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Die Welt · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIE^ELT No. 27 Schutzmann: „Die Juden revoltieren! Sie schießen schon wieder!" Der Offizier merkte jedoch nach der Untersuchung des Revolvers des Schutzmanns, daß dieser geschossen hatte, und ordnete seine Verhaftung an. Der Fall wurde vor den Generalgouverneur gebracht. Boykott in Bjelostok Bekanntlich haben die Juden Bjelostoks die Straßenbahn boykottiert, weil es sich herausgestellt hat, daß eine Anzahl von Straßenbahnkutschern an dem Pogrom Anteil genommen hat. Dieser Boykott wurde durch acht Tage aufrecht erhalten. Nachdem die Direktion sämtliche an dem Pogrom beteiligte Angestellte, die ihr namhaft gemacht wurden, entlassen, und sich überdies bereit erklärt hat, alle, die noch in Zukunft der Teilnahme an dem Pogrom überwiesen würden, gleichfalls des Dienstes zu entheben, hat die Organisation „Poalei Zion" durch einen öffentlichen Anschlag der Bevölkerung mitgeteilt, daß der Boykott nunmehr aufgehoben sei. Hingegen hat dieselbe Organisation gleichfalls durch öffentlichen Anschlag eine Reihe von Personen dem Boykott preisgegeben, nachdem deren Teilnahme an der Anstiftung oder Durchführung des Pogromes unzweifelhaft erwiesen ist. Unter den Boykottierten befindet sich leider auch ein Akademiker, ein Student der Moskauer Universität. Während des Pogroms beteiligte er sich an Raub und Diebstahl. Er fand früher seinen Erwerb als Lehrer, vorzugsweise in jüdischen Häusern, wie denn überhaupt fast sämtliche Boykottierte von jüdischer Klientel lebten. Auch ein Apotheker befindet sich in der Reihe dieser Verbrecher. Hilfskomitee in Bjelostok Das seinerzeit gebildete provisorische Hilfskomitee, dem u. a. von zionistischer Seite Dr. Pines und L. Rosenthal angehörten, wurde nunmehr durch allgemeine Wahl definitiv bestätigt und durch Zuwahlen ergänzt. Die Hilfsorganisationen des Auslandes stehen mit dem Komitee in direkter Verbindung. Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat sich seinerzeit durch Herrn Berthold Feiwel von den Arbeiten und Ergebnissen des Komitees informieren lassen. Von der Ica wurde Herr Feinberg entsandt, der mehrere Tage in Bjelostok weilfe. Als Vertreter der vereinigten Organisationen hat Baron Ginsburg aus Petersburg mehrfach an den Sitzungen des Komitees teilgenommen. Für den Bjelostoker Hilfsfonds Das zionistische Aktionskomitee hat aus dem Hilfsfonds Mk.20000 für die Bjelostoker Geschädigten bestimmt. Das Material der Dumakommission über Bjelostok umfaßt ein ganzes Buch. Der materielle Bericht erstreckt sich nur über zehn Seiten, den Rest füllen die Zeugenaussagen. Der Bericht der Dumakommission über die Metzelei in Bjelostok Petersburg, 4. Juli. Die zur Prüfung der Vorgänge nach Bjelostok aus Anlaß der dort am 14. Juni stattgehabten Judenmetzelei entsandte Kommission von Dumamitgliedern hat einen Bericht veröffentlicht, der im Auszuge folgendermaßen lautet: Seit der Ermordung des dortigen Polizeimeisters Derkatschew waren Gerüchte über einen bevorstehenden Pogrom im Umlaufe. Die Polizeimannschaften waren durch die Ermordung mehrerer Mitglieder ihrer Truppe, die sie den Juden zuschrieben, aufgebracht, und Agitatoren reizten die niederen Volksschichten gegen die Juden auf und versuchten auch die Truppen durch Flugschriften aufzureizen, wobei Juden und Revolutionäre als identisch hingestellt wurden. Bereits vor dem 14. Juni erhielten die. Feldwebel eines Regimentes den Befehl, den Mannschaften mitzuteilen, daß am 14. Juni eine orthodoxe und eine katholische Prozession stattfinden würde. Die Juden würden eine Bombe werfen und ein Pogrom würde folgen. Als nun am 14. Juni die orthodoxe Prozession in die Instititutsstraße einbog, wurde sie aus einem Hause derselben beschossen und einige Teilnehmer bemerkten, daß etwas Zischendes geworfen wurde. Sofort erschienen Truppen, die in der benachbarten Reichsbankfiliale bereit gehalten worden waren und feuerten auf die Häuser. Dieselbe Szene wiederholte sich auf dem Basar, wo die zweite Bombe geworfen wurde. Es folgte dann ein Überfall von Vagabunden auf eine Apotheke, und der Pogrom begann. Vagabunden und Polizei plünderten die Läden und raubten Waren, und die Soldaten folgten ihrem Beispiele. Es entwickelte sich eine Hetzjagd auf die Juden, die man aus ihren Häusern trieb, um sie draußen zu erschießen. Auch auf dem Bahnhofe sammelten sich Haufen von Vagabunden, um flüchtende oder entkommende Juden abzufangen, trotzdem der Bahnhof von Dragonern und Infanterie besetzt war und die Offiziere der in Bjelostok stehenden Regimenter Uglitsch, Kasan und Wladimir im Bahnhofsrestaurant saßen. Am 14. Juni traf auch der Gouverneur von Grodno auf dem Bahnhof von Bjelostok ein, ohne daß sich jedoch die Polizei, Soldaten