Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316214--48285-3343207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 27 DIE ELT Noch kein Ende der Ausweisungen bfatt "schre/bt^ T*ge~ „Als im preußischen Abgeordnetenhause die Interpellation über die Massenausweisungen russischer Untertanen beraten wurde, hat der Minister des Innern v. Bethmann-Hollweg die „Grundsätze" dargelegt, die für die Handhabung der Ausweisungsvorschriften maßgebend sein sollen. Er hat bestritten, daß andere Leute ausgewiesen würden als solche, die entweder nicht über eine gesicherte materielle Existenz verfügen, oder die politisch nicht einwandfrei sind; er hat zugegeben, daß Fehler untergeordneter Stellen vorgekommen seien, und er hat solchen Fehlern gegenüber — einige dieser „Fehler" grenzten bekanntlich bedenklich nahe an die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft — Remedur versprochen. Bis zur Stunde ist von dieser Remedur freilich nichts zu hören gewesen, aber auch die vom Minister aufgestellten „Grundsätze" scheinen in den wenigen Wochen bereits wieder in Vergessenheit geraten zu sein. Wenigstens deutet ein Fall, von dem uns heute erzählt wird, darauf hin, daß die grundlosen und ungerechten Ausweisungen von Russen, speziell russischen Juden, noch immer fortdauern. Es handelt sich um eine russische Familie, die vor zirka 1V2 Jahr wegen der Unruhen aus Warschau nach Berlin verzog und hier eine auf mehrere Jahre gemietete Wohnung in der Krausnickstraße innehat. Die Familie ist wohlhabend — sie bezieht aus ihren bei Warschau gelegenen Gütern monatlich mehrere hundert Rubel Revenue —, lebt außerordentlich bescheiden und zurückgezogen, und kein Mitglied der Familie hat sich irgendwie politisch, geschweige denn sozialdemokratisch oder revolutionär, betätigt, an Versammfungen teilgenommen oder sich in ähnlicher Weise „mißliebig" oder „lästig" gemacht. Trotzdem hat die Familie jetzt den Ausweisungsbefehl erhalten. Aus welchen Gründen, ist absolut unerfindlich. Wenn die vorstehenden Angaben zutreffend sind, so liegt zweifellos ein krasser, dringend der „Remedur" bedürftiger Verstoß gegen die ministeriellen Anschauungen und Versprechungen vor, den der Kenntnisnahme des Ministers und der Öffentlichkeit unterbreitet zu haben man uns sicher als Verdienst anrechnen wird." Als weiteres Beispiel dafür, wrie rücksichtslos bei den Russenausweisungen in Berlin vorgegangen wird, auch da, wo weder politische noch materielle Gründe beigebracht werden können, mag folgende Zuschrift eines kürzlich Ausgewiesenen an das „Berl. Tageblatt" dienen: Vor sechs Wochen kam ich mit meiner Frau, die sich im jüdischen Krankenhause einer schweren Operation unterziehen sollte, nach Berlin. Die Operation hat vor vier Wochen stattgefunden; nach ärztlichem Gutachten muß aber meine Frau noch zirka drei Wochen im Krankenhause bleiben. Vorgestern wurde ich nun zur Polizei bestellt. Zwischem einem Wachtmeister und mir entwickelt sich nun das folgende, ziemlich wörtlich wiedergegebene Zwiegespräch : Wachtmeister (in strengern Tone): Was tun Sie hier? Ich: Ich habe meine kranke Frau ins jüdische Krankenhaus gebracht, wo sie operiert worden ist; sie wird hier noch zirka drei Wochen bleiben müssen. W.: Was wollen sie dann hier? Sie haben hier nichts zu tun, lassen Sie ihre Frau hier, Sie fahren nach Hause. Ich: Aber meine Frau ist noch krank, ich bin der einzige den sie hier hat, der ihr etwas Trost und Hoffnung zusprechen kann. Wir haben einen Paß, und ich kann ohne große Schwierigkeiten nicht allein fahren. W.: Es wird auch so gehen. Wieviel Geld haben Sie? Ich (zeige ihm ungefähr 1500 Mark) W.: Innerhalb vier Tagen müssen Sie abreisen. Ich: Aber das ist ja unmöglich, ich kann unmöglich meine kranke Frau hier allein zurücklassen. Weshalb denn das? Ich falle Ihnen doch hier nicht zur Last, ich bin ein wohlhabender Kaufmann, der hier jetzt schon manches Hundert Rubel ausgegeben hat. W.: Darauf kommt es nicht an, Sie müssen fort: in spätestens vierzehn Tagen müssen Sie Deutschland verlassen. Der Minister des Innern, bemerkt das „Berl. Tageblatt", hat allen Grund, diese und ähnliche Fälle nachzuprüfen. Trifft die Darstellung zu, dann geht aus ihr hervor, wie wenig die Berliner Polizei ihrer Aufgabe gewachsen ist. Eine Ausweisung in der hier geschilderten Art wrürde in schneidendem Widerspruch mit den Erklärungen des Ministers stehen und Deutschland in seinem Ansehen unbedingt schädigen. Die Frage der .»Anerkennung der jüdischen Nationalität" Nationalitätszugehörigkeit der Studenten wird jetzt in der Bukowina sehr eifrig diskutiert Zu dieser Frage nimmt unser Gg. Professor Leon Kellner im „Czernowitzer Tagblatt" (24. Juni) in einem Artikel, „Was die jüdischen Studenten wollen", dem wir das Wesentliche entnehmen, Stellung. Er