Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316214--48291-3343213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Stadtbewohner und die Zerrüttung der Polizei schufen die Stimmung, die bei dem geringsten Anlaß mit größter Kraft Unruhen entzünden konnte und die am 14. Juni infolge eines frechen Anschlags einen Ausbruch des Unwillens der gesamten christlichen Bevölkerung hervorrief. Während der Prozession am 14. Juni wurden von zwei oder drei Stellen Sprenggeschosse geworfen und mit Revolvern geschossen. Dies hatte zur Folge, daß Militär herbeikam und auf die Häuser, aus denen geschossen worden war, feuerte. Fast gleichzeitig brach mit elementarer Gewalt unter der christlichen Bevölkerung die Judenhetze aus, die keinen Unterschied machte zwischen Schuldigen und Unschuldigen. Den Gang der Hetze und ihre Urheber kann bloß eine gerichtliche Untersuchung ermitteln, die mit möglicher Schnelligkeit geführt wird. Fürs erste kann nur als Tatsache gelten, daß die Hetze hauptsächlich von einzelnen kleinen Gruppen der Land- und Stadtbevölkerung ausgeführt worden ist, wobei in den meisten Fällen die Plünderungen durch rechtzeitig herbeigerufene Truppen aufgehalten wurden. Um 6 Uhr abends war Bjelostok von den Plünderern befreit und Patrouillen marschierten durch die [Straßen. Am nächsten Tage wuchs die Volkswut aufs neue. Am Mittag dieses Tages unternahmen die Revolutions-Organisationen Überfälle auf die Truppen, die erst in der Nacht zum 18. Juni endigten. Alle durch die Untersuchung gewonnenen Anhaltspunkte sind bereits als Grundlage für Maßregeln genommen, die zur Herstellung der geregelten Tätigkeit der Ortsbehörden dienen sollen. Was die an der Hetze beteiligten Personen, ihre Mithelfer und die Aufwiegler, sowie ihre Auffindung, Aburteilung und Bestrafung anbelangt, so werden die Gerichte alle ihnen zugewiesene Macht anwenden. Auch die Regierung wird ihrerseits alles dazu tun, daß keine einzige an den Bjelostoker Greueln mitschuldige Person dem Gericht und der Strafe entgehe. Voll Empörung weist die Regierimg die in der Gesellschaft verbreiteten Gerüchte zurück, daß die Judenhetze in Bjelostok unter Mitwissen und Beteiligung der Ortsbehörden und der Truppen stattgefunden habe. Die Regierung hält es für ihre Pflicht, die Uberzeugung auszusprechen, daß der Grund dieses beklagenswerten Ereignisses hauptsächlich in der Tätigkeit der örtlichen revolutionären Organisationen zu suchen sei. Der Bericht des Generalkom»laudierenden von Bjelostok, von Bader, den das Kriegsministerium publiziert, ist ein Monstrum an Niederträchtigkeit und frecher Lügenhaftigkeit. Der Bericht nimmt nicht einmal Rücksicht darauf, daß seine Lügen durch andere Lügen des Ministeriums des Innern, die in dessen amtlichem Berichte enthalten sind, desavouiert werden. Nach der Darstellung von Baders sieht es so aus, als hätte sich während dreier Tage Militär und Polizei ununterbrochen gegen jüdische Anfälle schützen müssen. „An allen Ecken der Stadt und in den Dörfern der Umgebung sind die Juden über die Christen hergefallen, besonders haben die „Verbrecher" die Regierungsanstalten beschossen, wie z. B. die Reichsbank, die Post, das Stabsquartier der IV. Kavalleriedivision, die Polizeiverwaltung und die dritte Polizeirevierstation. Durch diese Anfälle der Juden sind, so fäbrt der Bericht fort, bis zum 6. Juni 78 Juden getötet und 84 verwundet worden, von den Soldaten haben 4 Verwundungen davongetragen. Wenn auch während des Pogroms einzelne Personen der kleinen Kommanden sich vielleicht nicht energisch genug gegen die Plünderer gewendet haben, so hat doch das Militär im Ganzen musterhaft gearbeitet und sich geradezu hingebungsvoll um die Herstellung der Ordnung bemüht." Protest der Bjelostoker Juden gegen den Bericht v. Baders Bjelostok, 4. Juli. Das Stadthaupt erhielt folgende, von vielen Vertretern der Bjelostoker Juden unterzeichnete Erklärung: Aus dem dem Kriegsminister am 10. Juni eingereichten Bericht des Generalleutnants über die Umstände, die den Pogrom hervorgerufen und begleitet haben, ersehen wir, daß die darin enthaltenen Nachrichten von der Wahrheit abweichen, wie solches durch den offiziellen Bericht des. Gouverneurs von Grodno vom 3. Juni erwiesen ist. Infolgedessen ersuchen wir darum, eine besondere Dumasitzung einzuberufen, damit über diese Frage zum Zwecke der amtlichen Klarstellung der Wahrheit beraten werde. Das Kriegsministerium an der Arbeit Petersburg, 4. Juli. Das Kriegsministerium ist eifrig dabei, die Garnison von Bjelostok von der Beschuldigung, daß sie an der Judenhetze beteiligt sei, weißzuwaschen. Ein neuer Beweis dafür sind die Berichte des Kommandeurs des Regiments, Wladimir, an den Kaiser, die nicht nur die korrekte Haltung der Mannschaften betonen, sondern auch nebenbei auf die aufreizende Haltung der Juden hinweisen. Die Anstrengungen, die das Kriegsministerium jetzt macht, haben ihren Grund unter anderm auch darin, daß in einer Sitzung des