Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 27 ' DIE] Der Vorsitzende der Versarrimluug, die sehr zahlreich besucht war, erklärte in seiner Rede, daß das russische Volk, Gott sei Dank, zum vollen Bewußtsein erwacht sei und verstanden habe, daß es nur, nachdem alle Juden und alle Umstürzler vernichtet sein würden, die Selbstherrschaft seines Zaren wiederherstellen könne. Eine besonders charakteristische Rede hielt ein gewisser Maikin. Er als Mitglied des Zentralkomitees brachte eine Resolution ein, man solle der Bjelostoker Abteilung des „Vereins der russischen Leute" eine Rüge erteilen, weil sie nicht genügend die Gelegenheit, die sich beim Bjelostoker Pogrom dargeboten habe, ausgenützt hätte, die nämlich, alle Juden zu zwingen, nach Palästina zu gehen. Dieser Vorschlag hat zwar Zustimmung gefunden, wurde jedoch vom Vorsitzenden zurückgewiesen mit der Erklärung, er sei zwar KELT--— 11 mit dem Inhalt vollständig einverstanden, sei aber dagegen, weil „Gott mit denen sei, die mit Wenigem zufrieden sind". Zum Schlüsse der Sitzung wurde ein Bericht über die Tätigkeit der „Reisenden" des Vereins erstattet, d. h. derjenigen Mitglieder, die als Propagandisten herumreisen. Danach wurden im letzten Monat über zwei Millionen Broschüren und ebensoviele Flugblätter verteilt und viele neue Mitglieder in der Provinz angeworben. Die Versammlung sprach den „Reisenden" für ihre fruchtbare Tätigkeit die Anerkennung aus. Die Polizei hat sich mit allen Kräften bemüht, daß in die Versammlung keine „unerwünschten" Elemente eindringen sollten, indem sie nur solche einließ, die außer den Eintrittskarten auch die Abzeichen des „Vereins der echt russischeu Leute" bei sich trugen. BJELOSTOK Vom Pogrom=Martyrium Von dem Pogromschrecken in Bjelostok liefert ein Bericht über einen Einzelfall, den der Korrespondent des „Weg" seinem Blatte übermittelt, ein herzerschütterndes Beispiel. Herr T. erzählte dem Korrespondenten: Samstags morgens, als die Hooligans ihre Arbeit in der Polowajastraße begannen, gelang es T. mit seiner Familie, bestehend aus einer Frau und seinen zwei Kindern, zu einem christlichen Nachbarn, einem Lehrer der Regierungsschule, zu entfliehen. Der Lehrer nahm sie ganz freundlich auf und sagte, sie würden bei ihm sicher aufgehoben sein. Um 2 Uhr nachmittags besuchte den Lehrer ein Bekannter, gleichfalls ein Christ, und erzählte ihm, die Hooligans hätten beschlossen, alle christlichen Häuser abzusuchen. Wo sie einen Juden versteckt fänden, da würden sie den Hausherrn zusammen mit dem Juden erschlagen. Der Lehrer geriet dadurch in großen Schrecken und wandte sich mit folgenden Worten an die jüdische Familie: „Ihr versteht doch selbst, daß jeder Mensch leben will; ich habe/Weib und Kinder und kann euretwegen erschlagen werden." . . . . . Nach einer kurzen Überlegung beschloß T. folgendes: Sollten die Hooligans sich nur dem Hause nähern, so würde er mit seiner Frau von selbst auf die Straße gehen und sich ihnen stellen — die Kinder aber sollte der Lehrer bei sich behalten. Die Mutter rief das ältere Kind, ein Mädchen von acht Jahren, zu sich und sagte ihm folgendes: „Wenn du, mein Kind, hören wirst, daß man micli und den Vater erschlagen hat, sollst du zum Großvater gehen und deinen kleinen Bruder mitnehmen; — wenn, Gott behüte, der Großvater und die Großmutter auch nicht mehr am Leben sind, so gehe zu einem Verwandten oder zu einem Bekannten und übergib diesen Brief. Sie werden dann schon wissen, was sie mit euch tun sollen!" . . . Das Kind hörte weinend der Mutter zu. Dann wartete die ganze Familie auf die Hooligans. Glücklicherweise kam ein Bruder der Frau T. mit der Botschaft, daß es ihm gelungen sei, einen Stadtpolizisten zu bestechen, der die Familie noch Samstag zur Bahn brachte. Die Morde auf dem Bahnsteige Ein Augenzeuge schildert in der „Frankft. Ztg." einzelne Vorgänge, die sich einen . Tag nach'den Judenmetzeleien auf dem Bjelostoker Bahnhof ereignet haben, in folgender Weise: Der Warschauer Schnellzug wird angemeldet. Das Bahnhofsgebäude und der Bahnsteig sind vom Militär besetzt. Der geräumige Wartesaal zweiter Klasse ist mit Offizieren angefüllt. Auf dem Platz vor dem Bahnhofsgebäude stehen Soldatenposten, berittene