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Die Welt · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIE^ELT No. 27 sogleich an den Mohilewer Gouverneur ein Telegramm absandte, worin er Mitteilung verlangte, ob die Meldung auf Wahrheit beruhe,* und, falls dieses so wäre, forderte, daß man sofort alle Kosaken aus der Stadt entfernen solle. Bei dieser Gelegenheit sagte der Minister., er habe an diesem Tage bereits aus vielen Städten ähnliche Telegramme erhalten. Die jüdische Bevölkerung sei „sehr nervös" geworden und beeile sich darum, sofort Hilfetelegramme zu schicken. Tatsächlich aber sei alles ruhig, und auch in Hornel werde wohl nichts geschehen sein, — er habe kurz vorher erst ein Telegramm des Gouverneurs von Mohilew in diesem Sinne erhalten. (Es braucht wohl nicht erst versichert zu werden, daß die in dem Homeler Telegramm berichteten Tatsachen auf Wahrheit beruhten. Anm. der Red.) Tomsk: Hier erwartet man täglich das Ausbrechen eines Pogroms. Der provisorische Generalgouverneur warnt die Bevölkerung vor Ausschreitungen, die nach einem öffentlichen Anschlag durch die schwersten Bestrafungen geahndet werden würden. Aus Kischinew schreibt man dem „Telegraf": Bei uns herrscht wieder der Pogromschrecken. Alles ist auf den Pogrom vorbereitet. Man schläft nachts in den Kleidern, Anfälle auf jüdische Häuser, das Einwerfen von Fenstern und Ähnliches mehren sich in den letzten Tagen. Der Pogrom von Bjelostok hat das „Schwarze Hundert" neu aufgerührt, und ihre Hetzlust wird noch geschürt durch die Artikel Kruschewans, des Anstifters des ersten Kischinewer Pogroms, der ausdrücklich betont, der Bjelostoker Pogrom sei nur das Signal zu einer ganzen Reihe neuer Pogrome. Die Stadt wird immer menschenleerer. Wer kann,. fährt davon, man übersiedelt sogar nach Rumänien, obwohl das Land gewiß nicht sehr gastfreundlich ist,---„aber immerhin", bemerkt der Korrespondent, „schlägt man dort doch nicht Juden Nägel in die Augen!" In der Stadt werden Proklamationen verbreitet die zum Pogrom aufrufen. . Die jüdische Deputation, die beim Gouverneur um Hilfe nachsuchen wollte, hat man dreimal nicht vorgelassen. In einer allgemeinen jüdischen Versammlung wurde beschlossen, direkt an den Minister des Inneren zu telegraphieren. Aus Saratow wird berichtet: Hier sind zwei Delegierte des „Echt-Russischen Verbandes" angekommen. Der Gouverneur hat ihnen erlaubt, eine Versammlung abzuhalten, auf der eine Kampforganisation beschlossen wurde. In der Stadt verbreitete sich bald das Gerücht von einem bevorstehenden Pogrom. Die jüdische Bevölkerung wandte sich an den Prokuror, der eine „stille Aufsicht" für die Stadt anordnete. Aus Charkow wird gemeldet: Die hiesige Zeitung „Wjedomosti" druckt Artikel im Geiste des „Schwarzen Hundeft", die in der Bevölkerung verteilt werden. Die „N. Fr. Pr." berichtet: Aus Minsk wird gemeldet, daß die Juden in Massen aus der Stadt auswandern. In der letzten Woche sind über tausend Personen aus Minsk ausgewandert. Auch aus vielen Flecken im Gouvernement Minsk flüchten die Juden. In Slotonoscha (Gouvernement Poltawa) rüsten sich Hooligans in der üblichen Weise zu einem Pogrom. Die antisemitischen Agitationen in Warschau Lemberg, 19. Juni. Die Schriftstellerin Ida Moszcenska teilt dem „Kuryer Lwowski" in einer Zuschrift aus Warschau mit, daß sich jetzt überall der Einfluß der wieder von Hooligans eingeleiteten Agitation fühlbar zu machen .beginne. Auch in Warschau werde in den niederen Volksmassen gegen die Juden gehetzt, und zwar durch Verbreitung der abenteuerlichsten Gerüchte. So wird den Leuten beispielsweise eingeredet, daß die Juden die Urheber der gegen den katholischen Episkopat gerichteten Mariawitenbewegung in Russisch-Polen seien. Man lasse nichts unversucht, um ein antisemitisches Ferment zu erzeugen. Am Fronleichnamstage waren in Warschau schon Vorbereitungen getroffen, um während der Prozession die Menge in Aufregung zu bringen. Die Bürgerwache machte aber drei Agents provocateurs dingfest, welche durchaus darauf drangen, man möge sie nach dem Polizeikommissariat bringen. Ihrem Wunsche wurde jedoch nicht willfahrt und sie wurden in einem Hausflur festgehalten, wo sie das Geständnis ablegten, sie hätten von Polizeiorganen 15 Rubel mit dem Auftrage erhalten, eine Panik hervorzurufen. Die kirchlichen Umzüge, welche gestern in Warschau stattfinden sollten, wurden vom römisch-katholischen Erzbischof Popiel abgesagt. Soldaten gegen die Pogrome Auf einem großen Meeting in Wladikawkas beschlossen die