Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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POGROMPANIK IN RUSSLAND Noch immer dauert der Pogromschrecken in Rußland an. Die ernstlichsten Besorgnisse herrschten wegen Hornel, Bobruisk und Um an, wo man überall mehr oder minder umfangreichen Vorbereitungen für Judenmassakers auf die Spur gekommen ist. Im Laufe der Woche sind uns folgende Meldungen zugekommen: Poltawa. Hier werden Gerüchte wegen Judenhetzen verbreitet. Der,Gouverneur beruhigte die jüdische Bevölkerung, indem er sagte, daß, falls Unruhen ausbrechen werden, sie mit den Waffen unterdrückt werden. Nowo-Wilejsk. Hier rühmen sich die Hooligans, daß sie bald einen Pogrom veranstalten werden. Die Erklärung des Generalgouverneurs, daß er keine Unruhen in seinem Rayon dulden wird, hat die Bevölkerung einigermaßen beruhigt. Sedljetz. Sonntag den 18. Juni wollte hier die „Schwarze Bande" einen Pogrom veranstalten. Soldaten aus dem Reservebataillon beschlossen, eine Rotte zu bilden und den Pogrom mit Gewalt zu unterdrücken. Unter diesen Umständen blieb es vorläufig ruhig. Moskau. Der „Standard" teilt mit, daß man sogar in Moskau sich vor einem Pogrom fürchtet. Die „Schwarzen Banden" sind gut bewaffnet, während es der sonstigen Bevölkerung nicht erlaubt ist, Waffen bei sich zu tragen. Die vorige Nacht waren die Straßen von Hooligans voll, die aus einem Meeting kamen. Als die Polizei sie fragte, was sie auf den Straßen machten, sagten sie ihr Losungswort und wurden nachher ohne Hindernisse durchgelassen. Sie sind also gute Bekannte der Polizei. Tschernigow. Hier bemühten sich die schwarzen Mechaniker, eine Erlaubnis für ein Meeting zu bekommen. Das Meeting wurde ihnen aber untersagt. Darauf arrangierten sie eine Versammlung im Hause eines Geheimagenten ohne behördliche Erlaubnis. Ihre Resolutionen werden geheim gehalten. Die Juden schickten eine Deputation zum Gouverneur, der sie beruhigte und versprach, energische Mittel gegen etwaige Exzesse anzuwenden. Auch das schwergeprüfte Schitomir ist neuerlich von Pogromfurcht erfüllt. Erfreulicherweise hat sich unter der christlichen Bürgerschaft eine gegen die Pogrome gerichtete Strömung geltend gemacht; einige Hundert Christen, Angehörige verschiedener Parteien, wenden sich mit einem Aufrufe an die Öffentlichkeit, worin sie gegen die Pogrome protestieren und erklären, daß sie beschlossen haben, mit allen Kräften gegen das schändliche Vorgehen der geheimen Agitationen aufzutreten und an alle anständigen Bürger appellieren, sie möchten sich durch die heuchlerische „patriotische" Propaganda der Hooligans nicht verlocken lassen. Dessenungeachtet entfliehen die Juden, wohin sie nur können. Der Bahnhof ist überfüllt, und mit jedem Zuge fahren ganze Familien in großer Zahl ab. Die Polizei versucht vergebens, die Juden zum Dableiben zu bewegen. Am 23. Juni wurde in Schitomir eine Versammlung von den „echt-russischen Leuten" abgehalten. Als* Redner traten Polizeibeamte auf. Ein Polizeikommissär hielt eine feurige Rede gegen die Juden, die an der Revolution schuld seien. Man müsse darum alle Juden ermorden. „In Bjelostok", sagte er, „haben die „echtrussischen Leute" begonnen, Rußland zu retten, wir werden es ihnen nachtun." Alle Versammelten erhielten je hundert Proklamationen, die zum Morden der Juden aufrufen. Man sagt, daß die Versammlung vom- Gouverneur erlaubt wurde und daß die Polizei alle Teilnehmer gut bewaffnet hat. D winsk. Hier befindet sich die jüdische Bevölkerung in äußerster Aufregung. Seit einer Woche erklären die Mitglieder der „Schwarzen Bande" öffentlich, daß sie einen Pogrom ä la Bjelostok veranstalten werden als Rache für einen vor kurzem ermordeten Polizeihauptmann. Simferopol. Hier zirkulieren beunruhigende Nachrichten. Viele Juden verlassen die Stadt. Vorigen Sonnabend hat ein Unbekannter auf der Straße Waffen zum Morden der Juden angeboten. Die Arbeitslosen haben ihn durchgeprügelt. T i r a s p o 1. Die jüdische Bevölkerung ist vom Pogromschrecken erfaßt. Die Straschniki (ländliche Polizei) reisen durch die Dörfer und reizen die Bauern gegen die Juden auf. Die „schwarzen" Proklamationen werden auch unter den Soldaten der nahen Modliner Festung verbreitet. Es hat gewirkt, und Soldaten versuchten schon einmal, Scheiben in jüdischen Häusern einzuwerfen. Es gelang jedoch den jungen Leuten der Selbstverteidigung, sie auseinanderzutreiben. Über die Wühlarbeit, von der auch die Hauptstadt Petersburg nicht verschont ist, berichtet die „Rjetsch". Sie