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Die Welt · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ihr Teil ist nicht mehr das der stolzen Baumeister, sie müssen schützen, stützen, Dämme bauen gegen die anstürmende Flut. Wie lange werden sie es vermögen? Es ist das Leben, das heranflutet, das elementare, jüdische Leben, dessen Wogenschlag von Tag zu Tag gewaltiger wird. In den schweren Stunden melden sich den polnisch-jüdischen Assimilatoren von einer anderen Seite Helfer: die Polen selbst wollen ihnen beistehen, sie, deren schöner Wahn von der unbeschränkten Polonisierung Galiziens allerdings auch anfängt, in die Brüche zu gehen, und die eigennützig genug sind, die Assimilation zu retten, um sich zu stärken. Die Methode, die die Schlachzizen dabei anwenden, um das bewußte jüdische Volk, das sich ihnen nicht mehr willenlos unterwerfen will, gefügig zu machen, ist nicht neu, und die Polen hätten sie von selbst gewählt, auch wenn ihnen nicht seinerzeit Dr. Byk, ihrem Geiste auch hier sich anschmiegend, die Wege gewiesen hätte. Man erinnert sich noch der Drohung des Verstorbenen gegen die Zionisten, daß die Polen die Juden „mit Feuer und Schwert" ausrotten würden, wenn sie an die Verwirklichung jüdisch-nationaler Aspirationen in Galizien schreiten wollten. Kein Geringerer als der Obmann des Polenklubs selbst, R. v. Abrahamowicz, ist es nun, der jetzt den Augenblick, da er dem verstorbenen Dr. Byk den Nachruf hielt, für geeignet erachtete, das politische Erbe Dr. Byks zu proklamieren. Er pries ihn als den, der stets auf die Notwendigkeit der Assimilierung der Juden mit dem polnischen Volke hingewiesen, dem Volke, „dem die Juden es verdanken, daß ihnen vor vielen Jahren die Tore geöffnet wurden4'. Dr. Byk sei auch stets und energisch gegen alle Versuche der politischen Separation in Polen eingetreten. Und nun fährt Abrahamowicz fort, sozusagen zum Fenster hinaus: „Diese jüdischen Sonderbestebungen können für die Juden selbst gefährliche, unabsehbare Folgen haben." Man kennt diese Tonart der Polen, die die Juden in Polen so lange tolerieren, als sie Knechte sind. Zydzie czapka! Hut ab, Jude! Das ist die Bedingung, unter der der Herr gewillt ist, sich vom Juden dienen zu lassen. Gastfreundschaft für den Majofis-Juden, die Kreatur, die sich vom Schlachzizen auf den Nacken treten läßt — aber „Feuer und Schwert" dem Juden, der einen Augenblick mehr als Knecht sein will. Jenseits der Grenze, in Russisch-Polen, haben die Stammesbrüder, die „Nationaldemokraten", es bei Worten nicht bewenden lassen. Als die Juden in Lodz, Warschau und an anderen Orten, wo sie einen bedeutenden Prozentsatz der Bevölkerung ausmachen und nach allen Regeln der Gerechtigkeit einen Anspruch auf eine jüdische Vertretung in der Duma hatten, ihre Kandidaten aufstellten, da holten die Polen aus dem Arsenal der Pogromtechnik ihre Waffen, es flogen hetzerische Proklamationen durchs Land, man schreckte und verfolgte die Juden. Und vielleicht hat nur der schließliche Sieg der Nationaldemokraten sie nicht bis ans Ende der Rache gehen lassen . . . Kein Zweifel, Ritter v. Abrahamowicz hat an die Taktik seiner polnischen Brüder gedacht, als er seine Drohung aussprach. Aber er vergißt damit zu rechnen, daß das Majofis-Judentum sich zum Sterben bereit machen muß und daß die neuen Juden lieber nichts als eine Sklaverei in vergoldeten Ketten haben wollen, und daß sie gelernt haben, zu kämpfen und sich zu wehren, wenn sie zu Unrecht angegriffen werden. Einem Artikel der Berliner Kritischen Juden und Bankjuden Wochenschrift für Volkswirtschaft und Finanzwesen „Plutus" entnehmen wir folgende Stellen: „... Die Greuel von Bjelostok bilden die offizielle Bankrotterklärung des alten Rußland. Sie beweisen, daß die Bureaukratie über die Ökonomie ihrer eigenen Tasche hinaus nicht zu sehen vermag. Denn wäre sie dazu imstande, hätte es ihr lange klar sein müssen, daß eine wirtschaftliche Aufrichtung Rußlands ohne die Juden ein Unding ist. Wie sollte ihr das auch klar werden, weiß doch selbst