Soldaten einstimmig eine Erklärung, daß jeder Versuch, Pogrome zu veranstalten, durch das Militär im Keime erstickt werden würde. Aus dem Judenleben in Hömel Der „Hasman" enthält folgende Schilderung aus dem Leben der Juden in Hornel: Kurz vor dem 1. Mai hat der Oberst der Gendarmerieabteilung, Misgailo, eine Menge junger Leute verhaftet, die auf die grausamste Weise zugerichtet, wurden. Am 24. April kam in Hornel der Gouverneur an, niemand wagte jedoch, sich mit irgend welchen Klagen an ihn zu wenden, da Misgailo ihn überall begleitete und es gefährlich war, in die Nähe des letzteren zu kommen. Am selben Tage kam die Nachricht von dem Attentate gegen Adrniral Dubassow, und Misgailo beschloß, mit einer Abteilung Gendarmen und Polizisten eine „Exkursion" in der Stadt zu unternehmen, um den Herren „Demokraten" Schrecken einzujagen. Die Zeitung fügt hinzu, daß nirgends „Ansammlungen" zu merken waren, und daß in den Straßen keine Spur von einer Demonstration zu entdecken war. Dessenungeachtet begann Misgailo mit seinen Begleitern in der Kusnjetschnajastraße schonungslos die Passanten zu schlagen und zu peitschen. Viele wurden verwundet, und ein junger Mann, Josef Kahan, 20 Jahre alt, starb an den Wunden. Einen anderen hat Misgailo eigenhändig mit seinem Säbel erschlagen. Der verstorbene Kahan war ein Mitglied des „Bundes", und die Organisation hat wegen seines Todes eine Proklamation erlassen, in welcher sie zum Zeichen des Protestes einen eintägigen Streik proklamierte. Der Streik gelang, und die Stimmung wurde etwas aufgeregter. Am selben Tag wurde ein junger Mann, ein Christ, mit einer Bombe verhaftet in der Nähe des Hauses, wo Misgailo wohnt. In der Polizei wurde der junge Mann, ein Mitglied der Partei der Sozial-Revolutionären, solange geschlagen, bis er die Namen jüdischer Genossen verriet. In der Nacht wurde eine Straße, Kladbischzenskaja, von Misgailo mit einer Abteilung Kosaken und Gendarmen umzingelt, und in einem Hause wurden zwei Bomben gefunden. Man kann sich denken, was da geschah. Misgailo faßte das hier anwesende junge Mädchen, hob es -bei den Haaren in die Höhe, und schreiend: „Also du bist es, die für mich Bomben fabriziert!" begann er es zu schlagen. Die Gendarmen warfen sich auf drei in diesem Hause anwesende Jünglinge. Die Kosaken machten ihre Arbeit — plünderten und raubten was sie konnten, zerschlugen und zerrissen das übrige in die kleinsten Stücke. Darauf dehnte sich ihre Tätigkeit über die ganze Kladbischzenskaja aus, und in einer Stunde wurde die Straße ausgeplündert. Nach diesem „Inzident" ist die Stimmung in der Stadt sehr deprimiert. In der Nacht wagt sich niemand auf die Straße. Die Polizei ist nochdreister und gewalttätiger, denn je. Sie treibt „auseinander", oft „Mengen", die aus zwei und auch aus einer einzelnen Person bestehen. Ihr Verhalten erinnert sehr an die Zeiten vor dem 31. Januar, als die Judenplünderungen stattfanden. Gleichzeitig wird die Pogrom-Agitation seitens der hiesigen „Patrioten" eifrig betrieben. Vor kurzem wurde eine Proklamation erlassen, worin die Juden aufgefordert wurden, ihre christlichen Dienstboten bei Auszahlung des Lohnes für drei Monate sofort zu entlassen sonst —„wird ihr Blut in Strömen fließen, und ihre Leichen werden die Straßen füllen". — Die Warschauer Arbeiter gegen die Pogrome Paris, 2. Juli. Die Tribüne russe, das hier erscheinende Organ der russischen Revolutionäre, teilt mit, daß die polnischsozialistische Partei in mehr als zwanzig Arbeiterversammlungen Warschaus folgenden Beschluß gefaßt habe: Für den Fall, daß in Warschau und Umgebungen Aufforderungen zu Hetzen ergehen sollten, beschließt die polnisch-sozialistische Partei: 1. In dem Augenblick, wo die Lage gefährlich erscheint, werden die Arbeiter ihre Werkstätten oder Wohnungen in Masse verlassen und auf die Straße hinabsteigen. 2. Alle Versuche zu Herausforderungen werden sofort unterdrückt werden. 3. Den Agents provocateurs der Regierung eine Kugel vor den Kopf! 4. Die begonnenen Hetzen werden sofort zum* Stillstand gebracht. Eine Tagung der „Schwarzen Hundert" Die russische Zeitung „Nascha Schisn" schildert eine Versammlung, die die Abteilung des „Vereins der echt russischen Leute" (lies: Schwarzes Hundert) in Petersburg nach dem Bjelostoker Pogrom abgehalten hat. Die Mitglieder des Vereins wurden durch besondere Anzeigen, worin es hieß, „man wird sich wegen des Bjelostoker Pogroms zu einer Tasse Tee zusammenfinden", eingeladen.

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