und Vagabunden durch seine Anwesenheit stören ließen. Auch am 15. dauerte das Morden fort. So wurden beispielsweise von zehn mit einem Zuge eintreffenden Juden acht sofort getötet. Auch der auf dem Bahnhof anwesende Staatsanwaltschaftsgehilfe ■ und die übrigen dort anwesenden Amtspersonen rührten keinen Finger, um den Gewalttaten gegen die Juden ein Ende zu machen. Nachdem noch eine Anzahl, von Aussagen von Augenzeugen über jene blutigen Vorgänge angeführt sind, geht der Bericht zu folgenden Schlußfolgerungen über: Vor allem ist die Planmäßigkeit des Pogroms hervorzuheben, die an die Strafexpedition in den Ostseeprovinzen und Sibirien erinnert. Der Tag ist vorher genau bestimmt, ebenso auch die Gelegenheit, bei der der Pogrom seinen Anfang nehmen soll, nämlich der Umzug der Kirchenprozessionen, wo mit der religiösen Stimmung der Menge gerechnet werden konnte. Doch wer war der Organisator? Der Gouverneur von Grodno, Küster, der noch vor dem Pogrom um Entfernung des Pristaw Scheremetjew aus Bjelostok, als des Haupthetzers, von einer jüdischen Abordnung gebeten war, verweigerte dies. Er war auch am 15. Juni in Bjelostok, als der Pogrom bereits im Gange war, ohne etwas" zu tun, und fuhr von dort nach Wiina zum Generalgouverneur. Entweder also wußte er von dem Pogrom und ließ ihm seinen Lauf, oder er stand den Vorgängen infolge einer geheimen Gewalt ohnmächtig gegenüber. Als die Duma abgeordneten Jakobsohn und Scheftel am 15. Juni sich an den Minister des Innern mit der Bitte um Ergreifung von Maßregeln, um dem Morden Einhalt zu tun, wandten, wurde dieses zugesagt. Ein Erfolg ist aber, wenn solche Maßnahmen überhaupt angeordnet worden sind, nicht zutage getreten. Die Polizei unterließ von Anbeginn an nicht nur jede Maßnahme zur Unterdrückung des Pogroms, sondern entfesselte noch obendrein durch ihre niedern Organe wilde Leidenschaften. Die Polizei ordnete-die Erschießung von Personen an, die sie zu Revolutionären gestempelt hatte. Sie führte Vagabunden an, als diese plünderten und Juden ermordeten. Schließlich ist zu bemerken, daß die Militärobrigkeiten die Gewalt in der Stadt vor der Verhängung des Kriegszustandes an sich genommen und die Stadt Schutzleuten und bewaffneten Soldaten ausgeliefert haben, die auf Weisung von Schutzleuten und Vagabunden oder nach eigenem Ermessen unbewaffnete Judeft, die keinen Widerstand leisteten, erschossen. Vom wem ist dem Gouverneur am 14. und 15. Juni die ihm zustehende Gewalt entzogen und diese den Militärbehörden übergeben worden? Diese Frage muß das Kriegsministerium aufklären. Dem Bericht der Abgeordneten liegt eine Reihe von Dokumenten als Beweismaterial bei. Die amtliche Darstellung des Gemetzels von Bjelostok Petersburg, 4. Juli. Der Regierungsbote veröffentlicht folgende Mitteilung: Am 14. Juni haben in Bjelostok Unruhen stattgefunden, deren Ergebnis 82 Tote (7 Christen und 75 Juden) und 78 Verwundete (18 Christen und 60 Juden) sowie die Plünderung von 169 jüdischen Wohnungen und Buden waren, die einen Verlust von annähernd 200000 Rubel verursachte. Zur Ermittlung der genauen Ursache der Unruhe hat der Minister des Innern das Mitglied des Ministerrates, Stallmeister v. Frisch, nach Bjelostok gesandt. Die hierdurch gewonnenen Nachrichten und auch andere bei der Regierung eingegangene Mitteilungen haben folgendes ergeben: Bjelostok, das etwa 100000 Einwohner zählt, von denen 70 Prozent Juden sind, wurde in den letzten Jahren zum Haupt« mittelpunkt der revolutionären Bewegung des Westgebietes. Die verbrecherische Tätigkeit der dortigen revolutionären Kreise wuchs besonders im Jahre 1905 und veranlaßte eine Reihe von Morden und Mordanschlägen gegen Beamte und die Ortspolizei. Nachdem im September des vorigen Jahres der Kriegszustand verhängt worden war, wurden die terroristischen Umtriebe schwächer, erwachten aber mit neuer Kraft, als am 1. März 1906 der Kriegszustand aufgehoben wurde. Vom l.März bis 1. Juli wurden in Bjelostok 45 gerichtliche Untersuchungen wegen terroristischer, gegen amtliche und Privatpersonen gerichteter Verbrechen eingeleitet, wobei größtenteils die Schuldigen unermittelt blieben, da die Augenzeugen aus Furcht vor Rache keine Angaben machten. Eine Reihe derartiger Anschläge versetzten Bjelostok in einen panikartigen Zustand, und die Ermordung Derkatschews, welcher die allgemeine Hochachtung der Juden und Christen genoß, brachte die Erbitterung gegen die Störer der Ordnung zu äußerster Spannung. Gleichzeitig wurde eine Zerrüttung der Polizei bemerkbar, da ihre besten Mitglieder ermordet, verstümmelt oder verwundet waren oder, für ihr Leben bangend, ihre Stellen aufgegeben hatten, so daß an ihre Stelle oft unvorbereitete Personen getreten waren. Die Aufregung der

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