schreibt: Vorigen Sonntag, 17. Juni, fand im Saale V der Universität eine sehr zahlreich besuchte Versammlung der jüdischen Studenten statt, in welcher je ein Abgeordneter der drei jüdischen Verbindungen „Zephirah", „Emunah", „Hebronia" mit stürmischer Beredsamkeit dafür eintrat, von den akademischen Behörden nachdrücklichst die Anerkennung der jüdischen Nationalität zu verlangen. Ich hörte den Ausführungen in sehr zwiespaltiger Stimmung zu, denn Wahres und Falsches, Selbstverständliches und Abenteuerliches klangen wirr durcheinander; schließlich überwog die Empfindung, daß sich die jungen Leute auf falschen Wegen befinden, und ich erbat mir das Wort, um dieser Stimmung Ausdruck zu geben. Was ich dort in zwangloser Stegreifrede vorbrachte, sei hier im Wesen wiederholt. Der Ausgangspunkt der studentischen Bewegung ist vollkommen klar. Die akademischen Behörden an österreichischen Universitäten verlangen von jedem Studenten die Angabe der Muttersprache. Das hat für Deutsche, Rumänen, Ruthenen, Polen nicht die geringste Schwierigkeit und ist das harmloseste Ding von der Welt. Der deutsche Student gibt „Deutsch" an, gleichviel welchen Dialekt er im Elternhause hört, und befindet sich dabei in Übereinstimmung mit dem eigenen Gewissen und der Meinung der Welt. Er tritt einer deutschen Burschenschaft bei, singt deutsche Lieder, erstarkt an deutscher Kultur, schwärmt unangefochten für deutsche Schönheit und Zucht, wenn sie ihm leibhaftig entgegentritt, und ist endlich den führenden Männern seines Volkes jederzeit als politischer Bundesgenosse willkommen. Ganz anders ergeht es dem jüdischen Studenten bei der Inskription. Für ihn ist gleich der erste Schritt ins akademische Leben voll Wirrsal und Qual. Sagen wir, der Student sei in Czernowitz als der Sohn eines studierten Vaters geboren und am deutschen Gymnasium erzogen worden. Es besteht demgemäß nicht der geringste Zweifel darüber, daß er als Muttersprache „deutsch" angeben darf. Das tut denn auch der jüdische Student, wie es seine Glaubensgenossen in ganz Deutschland und Deutsch-Österreich mit Fug und Recht von jeher tun. Aber welche Bedeutung hat dieses Bekenntnis für sein akademisches Leben? Nur die eine, daß es dem jungen Manne mit einem Schlage den ganzen Komplex von Zweideutigkeiten, schiefen Lagen, Halbheiten — und sagen wir es gerade heraus! — Schändlichkeiten zum Bewußtsein bringt, die wir mit dem schrecklichen Worte Judenfrage benennen. Wundert sich jemand, daß dem jüdischen Studenten diese Anomalie wie ein Schwert durch die jugendliche. Seele geht, ist es so schwer zu begreifen, daß er anfängt, den Widerspruch in seiner ganzen Bedeutung zu erfassen? Der Gedankengang des gedemiitigten Studenten ist sehr einfach: Bei meinen Studiengenossen christlichen Glaubens ist das Bekenntnis der Muttersprache gleichbedeutend mit dem Bekenntnis zur Nation, bei mir ist das nicht der Fall, ich gehöre also nicht zur deutschen Nation. Zu welcher Nation aber gehöre ich? Doch nicht zur rumänischen, ruthenischen, polnischen! Da sind nur zwei Dinge möglich — entweder ich gehöre überhaupt zu keiner Nation oder ich gehöre zur jüdischen. Die erste Möglichkeit weise ich von der Hand, denn-----mein ganzes Wesen sträubt sich dagegen, das Beispiel aller meiner Studiengenossen, die ausnahmslos ihre Nation haben, spricht entschieden dagegen. Folglich bleibt nur die zweite Annahme übrig: ich gehöre zur jüdischen Nation. Ist das aber der Fall, warum werde ich von der Behörde zu den Deutschen gezählt? Warum zwingt man mir ein. Bekenntnis auf, das mich wider meinen Willen zum lästigen Eindringling macht, dem man keine Demütigung erspart?--- . So weit kann man, wie gesagt, den Gedankengang der jüdischen Studenten vollkommen verstehen. Das ist die rein sittliche Seite der Bewegung, die seit bald einem Menschenalter besteht und alle jene jüdischen Verbindungen ins Leben gerufen hat, die statt der vereinsamten, haltlosen, gebeugten Schwächlinge von einst, Männer von Zusammengehörigkeitsgefühl, starke, aufrechte Menschen von Ehre und Selbstbewußtsein erziehen. Aber die Studenten konnten dabei nicht gut stehen bleiben. Erstens geben verneinende Merkmale niemals eine Definition; daß sie nicht Deutsche, Polen, Rumänen, Ruthenen sind, macht sie immer noch nicht zu einer eigenen Nation. Zweitens ist mit dem Selbstbewußtsein auch nicht alles getan. .... Alle Erfahrungen der achtziger Jahre, alle Erwägungen der selbständigen Denker wiesen den einen Weg, die Rückkehr zum altjüdischen Ideal, das Strebe* nach einem eigenen Volkstum auf dem Boden der Väter. Von den verschiedensten Seiten wurde derselbe Gedanke fast gleichzeitig ausgesprochen, der Zionismus wurde geboren und gewann in der akademischen Jugend die edelsten, reinsten, schärfsten Vertreter. Das war eine zwingende Folgerung