Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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8 DIE ELT No. 27 aus dem neuen Gefühl. Wenn wir eine Nation sind, so müssen wir haben, was das erste Merkmal aller Nationen ausmacht, ein eigen Haus, ein eigenes Land. So bekannten sie sich denn alle zum Zionismus. In diesem Sinne haben wir alle, vom seligen Theodor Herzl angefangen bis zum jüngsten Studenten herab, jüdisch-nationales Bekenntnis und zionistisches Endziel als eine Einheit angesehen, als ein logisches Gefüge, in welchem nicht ein Steinchen gelockert werden dürfe, ohne das Ganze ins Schwanken zu bringen. Diese Einheit aber fand ich in der Studentenversammlung vom letzten Sonntag zerrissen, und aus den Reden der jungen Leute sprach ein Geist, der vielleicht modern, aber sicherlich weder weitblickend noch zionistisch genannt werden kann. Das Verlangen der Studenten wurde vielfach mit Gründen gestützt, die einem engsten Gesichtskreise entnommen waren, und der Ton, in dem sie vorgebracht wurden, verriet eine tiefe Leidenschaftlichkeit, wie sie immer persönlich gefärbter Lokalpolitik eigen zu sein pflegt Schon das Spiel mit politischer Bundesgenossenschaft gab der studentischen Forderung einen Beigeschmack, der mir alles eher als großzügiges zionistisches Zielbewußtsein verrät. Wir Juden haben bei den Kämpfen der Nationalitäten untereinander nichts zu suchen, nichts zu gewinnen. Wir sehen es heute als den größten Fehler der liberalen Juden an, daß sie mithalfen, die nationale Leidenschaft in Österreich bis zur Gluthitze zu entflammen: Hüten wir uns davor, in der des Friedens, der ruhigen Arbeit dringend bedürftigen Bukowina denselben Fehler zu begehen. Etwaige Alltagserfolge politischer Natur wären um diesen Preis gar zu teuer erkauft. Ich fasse zusammen. Die Klage der jüdisch-nationalen Studenten ist in ihrem Wesen vollkommen begründet. Wenn man sie zwingt, „Deutsch'* als Muttersprache anzugeben, ohne ihnen ein Merkmal zu gestatten, durch das ihre Eigenart den christlichen Deutschen gegenüber zum Ausdruck kommt, also etwa „Deutsch (jüdischer Nationalität)", so drängt man sie mutwillig in eine schiefe, zweideutige, unwürdige Lage, bei der weder die Studenten noch die akademischen Behörden sich wohl fühlen können. Was aber hat zu geschehen, wenn die jüdisch-nationalen Studenten keine Abhilfe finden? Darauf kann man ihnen nur die alte Antwort geben, die der zionistische Gedanke auf die Judenfrage überhaupt gibt: Strebt dem großen Ziele zu, das euch gründlich aus allen schiefen Lagen, Zweideutigkeiten und Bedrückungen befreien uird. Jeder andere Weg führt in den politischen Sumpf oder ins Ghetto zurück. Ein Kolonist über die Kolonisation In einer der früheren Nummern unseres Blattes hatten wir Gelegenheit, aus den in der neubegründeten Wochenschrift „Das jüdische Volk" enthaltenen Berichten des H. M. Smeljansky interessante Angaben über die Kolonisation Palästinas wiederzugeben. Herr Smeljansky setzt nun seine interessanten Schilderungen fort, denen wir auszugsweise folgendes entnehmen: Bemerkenswert an sich und bedeutungsvoll in bezug auf die Kolonisation ist die Immigration der russischen Juden in der letzten Zeit. Es kommen wöchentlich ungefähr 100 Personen nach Jaffa. Der größte Teil davon sind junge Leute und solche mittleren Alters. Viele kommen auch mit kleineren oder größeren Kapitalien. Zur Vergrößerung der Emigration nach- Palästina hat auch der Umstand beigetragen, daß die Häfen für die Landung von Juden vollständig frei sind. Man nimmt zwar den Immigranten die Pässe ab und behält diese zurück, aber die Einwandernden selbst sind sonst keinerlei Unbequemlichkeiten ausgesetzt. Selbstverständlich ist die Zahl der Immigranten im Vergleich zu den großen jüdischen Massen, die Rußland verlassen, verschwindend klein, aber für Palästina hat dieser kleine Strom eine ziemlich große Bedeutung, und bei einer guten Organisation könnte daraus für das Land viel Nutzen erwachsen. Leider fehlt diese Organisation fast vollständig. Wer sich an die Kolonisation vom Jahre 1890 erinnert, wird jetzt viel Ähnliches in Jaffa beobachten können. Wir sehen wieder wie damals an verschiedenen Plätzen kleine Gruppen der Ankömmlinge, unter die sich ein paar Einheimische mischen. Leider bemerkt man auch noch manches vom alten Unwesen: Geheimnisse, Verdächtigungen und kleine Intriguen. Auch erscheinen auf der Oberfläche manche der alten Helden, die ihre Netze auswerfen und versuchen, neue Fische zu fangen. Aber sonst hat die jetzige Immigration viel Neues, Eigentümliches an sich. Vor allem ist ein starkes Hinneigen