das Judentum Westeuropas und Amerikas keinen rechten Standpunkt gegenüber der russischen Judenfrage zu finden. In zwei Lager gespalten, stehen sich die europäischen Glaubensgenossen der Opfer von Bjelostok gegenüber. Die einen verlangen, daß man dem russischen Reiche das Geld sperren solle, und erklären es für eine Schmach, daß jüdisches Geld nach wie vor den Entrepreneuren von Judenmetzeleien zufließt. Sie haben Herrn v. Taussig, der an der Spitze des österreichischen Russenkonsortiums stand, aus dem Vorstand der Wiener Synagogengemeinde herausgedrängt. Sehr moralisch! Die anderen erklären, daß sie für ihr Geld eine gute Verzinsung, aber keine Verwendung zu wohltätigen Zwecken verlangen, und daß sie, um ihr früher schon hingegebenes Geld zu erhalten, neues geben müssen. Sehr unmoralisch! Aber in Geldsachen hört nicht bloß die Gemütlichkeit, sondern auch die Moral auf. Die Anhänger der Moral sollten lieber der europäischen Finanzwelt klar zu machen versuchen, daß sie dumm handelt, wenn sie zur Stärkung der russischen Autokratie noch weiter Geld gibt. Und dieser Nachweis ist so leicht zu führen. ... Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daß das gesamte nichtagrarischeWirtschaftsleben in Russisch-Polen auf der jüdischen Bevölkerung aufgebaut ist. Aber nicht nur in Polen, in vielen russischen Städten tritt uns das gleiche Bild entgegen. Auch der Russe ist, wie der Pole, zu schwerfällig in bezug auf den ökonomischen Fortschritt. Hier wirkt der Semitismus als treibender Sauerteig. Über dreimalhunderttausend jüdische Handwerker leben in Rußland: Schuster, Schneider, Schmiede usw. In Wilna und Odessa müssen die Kirchdächer von Juden gedeckt werden, da es keine christlichen Dachdecker gibt. An 2000 Juden sind beim Verladen des Getreides im Hafen von Odessa tätig. In Lodz und Bjelostok sind etwa drei Viertel, in Wilna und Kiew fast die Hälfte, in Odessa weit über 90 Prozent aller Fabrikarbeiter Juden. Sombart weist einmal darauf hin, daß die Juden unerläßlich für die Entwicklung der Völker zum Kapitalismus seien, und er fügt, indem er den bekannten Witz Voltaires auf den lieben Gott parodiert, hierzu: „Si le juif n'existait pas, il faudrait l'inventer." Rußland hat nun seine Juden, es braucht sie nicht zu erfinden. Keine oder doch nur eine ganz kleine semitische Herrenkaste, vielmehr eine arbeitsame Proletariermenge, die zwischen den Dörfern Kleinhandel treibt, in den^Fabriken die Spulen dreht und das Eisen walzt, in den Städten die Straßen pflastert, die Erde schachtet und die Kamine reinigt. Ohne diese Elemente ist eine Entwicklung der russischen Wirtschaft ganz undenkbar. Anstatt nun aber diese Kräfte für den Neubau des russischen Wirtschaftslebens nutzbar zu machen, die alten Beschränkungen aufzuheben, läßt man nicht nur die Ketten des Ghetto nicht fallen, sondern veranstaltet Treibjagden auf die Insassen der Judenviertel. Den einzigen vorgebildeten Arbeiterstamm, den man besitzt, läßt man von verbrecherischen Polizisten und vom fanatisierten Mob zu Tode prügeln. Herr Witte hat dem Lande eine Goldwährung gegeben und angeblich eine nationale Industrie geschaffen. Wenn man's nicht schon aus anderen Anzeichen wüßte, die neuesten Judenmetzeleien würden uns deutlich zeigen, daß er Dächer in die Luft gebaut hat. Was nutzen die Goldwährung ohne Industrie und die Industrie ohne Arbeiter? Alle Reformen wirtschaftlicher Natur stehen lediglich auf dem Papier und sind für die Zukunft des Landes keinen Pfifferling wert, solange wie die Bureaukratie, die die Massakers von Bjelostok veranstaltete, am Ruder ist. Das ist der Grund, weshalb die europäische Kapitalistenwelt närrisch handelt, wenn sie noch einen Pfennig Geld nach Rußland gibt. Meine sehr verehrten Herren, ihr sollt weder demokratisch noch moralisch fühlen und handeln, sondern nur klug. Nicht Mitgefühl und Kirchenbrüderlichkeit soll euren Sinn lenken, nur ein bißchen gesunder Menschenverstand. Das kann doch nicht gar so schwer sein."

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