Kosaken galoppieren vorbei. Weiter auf dem Wege nach der Stadt ein Haufen lauernder Mitglieder des „schwarzen Hunderts" in Eisenbahnermützen. Der Zug läuft ein. Drei jüdische Reisende werden von den Wachtposten durchgelassen, kaum haben sie einige Schritte getan, als die falschen Eisenbahner sich auf sie stürzen, sie mit Lassos einfangen und zu Boden zerren. Auf die hilflos Daliegenden regnet es Steine, Knüppel, Eisenstangen, bis sie sich in blutige Breimassen, die in ihrem Blute schwimmen, verwandelt haben. Zwei sind lautlos unter den Schlägen zusammengebrochen, der Dritte, der etwas stärker zu sein -scheint, ist noch nicht tot und wälzt sich in einer Blutlache. Plötzlich weichen die Mörder zurück; ein Wachtposten nähert sich dem Tatort. Der Soldat bleibt eine Weile über dem noch zuckenden Opfer der entmenschten Meuchelmörder stehen, schüttelt schließlich den Kopf und geht ohne ein Wort zu sagen auf seinen Posten zurück. Der Verwundete versucht mit der letzten Anstrengung seinen Kopf zu heben. Da tritt aus der zurückgewichenen Mörderbande ein zerlumpter großer Kerl hervor. Er schwingt einen gewaltigen Pflasterstein in seiner blutigen Faust. Der Stein saust auf den Schädel des Unglückseligen, daß blutiges Gehirn aufspritzt Dieses geschieht vor den Augen der im Wartesaal zweiter Klasse versammelten Offiziere, eines Priesters und noch einiger Reisenden (Christen), die mit Entsetzen das grausige Schauspiel verfolgt haben. Nach einiger Zeit kommt ein Einspänner über die Straße gefahren. Die drei Leichen, die von den Mördern nochmals genau untersucht und betastet wurden, lädt der Kutscher auf. Die drei Blutlachen auf dem Bahnhofsplatz werden mit gelbem Sand zugeschüttet. Unter den falschen Eisenbahnern entsteht ein lebhafter Wortwechsel. Die den Toten bei der letzten Revision geraubten Taschenuhren, und Portemonnaies gelangen zur Verteilung. — Und wieder dasselbe Bild: Wachtposten, vorüberreitende Kosaken und im Hintergrund lauernde Mörder in Eisenbahnermützen, bis der nächste Zug angemeldet wird, und wieder zwei jüdische Reisende, die von den wachthabenden Soldaten auf den Bahnhofsplatz durchgelassen werden, wo sie dasselbe Los erwartet, wie die drei vorherigen. Neue Pogromversuche in Bjelostok Der Hiifsverein der deutschen Juden erhält aus Bjelostok brieflich die folgende charakteristische Mitteilung: „Am vergangenen Freitag setzte Gesindel eine leere, bei Bjelostok gelegene Scheune in Brand. Die Übeltäter beschuldigten darauf die Juden bei dem Polizeimeister, daß diese den Brand angelegt hätten, und sie baten um die Erlaubnis, sich nunmehr an den Juden durch einen Pogrom rächen zu dürfen. Es ist zwar unglaublich, aber doch zutreffend, was nunmehr erfolgte. Der Polizeimeister verwies das Gesindel an den Generalgouverneur, und was sagte jener, ist noch unglaublicher! Er erklärte, Soldaten werde er für den Pogrom nicht hergeben, wenn sie aber allein einen Pogrom versuchen würden, so werde es ihnen gewiß schlecht ergehen, denn die Juden und deren Selbstwehr würden sie zurückschlagen. Daraufhin zogen die Petenten, die mit Regierungsorganen wegen Organisation eines Pogroms verhandeln, ab, und der Pogrom unterblieb." Dieses Vorkommnis zeigt, welche Auffassung in russischen Regierungskreisen herrscht und daß auf ein neues Signal aus Petersburg in jedem Augenblick wieder ein Pogrom ausbrechen kann. Ferner wird uns gemeldet: Bjelostok, 28. Juni. Heute befürchtete man abermals das Ausbrechen eines Pogroms. Es verbreitete sich das Gerücht, daß die „Patrioten" einen Umzug mit dem Kaiserporträt veranstalten oder nach einer zweiten Version durch eine fingierte revol. tionäre Manifestation die Vorbereitungen für einen Pogrom schaffen wollten. Es ist Tatsache, daß man im Klub „Otdich" den Vorwurf der Petersburger „Echtrussischen Leute", die Bjelostoker „Patrioten" hätten den ersten Pogrom nicht genügend ausgenützt, sehr ernst genommen hat und daß man an eine verbesserte Auflage denkt. Die Manifestation wurde jedoch untersägt. Weitere Provokationen Vor einigen Tagen hörte man plötzlich in der Nähe des Hauses des Generalgouverneurs Revolverschüsse. Als der wachthabende Offizier auf die Straße lief, sagte ihm der in der Nähe postierte