Ministerrats der Minister des Innern auf seine schwierige Stellung gegenüber der Reichsduma hinwies, indem er die Beteiligung der Soldaten an den Plünderungen in Bjelostok als bewiesene Tatsache hinstellte. Die im „russischen Invaliden" veröffentlichten Telegramme des Generalleutnants, welche die Schuld der Juden feststellen, sind den Blättern zufolge auf ausdrückliche Anordnung des Kriegsministers abgefaßt worden. Die „Rjetsch" behauptet, der Kriegsminister habe jetzt, auf energische Forderung des Ministers des Innern, den dabei einige andere Mitglieder des Kabinetts unterstützt hätten, verboten, daß fernerhin zu Pogroms aufmunternde Aufrufe in Druckereien der Stäbe der Militärbezirke gedruckt und unter den Soldaten verbreitet werden. — Vom Anstifter des Pogroms Der in Wilna sich aufhaltende Polizeioffizier Scheremetjew, den die Juden als den Organisator des Bjelostoker Gemetzels bezeichnen, wurde nach Petersburg berufen. Prof. Schtschepkin über die Pogrom-Anstifter Die „Frankfurter Zeitung" schreibt: Russische Antisemiten geben sich die größte Mühe, die furchtbare Judenhetze in Bjelostok zu beschönigen, indem sie darauf hinweisen, daß durch das terroristische Benehmen junger Juden in Bjelostok dort längst eine sehr gereizte Stimmung in der Bevölkerung hervorgerufen worden sei. Das ist nun sicher keine Entschuldigung, nicht einmal eine glaubhafte Erklärung der Judenhetze, zumal diese Antisemiten selbst zugeben, daß von einer Feindseligkeit zwischen Christen und Juden in der Stadt .nicht die Rede sein könne. So bleibt eben nur die einzige Erklärung übrig, daß der „Pogrom" durch Aufreizung von außen und zum großen Teile durch von außen herangezogene Personen ausgeführt worden ist. Damit stimmt auch das Ergebnis der von der Reichsduma abgesandten Untersuchungskommission überein, die durch ihren Referenten, den Professor Schtschepkin aus Odessa, wie die „Birshewija Wjedomosti" melden, folgendes festgestellt hat: General Bogajewski und der Chef des Stabes der 16. Infanterie- Division haben schon am 1. Juni a. St. den Polizeimeister Radezki und den Gouverneur Küster von der Verwaltung der Stadt entfernt, während der Kriegszustand erst nach der Judenhetze verhängt worden ist. Dies beweist, daß die Judenhetze provokatorisch organisiert war, und belastet die Militärobrigkeit, ohne die Zivilbehörden zu entlasten. Die Truppen haben nur selten am Rauben teilgenommen, doch sind einzelne Fälle registriert. So sind bei der Untersuchung der Kasernen geraubte goldene Uhren gefunden worden. Die Plündererbanden sind unter dem Schein von Feuerwehrleuten gemietet worden. Kirchenbannerträger haben, ohne ihre Chorhemden abgelegt zu haben, an Raub und Mord teilgenommen. Verhaftete sind in den Bezirkspolizeiverwaltungen totgeschlagen worden und dann als Tote, die man auf der Straße aufgelesen habe, in die Polizei gebracht worden. Beim Prügeln und Totschlagen in den Polizeiverwaltungen ist der Chef der örtlichen Sektion der politischen Polizei, Chodorowski, zugegen gewesen. Durch die Explosion auf der Alexandrowschen Straße ist nur die Manjakowskaja verwundet worden. Die verwundete Anna Diminjuk hat unter Revolverkugeln gelitten. Wo sich die Offiziere einmengten, gelang es ihnen leicht, die Hetze zu unterdrücken. Es sind Offiziere zugegen gewesen, die die Räuber und Mörder anfeuerten, indem sie riefen: „So ist's recht! Danke! Steht für uns ein!" Die Morde in den Wohnungen wurden systematisch eingeleitet. Zuerst vollführten Polizei und Truppen eine Haussuchung nach Bomben und Revolutionären. Dann hieß es, das Gesuchte sei gefunden. Die Truppen beschossen das Haus und ließen die Hooligans hinein. Die Untersuchungskommission hat eine Liste cler Personen aufgestellt, die dem Gericht zu übergeben seien, und umfassendes Material zusammengetragen. Über dieses wird man mit allgemeinen Redensarten nicht hinwegkommen." Eine Versammlung der „Kadetten" wegen Bjelostok In Petersburg fand eine Versammlung der konstitutionelldemokratischen Partei statt, bei der unser Gesinnungsgenosse Dumaabgeordneter Katzenelsohn den Bericht über den Bjelostoker Pogrom erstattete. Die Versammlung nahm hierauf einstimmig folgenden Beschluß an mit dem Auftrage an Kokoschkin, ihn der Duma zur Kenntnis zu bringen: Die Versammlung erklärt, daß die Duma sich zum Ziele setzen muß: 1. offen und rückhaltlos die unmenschlichen Verbrechen aufzudecken, die von der unverantwortlichen Regierung und den hinter ihr stehenden Personen verübt wurden. 2. strenge Kritik zu üben an allen bisher unbestraften Handlungen, deren sich die Regierung bei dem Bjelostoker Pogrom schuldig gemacht hat. 3. alle wahren Anstifter des Pogroms dem Gericht zu überliefern, mögen es auch die höchststehenden Personen sein. 4. in Rußland die vollständige bürgerliche Freiheit zum Durchbruch zu bringen. Auf der Versammlung wurde auch eine Sammlung zugunsten der Opfer von Bjelostok eingeleitet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.