Gewehre kauft, die Juden zu ermorden. Mit scharfer Satire geißelte er auch die Amsterdamer jüdische Firma, die bei der letzten Anleihe im holländischen Konsortium saß. Die Juden müssen begreifen lernen, daß sie leiden, weil sie Juden sind, und daß wir helfen müssen, weil wir Juden sind. Starker Beifall des vollen Saales zeigte die Stimmung der Anwesenden. Am Schlüsse der Versammlung wurde folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung etc. spricht ihren tiefen Abscheu aus über die neuen Judenverfolgungen, die wieder ein Beweis sind, daß die Lösung der Judenfrage außerhalb Rußlands liegt und daß die Befreiung der russischen Juden dringend auf ihre Verwirklichung wartet. Protestversammlung gegen die Metzeleien in Rußland in Wien Die „N. Fr. Pr." bringt folgenden Aufruf: Mitbürger! Die empörenden Ereignisse von Bjelostok, welche jene von Kischinew, Hornel, Kiew und Odessa an Bestialität und Niedertracht der Inszenierung beinahe noch übertreffen, fordern zum flammenden Protest heraus. Welcher Parteischattierung immer der einzelne angehören mag — in dem einen Urteil müssen alle, die Kultur und Menschlichkeit hochhalten, einig sein, daß diese entsetzlichen Metzeleien einen unauslöschlichen Schandfleck für Europa bedeuten und die Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts schänden. Dies zum weithin hörbaren Ausdruck zu bringen, soll der Zweck einer am Donnerstag den 5. Juli um ill29 Uhr abends im Saale „Hotel Post", L, Fleischmarkt, stattfindenden öffentlichen Protestversammlung sein. Tagesordnung: Die letzten Massakers in Rußland. Wien, 2. Juli 1906. Hermann Bahr, Josef Freiherr v. Doblhoff, Gemeinderat Dr. A. v. Dorn, Abg. Freiherr d'Elvert, Paul Freiherr v. Hock, Universitätsprofessor Dr. F. Jodl, Universitätsprofessor Dr. Königstein, Hofrat Universitätsprofessor Dr. Ernst Mach, Dr. Ferdinand Kronawetter, Dr. J. Margulies, Universitätsprofessor Dr. J. Seberiny, Professor Dr. Eduard Sueß, Abg. Dr. Julius Ofner, Dr. A. Freiherr v. Seiller, Dr. Isidor Schalit, Abg. Dr. Benno Straucher, Abg. Nikolaus Ritter v. Wassilko. Wie man sieht, befinden sich unter den Einberufern, die meistens hervorragende Persönlichkeiten der politischen, literarischen oder Gelehrtenwelt sind, auch die Vertreter der österreichischen Zionis ten. Protestversammlung in Frankfurt a. M. Ein Komitee, dem Männer aller Parteien angehörten, hat hier eine Protestversammlung gegen die russischen Judenmassakres einberufen, die am 3. Juli in dem überfüllten großen Börsensaale stattfand. Der erste Redner des Abends war der Prediger Prof. Rade aus Marburg, der u. a. folgendes sagte: „Ich komme und spreche von dem Gefühl beseelt, daß gerade einer in meiner Lage berufen und berechtigt ist, seine Stimme zu erheben. Die da erschlagen worden, waren Juden, die sie erschlugen, das sind Christen. Besitzt die russische Christenheit nicht die Bibel, kennt sie nicht die Bergpredigt? Die Kluft zwischen diesem Ideal und dem, was dort geschehen, ist wahrlich allzugröß. Man hat gesagt, die Juden Rußlands seien revolutionär gesinnt. Wenn wir unter solchen Verhältnissen lebten wie die russischen Juden, so wären wir alle ohne Ausnahme Träger der Revolution". (Stürmische Zustimmung.) Der nächste Redner, Rechtsanwalt Shdanoff-Petersburg, Mitglied des Moskauer Zentralbureaus der konstitutionell-demokratischen Partei, erwähnte Einzelheiten aus den blutigen Tagen der Pogrome und wandte sich insbesondere gegen das Märchen, daß diese auf den Antisemitismus des russischen Volkes zurückzuführen seien. Dunkle Gewalten der Reaktion haben diese Greueltaten geschaffen, Teilerscheinungen jener unheimlichen Gegenrevolution. Die öffentliche Meinung Westeuropas muß darauf reagieren, sie soll nicht nur den Opfern Mitgefühl zeigen, sie muß auch die Anstifter auf das schärfste verurteilen. (Stürmischer Beifall.)