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Die Welt · 1906-07-06 · 27 (6.7.1906) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
27 (6.7.1906)
Date
1906-07-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. Köln, 6. Juü 1906 pnnb &nn"« vmn'x No. 27. DIE ANERKENNUNG DER JÜDISCHEN NATIONALITÄT Die Sitzung des österreichischen parlamentarischen Wahlreformatisschusses vom 27. Juni erhielt durch eine kleine Episode für uns die Bedeutung eines denkwürdigen Ereignisses. Die Deutschen machten ihre Ansprüche auf ein galizisches Mandat geltend; darauf erwiderte der Minister des Innern Dr. Freiherr v. Bienerth, wie folgt: „Es wurde darauf hingewiesen, daß der aus diesem Kreise gewählte Abgeordnete — wobei als selbstverständlich vorausgesetzt wurde, daß dieser der deutschen Nationalität angehören würde — gewissermaßen auch das Mandat erhalten würde, die übrigen in Qalizien lebenden Deutschen mitzuvertreten. Aber auch diese Anschauung scheint mir in den Verhältnissen nicht näher begründet zu sein. Nach der letzten amtlichen Statistik befinden sich in Qalizien allerdings im ganzen rund 212 000 Deutsche; unter diesen sind aber zirka 140 000 bis 150 000 Juden, die der deutschen Nationalität wohl nicht unbedingt zugerechnet werden dürfen. Es befinden sich in Qalizien im ganzen 82 Gemeinden, in denen man von einer Majorität der ansässigen deutschen Bevölkerung sprechen kann; es sind dies im großen und ganzen durchweg Orte, in denen sich seinerzeit schwäbische Kolonisten ansiedelten, die ihre Eigenart noch bis heute bewahrt haben. Die Bevölkerungsziffer dieser Orte beträgt jedoch nur rund 82 000, unter denen wieder nur 56 000 Deutsche sind. Und wenn man jene Gemeinden abrechnet, in denen die Bevölkerung eine vorwiegend jüdische ist, dann erhält man für das ganze Kronland — und da sind die in dem Antrag Kaiser und Demel aufgezählten Gemeinden bereits mit inbegriffen — doch immer nur eine Ziffer von rund 45 000 Deutschen. Aus diesen sachlichen Gründen erscheint der Antrag der Abg. Kaiser und Dr. Demel wohl nicht begründet." Die Überraschung im Wahlreformausschusse war außerordentlich groß. Zwar — der Minister hatte nicht ausdrücklich von einer jüdischen Nation gesprochen, seine Ausführungen schienen die Juden auch nur so nebenbei herangezogen zu haben; aber es war doch das erste Mal, daß vom Regierungstische aus die Juden als ein von den andern Nationen unterschiedener Faktor bezeichnet wurden. Und die Mitglieder des Ausschusses hatten auch sofort das Gefühl, daß die Erklärung des Ministers, obwohl sie sich, um den Übergang zur neuen Auffassung zu erleichtern, einer vorsichtig-negativen Form bediente, doch nur darauf hinauslief, daß die galizischen Juden als selbständiges nationales Element zu betrachten seien. Sofort erhob sich auch der deutsche Abgeordnete Ritter v. Demel und erklärte: „Er müsse mit Verwunderung konstatieren, daß in der Rede des Ministers des Innern zum erstenmal von der Regierung die Juden als eine separate Nationalität in Österreich behandelt werden. Dies müsse eine gewisse Überraschung hervorrufen, um so mehr, da doch diese Anschauung bei den Herren in Qalizien (den Polen) nicht vorhanden ist." Und nach ihm gab der deutschvolkliche Abgeordnete Kaiser seinem Erstaunen Ausdruck, „daß die Regierungen früher niemals den Standpunkt eingenommen hätten, die Juden von den Deutschen abzurechnen, — obwohl er persönlich gegen diesen Standpunkt nichts einzuwenden habe." Die deutsche Presse hat sich noch nicht recht von ihrer Verwunderung erholt und war noch nicht dazu gekommen, zu der neuen Auffassung der Judenfrage Stellung zu nehmen, — es war bisher so bequem für die Deutschliberalen, sich von den Juden wählen zu lassen, für die antisemitischen Deutschen, die Juden als Fremdnationale zu erklären, sich ihrer aber doch als „Deutsche Wähler" gegen die Slawen zu bedienen, — als das nationaljüdische Problem abermals im Wahlreformausschusse auftauchte. Man behandelte die Frage der galizischen Mandate. Und' da verzeichnet das. Sitzungsprotokoll folgende Ausführungen des Abgeordneten Dr.Bobrzynski: „Rednerweistauf die zionistische Bewegung in Qalizien hin und meint, daß der Prozeß der Assimilation der Juden mit den Polen noch nicht so weit gediehen sei, daß man für alle Zeiten auf die polnische Gesinnung der Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung rechnen könnte. Es sei daher nicht ausgeschlossen, daß Abgeordnete gewählt werden, die gar nicht als nationale Polen auftreten."

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