zu Handel und Industrie zu bemerken, während die Immigranten vom Jahre 1890 fast ausschließlich dem Ackerbau zustrebten. Niemand von den bemittelten Ankömmlingen ist bei der Landwirtschaft geblieben, während Industrie und Handel doch viele an sich gezogen haben. Weiter ist zu verzeichnen, daß für eine beträchtliche Kategorie der neuen Immigranten der Hauptzweck ein rein materieller ist. Die ideelle Seite der Kolonisation spielt für die meisten fast gar keine Rolle. Ganz anders allerdings ist das Verhältnis zum Lande bei den jungen Leuten, welche nach Palästina kommen, um hier als Arbeiter zu leben. Es ist charakteristisch, daß reiche oder bemittelte Leute, die ebenso in der Landwirtschaft wie in der Industrie prosperieren könnten, dennoch oft enttäuscht und unzufrieden das Land verlassen, während die jungen Arbeiter die 40 Kopeken pro Tag verdienen, zufrieden sind und ans Fortfahren nicht denken. Der Idealismus behauptet sich also doch als die wertvollere Kraft. Was jetzt in der Kolonisation am meisten an die früheren Zeiten gemahnt, ist der Mangel an jeglicher Organisation, das Fehlen der zur Regelung einer Kolonisation notwendigen Anstalten. Vor allem fehlt eine Agrarbank, die Land an- und verkaufen soll, auch langfristigen Bodenkredit gewähren sollte. Weiter müßte ein technisches Bureau da sein, das verschiedene technische Ratschläge und Auskünfte erteilen könnte, desgleichen ein zu verwandten Zwecken eingerichtetes Handelsbureau. Selbstverständlich muß das alles nicht auf einmal, sondern ganz allmählich geschaffen werden, aber unzweifelhaft ist, daß solche Anstalten, die mit Kapital ausgerüstet wären, und über eine reiche Praxis verfügten, vieles ausrichten und das allgemeine Vertrauen gewinnen könnten. Leider gibt es fast gar nichts dergleichen. Was wir besitzen, ist ein ganz schwacher Anfang. Wir besitzen die Anglo Palestine Company, die viel Nutzen bringt, aber nicht genügend — dazu fehlt es ihr vor allem an Kapital. Weiter besitzen wir eine Palästinakommission, welche die nötigen technischen Anstalten hätte schaffen müssen, aber es fehlt ihr an einem direkten Wirkungskreis in Palästina selbst. .. . Gibt es Mittel, fragt der Verfasser, wodurch die gegenwärtige Immigration nach Palästina Ausdehnung und Förderung erfahren könnte? Er bejaht die Frage unter Hinweis auf folgende Umstände: Erstens ließe sich die Zahl der Kolonien vergrößern. Schon jetzt besitzt die Ica viel Boden in Palästina und zwar in Galiläa und im Hinterjordanland. Diesen Boden könnten Immigranten gegen langjährige Abzahlungen ankaufen. Bei etwas Energie ließe sich auch, und zwar billig, viel Boden in Transjordanien, im Süden und in der Umgebung von Midbah etc. ankaufen. Unter den jungen Immigranten gibt es viele, die speziell für eine Kolonisation in diesen Gebieten befähigt sind. Zweitens könnte man den Handelsverkehr ausgestalten und vergrößern. Es gibt Produkte in vielen Gegenden Palästinas, die sich für den Export eignen, wie Vieh, Pferde, Getreide, Gemüse, Fische etc. Besonders entwicklungsfähig sei der Export von Getreide, Leder, Wolle, Rosinen, Baumöl, Seife und Orangen. Der Handel mit diesen Produkten befindet sich zur Zeit größtenteils in den Händen der Araber; man könnte jedoch eine starke Klasse jüdischer Geschäftsleute schaffen. Vom Import gilt dasselbe. Er ist schon jetzt sehr groß. Man bringt ins Land: Zucker, Holz, Eisen, Reis, Nafta, fertige Kleider, verschiedene Fabrikate, Maschinen etc. Wie der Export wird aber auch der Import fast ausschließlich von Arabern beherrscht. Eine große Zukunft erwartet u. a. die Stadt Chaifa. Sie ist jetzt durch Eisenbahnen mit Meschek, Mekka, und mit den reichsten Getreide-Distrikten Palästinas und Syriens verbunden. Dazu erhält sie bald einen Hafen, an dem schon gebaut wird. Ansiedler, die in Chaifa Land oder Häuser erwerben, erwartet eine gute Zukunft. Den dritten überaus aussichtsreichen Faktor stellt die Industrie dar. Viele Produkte werden in Palästina selbst auf sehr primitive Weise hergestellt, wie z. B. Seife, Baumöl, trockene Früchte etc. Viele andere Produkte, welche das Land braucht, werden eingeführt Man führt Rohmaterialien aus und führt fertige Fabrikate ein. Häute, Wolle, Getreide z. B. werden ausgeführt; Leder, Stoffe, Bier, trockene Fische, Häringe, Sardinen, kandierte Früchte etc. werden eingeführt. Um alle diese Produkte in Palästina zu bearbeiten, um eine Industrie zu schaffen, dazu könnten viele Kräfte und viele Kapitalien fruchtbringend verwendet werden. Mehr 'guten Wullen, mehr Fähigkeiten — so schließt der Verfasser — Arbeit gibt es in Hülle und Fülle.