Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 27 DIEMKE LT sollte, ein Hohn und Schimpf für die Duma und für alle, die an das neue Rußland zu glauben sich angeschickt hatten. Nie zuvor war die europäische öffentliche Meinung, das „Europäische Gewissen", so sehr aus der Lethargie herausgerissen worden. Die Zeitungen waren gefüllt mit Einzelheiten der grauenhaften Vorgänge, große Versammlungen wurden veranstaltet, — ja eine Zeit lang erwartete man sogar ein Einschreiten der europäischen Mächte. Zu einer solchen Intervention Westeuropas kam es nicht. Rußland ist nicht die Türkei, ist nicht Marokko — und die Juden, die „einflußreichen Juden" mit ihrer „weltumspannenden Macht" sind nicht so stark, politische Fürsprache, geschweige denn ein politisches Eingreifen zu erreichen. . Und so wird es mählich still. Und es geht, wie es nach allen Pogromen gegangen ist. Das europäische Gewissen, das nur beschränkter Kraftanstrengungen fähig ist, beruhigt sich, schläft langsam ein, sich bequemerweise mit dem Wahn einlullend, dieses Mal sei es bestimmt das letzte Mal gewesen, bis dann wieder irgendwann, irgendwo der blutige Schrecken losbrechen wird. ... Die russische Regierung aber, diese „Regierung von Henkern und Mördern", setzt ihr teuflisches Handwerk fort. Als hätte Fürst Urussow nie gesprochen, als hätte er niemals in die behördlichen Geheimkammern hineingeleuchtet, in die Druckereien, wo die schwarzen Proklamationen gedruckt werden, als hätte er nie die Türen der Ministerkabinette gesprengt, wo die Pläne für das Morden von 10—10000 Juden geprüft und ausgegeben werden, und als stünde nicht über dieser Regierung der vernichtende Urteilsspruch dreier Richter, denen die Welt unbedingt glauben wird, — mit einem Zynismus sondergleichen präsentiert diese Regierung nach der alten Methode der Mörder Ignatiew und Plehwe den Bericht des Generals von Bader und eine amtliche Darstellung des Bjelostoker Pogroms, die nicht weniger schändlich sind als die Untaten der Hooligans. Hätte noch jemand gezweifelt, daß diese Regierung die moralische und die Nebenregierung, unter deren Einflüsse sie arbeitet, die faktische Urheberin der Pogrome ist — diese amtlichen Dokumente müßten ihm die Augen öffnen. So die Wahrheit zu fälschen, daran haben nur die ein Interesse, die selbst die Schuldigen sind. Die Regierung fühlt, daß es um Hals und Kopf geht, und sie spielt Va banque. Sie oder die Duma. Und das Spiel, das früher hinter verschlossenen Türen gespielt wurde, wird jetzt, wo zum Verstecken nicht Zeit^genug ist, wo auch die Spielhöllen durch Urussow aufgedeckt wurden, mit frecher Offenheit, mit aufgelegten Karten gespielt. Der ganze Apparat liegt klar zutage. Durnowo, Trepow und andere Führer des „schwarzen Hundert" zentralisieren in ihren Händen die Pogromagitation, deren beste Handlanger die „patriotischen" Vereine der „echtrussischen" Leute sind, für die selbst Bjelostok noch zu stümperhaft war. Von Seiten der Regierung erfreuen sich die Vereine des höchsten Wohlwollens, die Polizei ist in ihren Reihen, Staatsdruckereien arbeiten für sie, die Hooligans sind ihre Mitglieder oder Söldlinge, Gouverneure protegieren sie. . . . Und so wird's gemacht: Das „schwarze Hundert", das nach oben und unten erfolgreich gedeckt ist, agitiert, verteilt seine Proklamationen. Die Juden sind beunruhigt, laufen zum Gouverneur, eben dem Gouverneur, der die patriotischen Vereine beschützt; der Gouverneur telegraphiert im besten Falle an die Regierung, die die erste Fördererin der „Patrioten" ist; die Regierung telegraphiert bestenfalls zurück an den Gouverneur . . . und von da ab hat, wenn auch noch das Militär gewonnen ist, niemand mehr Schuld an den Pogromen als — die Juden. Für den, der das Spiel nicht durchschaut oder trotz allem daran nicht glauben möchte, deckt die „Rjetsch" den Mechanismus auf — durch einen Einzelfall der letzten Tage, dem sicherlich ungezählte andere sich anreihen ließen: In Minsk herrscht Pogrompanik. Die Juden gehen zum stellvertretenden Gouverneur Kurlow, (dem Schützling Durnowos, dessen Gewissen durch viele Menschenleben, die beim bekannten „Minsker Blutbad" zum Opfer fielen, belastet ist) und bitten ihn um Schutzmaßregeln. Er antwortet: „Drei Dinge hasse ich: Revolutionäre, Hooligans und Pogrome" — und die Deputation geht beruhigt nach Hause. Gleichzeitig aber erläßt er nachstehendes geheimes Zirkular an die Beamten seines Gouvernements, in dessen Besitz zu gelangen der „Rjetsch" gelungen ist. No. 3819 „An alle unsere Polizeikommissäre, Landgemeinden, Stadtgemeinden und Stadtverwaltungen. Betreffend die Meldung der Pinsker Abteilung des „Vereines des russischen Volkes" vom 8. Juni 1906 Nr. 176 schreibe ich vor den Provinzkommissären, Polizeikommissären, den Landgemeinden, Stadtgemeinden und -Verwaltungen, sie sollen die Mitglieder und Vorsitzenden der Bezirks- und örtlichen Abteilungen des Vereins in ihrer Arbeit, unter der Bevölkerung die Ideen des Vereines zu verbreiten, nicht stören, da sein festes Prinzip ist, durch gesetzliche Mittel dem orthodoxen Glauben, dem russischen Kaiser und dem Vaterlande zu dienen, was zum Ausdruck kommt durch die Broschüren und Flugblätter, die das Zentralkomitee herausgibt und durch die Auszüge aus patriotischen Zeitungen, die die örtlichen Abteilungen abdrucken. Der stellvertretende Gouverneur F. Kurlow; statt des Vize-Gouverneurs der älteste Rat: Jusefo witsch." Geht nun die Saat der „Patrioten" auf und wenden sich die Juden an den Minister, so ist er ungehalten über ihre „Nervosität" und erklärt, soeben vom Gouverneur die beruhigendsten Nachrichten erhalten zu haben. Die russische Regierung spielt Va banque — ihr und General Baders Bericht sind die Trümpfe, die sie ausspielt. Und gefährlicher denn je fliegt der Pogromschrecken über das weite Land. Die jüdischen Zeitungen sind voll von angsterfüllten Meldungen aus Nord, Süd, Ost und West, die man beinahe in eine stereotype Form bringen könnte. Noch ist es — offenbar unter der Rückwirkung des Entsetzens, das Bjelostok in der Welt hervorgerufen — glücklicherweise nirgends zu einem Massacre gekommen. Aber jeder Tag, jede Stunde kann uns eine neue Schreckensnachricht bringen. Eine furchtbare, in Worten nicht zu erschöpfende Situation, die die Juden fast ohnmächtig findet. Sie blicken nach Westeuropa: aber die Mächtigen helfen nicht. Sie blicken sehnsüchtig auf zur Duma: aber die Duma selbst kämpft verzweifelt um ihr Leben. Und wenn die Duma siegen sollte, wird nicht die erste Rache der Besiegten ein Pogrom sein? Niemand wagt mehr, ein Prophet des Besseren zu sein. Das politische Erbe Dem dahingeschiedenen Dr. Byk haben die jüdischen Blätter Österreichs ehrende Nachrufe gewidmet, die seiner, die Mittelmäßigkeit seiner jüdischen Kollegen im Poienklub immerhin bedeutend überragenden Persönlichkeit, seiner unbeugsamen Energie, seiner nicht geringen Begabung gerecht wurden. Alle aber haben zugleich seinen großen Lebensirrtum beklagt, der ihn zum Träger, zum gefährlichen, weil begabten und fanatischen, Repräsentanten der Assimilationstheorie und -Praxis gemacht hat. Er war — wenn man die Assimilationsschwärmerei wohlwollend als eine Art Romantik betrachten will — dieser polnisch-jüdischen Romantik letzter Ritter, der Sänger ihres Schwanenlieds. Und das war das Tragische seines mühereichen Lebens, das ist das Tiefschmerzliche, das seine Freunde empfanden, als sie seine Bahre umstanden. Das aber versöhnt auch seine Gegner mit ihm in der Stunde seines Todes, seine Gegner, denen er manchen großen Schmerz, manches bittere Unrecht zugefügt hat. Der Letzte seines Stammes. Gegen Ende seines Lebens sah er die Gebäude wanken, die er mühsam aufgerichtet; er sah den drohenden Einsturz, und er nahm noch einmal alle Kraft zusammen, die Schäden zu flicken. Zu spät! Seine Erben, das Heer der polnisch-jüdischen Assimilanten, sind noch zahlreich genug, aber 2