Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 27 (6.7.1906)
- Date
- 1906-07-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE^l ELT No. 27 Wenn_hier eirTGegner des jüdischen Nationalismus spricht, der allerdings nicht mehr imstande ist, Tatsachen hinwegzuleugnen, so brachte die weitere Debatte, die sich auf die Mandate der Bukowina bezog, noch viel bemerkenswertere, weil positive Äußerungen. Zunächst sprach der rumänische Abgeordnete Dr. Ritter v. Onciul. Er betont, „daß in der Bukowina der Prozeß der reinlichen Scheidung der Juden von den Deutschen beginne, indem sich die dortige Judenschaft als eigene Nationalität zu fühlen anfange. Die Juden wollen deshalb, daß ihnen zwei Wahlkreise gesichert werden. Das sei jedoch mit Rücksicht auf die geographische Schichtung unmöglich; wohl aber wäre es möglich, den Wünschen der Juden im dritten Wahlkreise entgegenzukommen, weshalb er den Antrag stelle, die Stadt Radautz aus dem Wahlkreise 3 auszuscheiden und dem Wahlkreise 4 zuzuweisen, wogegen die Gemeinden Wiznitz und Sadagora aus den Wahlkreisen 9 beziehungsweise 5 auszuscheiden und dem Wahlkreise 3 zuzuweisen wären. Er überlasse es der Billigkeit der Ausschußmitglieder, ob sie den Juden in der Bukowina ein Mandat zugestehen wollen oder nicht." Nach ihm erklärte der deutschfortschrittliche Abgeordnete Dr. Groß: „Da die Juden eine entsprechende Berücksichtigung bei der Aufteilung der Mandate beanspruchen, so sei diesem Wunsche bereits durch die gegenwärtige Wahlkreiseinteilung insofern Rechnung getragen, als der erste Czernowitzer Wahlkreis ohnehin aller Voraussicht nach den Juden zufallen dürfte. Um aber jeden Zweifel darüber zu beseitigen, beantrage er, den Vorort Sadagora diesem Wahlkreise zuzuschlagen, wodurch die jüdische Wählerschaft des Bezirks gestärkt würde," Es ist nicht unsere Absicht, in diesem Zusammenhange die innerpolitische Bedeutung, die die Anerkennung der jüdischen Nationalität seitens des Ministeriums und einzelner Parteien für die Zukunft der österreichischen Juden in sich schließt, ausführlich zu erörtern. Es genügt, wenn wir kurz bemerken, daß wir nicht optimistisch genug sind, die großen Schwierigkeiten zu übersehen, die sich in diesem von unzähligen Interessen erfüllten sterreich den Juden bis zur Erreichung der Vollsberechtigung in den Weg stellen werden, — obwohl sie bereits in den starren Wall glücklich eine Bresche geschlagen haben. Über diesen Gegenstand ein andermal. Was wir heute kurz festhalten wollen, das ist die besondere Bedeutung, die die ministerielle Erklärung für uns Zionisten hat. Um diese richtig zu würdigen, wird es interessant sein, auf eine verwandte Regierungsäußerung in Rußland hinzuweisen. In dem Entwurf „Über die Gewissensfreiheit", den die russische Regierung als Vorlage für die Dumaberatungen bestimmt hat, heißt es: „Man muß unterscheiden zwischen „Jewrei" (Juden) und Personen „judejskawo wjeroispowedania" (jüdischen Bekenntnisses). Ersteres bedeutet die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation, letzteres die Zugehörigkeit zur jüdischen Konfession." Wenn ein Christ sich zum Judentum bekennen wird, wird er dadurch nicht Jude, d. h. Mitglied der jüdischen Nation, sondern er gehört in die Kategorie der „Russkie judejskawo wjeroispowedania", der „Russen jüdischen Bekenntnisses", Das wird also die gesetzliche Festlegung der jüdischen Nationalität in Rußland bedeuten. ... Damit aber, daß in den zwei Ländern, die die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Europas umfassen, die jüdische Nationalität zur Anerkennung zu gelangen begonnen hat, — soviel auch noch zur Ausgestaltung notwendig ist, — beginnt für uns Zionisten allmählich die Aufrollung des letzten, allerdings entscheidenden Kapitels unserer Volksbewegung. Die erste Etappe unserer Bewegung war die, der Welt die Augen zu öffnen über unsere Lage, den Notstand der Juden aufzudecken, ihren vermeintlich erstorbenen Willen zum Leben in die Erscheinung treten zu lassen. Die zweite Etappe war die, der Welt zum Bewußtsein zu bringen, sie zu überzeugen, daß die jüdischen Massen — allen nichtjüdischen und jüdischen Gegnerschaften zum Trotz — sich als nationale Einheit fühlen und eine nationale Zukunft erstreben. Noch viele andere Anzeichen als die von uns heute registrierten liefern den Beweis, daß wir dem Zeitpunkt nahe sind, wo insbesondere in den Ländern, auf die es uns zumeist ankommt, die Erkenntnis von der Existenz und Existenzberechtigung des jüdischen Nationalismus siegreich das Feld behaupten wird. Und bald wird es sich schon für uns bei dem Bemühen, unsere Bewegung nach außen zur Geltung zu bringen, nur um das Letzte und Größte handeln: die Welt davon zu überzeugen, daß das jüdische Volk nach Palästina strebt. Wer zählt heute die ungeheuren Mühen, die hundertfältige Groß- und die tausendfältige Kleinarbeit, wer übersieht das Ineinandergreifen äußerer und innerer Kräfte, die es zuwege brachten, daß wir zwei Etappen fast genommen, für die dritte so viel vorgebaut haben? Kein Zweifel, — was wir bisher, erreicht haben, so schwer es war, ist nur ein Kinderspiel gegen das noch zu Erreichende. Aber die Bewegung geht geradlinig weiter. Kein objektiv Urteilender kann leugnen, daß sie sich nicht nach einem mechanischen Plane entwickelt, sondern daß ihre Bahn zugleich die der natürlichen Volksentwicklung ist. Daß wir den Volkswillen bisher richtig verstanden haben, das hat der Gang der Dinge bewiesen, das Vorwärtsschreiten von Posten zu Posten, von Etappe zu Etappe. Und daraus, aus dieser Kongruenz von Zionismus und nationaler Entwicklung, schöpfen wir die größten Hoffnungen, holen wir unsere besten Kräfte für die Zukunft. F. Sl^= oo ooo POLITISCHE REVUE o o o Kein Pogrom hat die Öffentlichkeit bisher g so aufgerührt wie der Bjelostoker. Selbst das Kischinewer Massacre, dessen fluchwürdiges Andenken durch die Scheußlichkeiten, die die Mordbuben an Frauen, xMädchen, an Kindern und Greisen begingen, nie erlöschen kann, hat die Kulturwelt nicht so entsetzt wie das Bielostoker Blutbad, das nicht nur drei schauerliche Bartholomäus-Nächte für die Juden bedeutete, das zugleich eine Beschimpfung der besten Söhne des Landes sein