druckt u. a. einen Brief des Redakteurs der gesperrten Zeitung „Kurier", S. Zederbaum, und des Journalisten N. J. Jordanski ab, worin diese erzählen, daß der Pristaw des 4. Petersburger Bezirkes sich öffentlich folgendermaßen geäußert hat: „Was ist Bjelostok? Hier in Petersburg wollen wir in nächster Zeit einen weit besseren Pogrom machen. Bei mir im 4. Bezirk will ich ein solches Schlachten arrangieren, daß auch nicht ein Jude am Leben bleibt." Die „Rjetsch" nimmt den Vorfall sehr ernst, und stellt an den Minister des Innern die öffentliche Anfrage, was er dagegen vorzukehren gedenke. — Der Petersburger Gouverneur hat eine Verordnung herausgegeben, wonach energische Maßnahmen ergriffen werden sollen, um Pogiome nicht zuzulassen. Kiew, 29. Juni. Seit den letzten Tagen schwirren hier alle möglichen Gerüchte über neue Judenhetzen herum, die heute nach dem Muster von Bjelostok inszeniert werden sollten. Die Juden flohen panikartig nach dem Auslande. Seit Tagen ist kein Platz mehr in den abgehenden Zügen zu haben. Wie es scheint, waren die Befürchtungen nicht grundlos, denn heute erschien eine Kundgebung des Generalgouverneurs Suchomlinow, worin er im Hinblick auf die umlaufenden Gerüchte über bevorstehende Unruhen bekannt macht, daß nicht nur die Exzedenten, sondern auch die Anstifter den Militärgerichten sofort überwiesen werden sollen. Odessa, 29. Juni (Telegramm). Hier wird abermals der Ausbruch von Judenhetzen befürchtet. Die „Rjetsch" meldet aus Odessa: Heute wurde auf den Straßen ein gewisser Kachow verhaftet, der Flugblätter der „schwarzen Bande" verteilte, worin das Volk zum Morden der Juden und der Intelligenz aufgefordert wurde. Eine halbe Stunde später drang in die Polizeistube der Bruder des Kachow, Sekretär des „Vereins der echt-russischen Leute", und verlangte unter Drohungen gegen den Polizeikommissar die Freilassung seines Bruders. Nachdem er per Telephon sich an den Generalgouverneur gewendet hatte, befahl dieser, den Kachow sofort freizulassen. Uman, 29. Juni. Wir erhielten folgendes Telegramm, das wir sofort an die Presse weitervermittelten: „In Uman (Gouvernement Kiew) droht für Sanistag den 30. ein Gemetzel. Die Anzeichen sind die üblichen. Schon vor zwei Wochen sagte ein Polizeibeamter einem angesehenen nichtjüdischen Bürger: „Es sind bereits 1500 Messer für die Judenabschlachtung geschliffen." Der Bürgermeister von Uman und der Stadtgeistliche Kudritzky fuhren am 25. d. Mts. in den Uman benachbarten Dörfern umher und reizten dabei die Bauern zu einem Gemetzel für morgen auf. Ein Offizier riet einem ihm befreundeten jüdischen Geschäftsmann, unbedingt vor morgen Uman zu verlassen. Diese Nachrichten werden durch anderweitige Meldungen bestätigt. Die Lage ist höchst bedrohlich." Laut telegraphischen Nachrichten, die wir erhielten, ist (offenbar infolge der rechtzeitigen Maßnahmen der Umaner jüdischen Bevölkerung) der kritische Samstag ohne Störungen vorübergegangen. Aus Jekaterinoslaw teilt man mit: Unsere „schwarzen" Mechaniker lebten wieder auf in der letzten Zeit. Sie führen ihre Propaganda im Wirtshaus „Wolga", wo täglich große Versammlungen stattfinden. Auf diesen Versammlungen werden die schwarzen Banden angerufen, die Juden abzuschlachten, weil sie die Duma einberufen haben. Zur Unterstützung der Agitation wird die Zeitung der Hooligans „Wietsche" auf allen Straßen, auch in der Nähe der Wohnung des Generalgouverneurs, umsonst verteilt. Die jüdische Bevölkerung ist sehr beunruhigt; man erzählt, daß Hooligans extra in die Stadt gebracht worden sind, man nannte sogar den Tag, wann die Pogrome stattfinden sollen. Die jüdische Gemeinde telegraphierte an den Vorsitzenden der Duma. Der Gouverneur hat zwar die jüdische Bevölkerung beruhigt, dasselbe tat auch der Polizeimeister. Jedoch zirkulieren Gerüchte, daß die Schutzleute Zivilkleider ankaufen, um an einem Pogrom Anteil nehmen zu können, und daß der Kosakenoberst unter den Kosaken für einen Pogrom agitiert. Viele jüdische Familien verlassen die Stadt. Aus Hornel lief bei unserm Gesinnungsgenossen Dumaabgeordneten Rosenbaum ein Telegramm folgenden Inhaltes ein: „Kosakenbanden planten für die Nacht ein Judenmassaker. Das Unglück ist durch Polizei und Infanterie, die rechtzeitig angerufen wurden, bisher verhütet worden. Dem Gouverneur wurde hiervon Mitteilung gemacht. Die örtlichen Hilfsmittel sind erschöpft. Wir bitten um Hilfe." Dumamitglied Rosenbaum begab sich hierauf in Begleitung eines zweiten Abgeordneten zum Minister Stolipin, der