Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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eine panikartige Flucht nach allen Richtungen Platz, wobei die Flüchtlinge sich in bereits überbevölkerten Orten in einer erschreckenden Weise zusammendrängen. In den Monaten März, April und Mai dieses Jahres strömten in Newyork allein 51 000 Juden zusammen, und das in einer Stadt, wo bereits auf einer Quadratmeile 400 000 Juden wohnen. Da vom Senat der Vereinigten Staaten eine Bill angenommen wurde, die die Einwanderung noch mehr beschränkt, so stehen wir nun vor der Möglichkeit, daß das letzte Zufluchtsland vor uns geschlossen werde. Die gemarterten Millionen der russischen Juden blicken zu ihren glücklichen Brüdern in England und Amerika, denen durch ihren sozialen und politischen Einfluß die Führerschaft im jüdischen Leben zugefallen ist, empor. Sie weitden sich auch an das Mitgefühl aller Menschen ohne Unterschied des Glaubens, denen die Barbareien, die in Rußland immer und immer wieder begangen werden, das Herz brechen. In ihrem Namen appellieren wir an alle, die bisher uns fernstanden, daß sie sich uns anschließen zu dem großen Ziele, der jüdischen Frage eine endgültige Lösung, den unterdrückten Juden in der ganzen Welt einen Hafen für die Zukunft zu bereiten. Francis A. Montefiore, Präsident. L. j. Greenberg, Hon. Secretary. "English Zionist Federation. Jsrael Zangwill, Pres. Clement J. Salaman, Hon. Secretary. Jewish Territorial Organisation. NOTIZEN Die Maßnahmen des „großen Ministeriums" in Ungarn Wie das „große" Kossuth-Andrassy-Weckerle-Ministerium in Ungarn, das Ministerium der „Nation", den übrigen Nationalitäten gegenüber verfährt, zeigen uns die folgenden Meldungen aus Budapest: Ein jüdischer Turnverein nicht bestätigt. Die hiesigen Zionisten gründeten vor einiger Zeit einen jüdischen Turnverein. Der Minister des Innern, Graf Julius Andrassy, hat jedoch den Statuten die Bestätigung mit der Begründung verweigert, daß die Gruppierung der Jünglinge nach Konfessionen und ihre derartige Abschließung vom Standpunkte der einheitlichen nationalen Gesellschaft nicht wünschenswert sei. Bemerkenswert ist jedoch, daß es in Ungarn eine große Anzahl christlicher Turn- und Gesellenvereine gibt, deren Statuten anstandslos bestätigt wurden. Ausweisung galizischer Juden. Auf Anordnung des Ministers des Innern, Grafen Julius Andrassy, hat die Munkacser Grenzpolizei vor einigen Tagen auf in Munkacs und Umgebung wohnhafte galizische Juden eine Razzia veranstaltet, dieselben aus Ungarn ausgewiesen und nach ihren galizischen Zuständigkeitsgemeinden abgeschoben. Begründet wird diese drakonische Maßregel damit, daß die Juden angeblich weder eine ständige Wohnung, noch einen anständigen Erwerb hatten und von unerlaubter Bettelei lebten, daher dem Gesetz über die „Evidenzhaltung der Ausländer" nicht entsprachen. Reform der Kultusgemeinden in Hessen. Die israelitischen Gemeinden im ehemaligen Kurfürstentum Hessen erstreben eine Abänderung der Gesetze betr. die Verhältnisse der Juden Kurhessens vom 30. Dezember 1823 und vom 29. Oktober 1833. Es wird in einer Eingabe an den Minister des Innern die Staatsregierung ersucht, eine Änderung dieser Gesetze dahin herbeizuführen, daß: 1. die jüdischen Kultussteuern in Form eines Zuschusses zu den Staatssteuern erhoben werden, 2. die Synagogenältesten und die Mitglieder der Vorsteherämter durch die Gemeinden gewählt werden und daß denselben ein Kollegium von gleichfalls gewählten Vertretern beigegeben wird; 3. den Organen der Gemeinden die Befugnis beigelegt wird, diese in jeder Weise nach außen hin rechtlich zu vertreten. Österreich Parteitag der böhmischen Zionisten Sonntag den 17. Juni d. J. fand im jüdischen Vereinsheim in Prag ein außerordentlicher Parteitag der Zionisten Böhmens statt. Es waren 38 Delegierte erschienen. Die Verhandlungen wurden mit einer Trauerkundgebung für die Opfer der jüngsten russischen Judenverfolgungen in Bjelostok eröffnet. Die Versammlung beschloß unter dem erschütternden Eindruck dieser Nachrichten um so intensiver in der bisherigen Richtung weiter zu arbeiten und am Basaler Programm unerschütterlich festzuhalten, welches allein eine endgiltige Lösung der Judenfrage herbeizuführen imstande ist. Es wurde weiter ein immer stärkeres Anwachsen der zionistischen Bewegung in allen Teilen Böhmens, insbesondere auf dem Lande, konstatiert. Die Beratungen, denen die Herren Ernst Bechert-Teplitz und Max Epstein-Raudnitz präsidierten, betrafen aktuelle Fragen und den Ausbau der inneren Organisation. Ungarn Aus Ungarn, das — fälschlicherweise — oft als verlorener Posten für den Zionismus angesehen wird, erhalten wir einen Bericht, der ein erfreuliches Wachstum unserer Bewegung auch in diesem Lande konstatiert. Wir entnehmen dem Bericht folgendes: D is Bureau der Federation, welches bis vor einigen Wochen durch den Preßburger „ Ahawath Zion-Verein" geleitet worden ist, wird jetzt vom Budapester Distriktskomitee, an dessen Spitze Dr. Lajos Dörneny steht, provisorisch geführt. Die zionistische Bewegung im letzten Jahre hat insbesondere in Budapest so viele Fortschritte gemacht, . daß es zu hoffen ist, daß dort ein genügend starkes Zentrum gebildet werden wird. Bisher hat dort noch kein wetterfester Verein bestanden, und die Führer wechselten einander in all zu rascher Folge ab. Erst in der verflossenen Wintersaison ist eine zielbewußte, einheitlichere Agitation entfaltet worden, die ihre Früchte getragen hat. Budapest ist eines der dankbarsten Felder für den Zionismus, und ist in dieser Hinsicht besser als sein Ruf. Freilich muß man sich an das Volk selbst wenden. Besonders bietet die stets wachsende russische Kolonie eine gute Basis für unsere Sache. (1905 200 Mitglieder). Der seit dem I. Kongresse bestehende Preßburger Verein nimmt noch immer an Zahl und Bedeutung zu. (300 Mitglieder). Es bestehen ferner: Tapolcsäny 60—80 Mitglieder, Päpa 100—150 Mitglieder, Kassa (Kaschau) 100 Mitglieder, Kesmark 70 Mitglieder, Hethärs 50 Mitglieder, Besztercze 60 Mitglieder, Versecz 25 Mitglieder, Szatmär 50 Mitglieder, Debreczen 30 Mitglieder, Nagy Sarös 30 Mitglieder, Miava 30 Mitglieder, alles Vereine, welche seit einigen Jahren regelmäßig funktionieren. Außerdem gibt es noch 25—30 Gruppen, welche periodisch zu neuem zionistischen Leben erwachen. Die Gesamtanzahl der Schekelzahler war in den letzten 2 Jahren jedesmal zirka 2000. Am 20. August wird unsere IV. Landeskonferenz in Preßburg stattfinden. II. südslavischer Zionistentag in Essegg Der Verein jüdischer Hochschüler aus den südslavischen Ländern „Bar Giora" in Wien veranstaltet am 14. vr.d Id. August d. J. einen zionistischen Abiturienten- und Hochschüler-Kongreß, zugleich mit einer zionistischen Bürgerversammlung in Essegg. Die Rede über den Zionismus wird Herr Dr. Leopold Kahn halten. Im Zusammenhang damit wird eine zionistische Organisation in Kroatien geplant. Abiturienten und Hochschüler, die während dieser Tage freie Station wünschen, mögen sich ehestens an die Vereinsleitung oder direkt an Herrn Gustav Kunetz, stud. techn. in Essegg, Clavrakgasse, wenden. Es ergeht hiermit auch die Bitte an alle Gg. in den südslavischen Ländern um materielle Unterstützung. Der „Theologische Verein" in Wien ersucht uns um Aufnahme olgender Notiz: „Unsere Vereinsmitglieder und Gesinnungsgenossen H. Moritz Löwy und H. Johann Stössler wurden an der Wiener Universität zu Doktoren der Philosophie promoviert." Deutschland Berlin, den 24. Juni 1906. Die Verbindungen im K. Z. V. Hasmonaea-Berlin und Jordania-München haben laut Kartellbeschluß folgende Bestimmungen getroffen: 1) 5°/o der monatlichen Einnahmen der Verbindungen sind an den N.-F. abzuführen. 2) Jedes Mitglied der Verbindungen ist verpflichtet, sich mit mindestens 0,5 °/o seines Einkommens zugunsten des N.-F.zu besteuern. Obige Bestimmungen treten am 1. Juli in Kraft. Auf dem X. Delegiertentage der deutschen Zionisten wurde folgender Antrag des K. Z. V. angenommen: „Da sich das Kartell zionistischer Verbindungen sowie die in ihm vereinigten Verbindungen gemäß Kartellbeschluß als Glieder der zionistischen Organisation betrachten, möge der Delegiertentag in Anregung bringen, daß die zionistischen Ortsgruppen das K. Z. V. in der Propagierung des Zionismus unter der Jugend unterstützen. Es mögen insbesondere die Ortsgruppen veranlaßt werden, die Abiturienten zum Anschluß an die zionistischen Verbindungen zu bewegen." Die Präsidialverbindung im K. Z. V. Hasmonaea. Lichtheim.