Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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20 DIE] nach der Schlacht bei Solferino. Damals unternahm es ein einzelner Mann, der Schweizer Dunant, die Aufmerksamkeit der europäischen Öffentlichkeit auf die Furchtbarkeit dieses Gemetzels zu lenken. Er verlangte eine gewisse Begrenzung des Krieges, die verhindert, daß der Krieg in eine willenlose Barbarei ausartet, die mit den Zwecken des Krieges nichts zu tun hat. Ganz ähnlich müssen wir jetzt verlangen, daß der russische Bürgerkrieg, dem wir an sich neutral gegenüberstehen, nicht zu den barbarischen Metzeleien führe, wie wie wir sie in Rußland gesehen haben. Mag der russische Verfassungskampf mit aller Leidenschaftlichkeit fortgeführt werden, mag die russische Regierung sich wehren, auch das ist selbstverständlich, denn eine jahrhundertalte Institution und alle, die an ihr interessiert sind nnd an ihr hängen, danken nicht ^eiwillig ab. Der Redner verlangt, daß der russischen Regierung kein Pfennig Anleihe mehr gegeben werde, und daß die russische Regierung dem Bürgerkampf gegenüber völlige Neutralität übe. Mit Recht habe Bismarck immer wieder die Wichtigkeit guter Beziehungen zu Rußland hervorgehoben. Diese guten Beziehungen dürfen sich aber nicht beschränken auf das Haus Romanow, sondern sie müssen sich auf das ganze Volk erstrecken. Der Redner richtete hierauf Worte der Begrüßung an die russische Duma, die gegenwärtig, möge auch noch viel Verworrenheit in ihr herrschen, das Gewissen des russischen Volkes darstellt, wie sich gerade bei den Bjelostok-Greueln gezeigt habe. Wann war der Bjelostoker Pogrom zu Ende? Nicht als der Zar einen Vertreter schickte, sondern als die Kommission der Duma ankam. Zum Schluß forderte der Redner auf, aus den großen russischen Kämpfen für uns die Folgerung zu ziehen, daß wir auch mit größerem Ernst Politik treiben, als es häufig geschehe. {Endloser Beifall.) Einstimmig wurde folgende Resolution gefaßt, die dem Präsidenten der Duma mitgeteilt werden soll: „Die Versammlung spricht ihr tiefstes Mitgefühl mit den Opfern der Metzeleien in Rußland und ihre Empörung über die Urheber der unmenschlichen Grausamkeiten aus. Sie vertraut, daß es die Duma erreichen wird, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, damit neuen Untaten vorgebeugt werde und sie ist von dem Wunsche beseelt, daß es den Mächten des Fortschritts und der Kultur gelingen möge, unserem großen, östlichen Nachbarreich den Verfassnngsstaat mit der Sicherung der bürgerlichen Rechte und der religiösen Freiheit zu bringen zum Segen Rußlands und als eine zuverlässige Bürgschaft friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zum Deutschen Reich." Der Vorsitzende der Versammlung, der Abg. Schräder, schloß dieselbe mit der Mitteilung, daß in allen anderen größeren Städten Deutschlands ähnliche Protestversammlungen stattfinden sollen. Berlin. Sofort als die traurigen Nachrichten aus Bjeiostok gemeldet wurden, ergriff die Berliner Zionistische Vereinigung die Initative zur Einberufung einer jüdischen Protestversammlung in Berlin. Über 2000 Personen füllten den Saal und die Galerien des Handwerkervereins, R.-A. Dr. Hantke eröffnete die Versammlung mit der mit allseitigem Beifall aufgenommenen Mitteilung, daß bereits in einigen Tagen eine allgemeine, von Christen und Juden aller Parteien einberufene Protestversammlung abgehalten werden würde, betonte das Recht und die Pflicht der Berliner Juden neben dieser allgemeinen Veranstaltung eine jüdische Protestversarnrnlung abzuhalten und begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, insbesondere die Herren Rabbiner Dr. Eschelbacher und Dr. Weiße, Dr. Paul Nathan und Bergel vom Hilfsverein der deutschen Juden, Geheimer Kornmerzienrat Goldberger und Redakteur Klausner von der Alliance Israelite und Professor Dr. Martin Philippsohn und andere. Nach einer einleitenden Rede des Rabbiners Dr. Weiße ergriff sodann als der offizielle Redner des Abends Dr. Klee das Wort, um in einer zündenden Ansprache die gegen die Juden in Bjeiostok verübten Greueltaten zu geißeln. Der Redner fand schonungslose Worte der Kritik für die wahren Anstifter dieses neuesten Pogroms und für die jüdischen Finanzmänner, welche durch die Bewilligung von Anleihen unseren Feinden erst die Mittel zur Veranstaltung der Metzeleien in die Hand gegeben haben. Die folgenden Redner, Professor Dr. Martin Philippsohn und Dr. Julius Moses betonten insbesondere, daß unter allen Umständen ein dauernder Zusammenschluß aller jüdischen Körperschaften geschaffen werden müsse, damit die Juden bei etwaiger Wiederkehr derartiger Ereignisse gerüstet sind. Dr. Paul Nathan wandte sich gegen den in weiten jüdischen Kreisen einreißenden Pessimismus, (. indem er auf die Tatsache hinwies, daß sich die Duma fast einstimmig für die volle Emanzipation der Juden Rußlands ausgesprochen hat. Redakteur Klausner sprach im Namen der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance die Zustimmung dieser wichtigen Organisation zu dem von den Zionisten angeregten Protest aus. gELT - No. 26 Die Versammlung schloß mit der einstimmigen Annahme folgender Resolution: „Die von der Zionistischen Vereinigung einberufene, von über 2000 Juden besuchte Volksversammlung drückt ihren Abscheu aus gegen die verbrecherischen Barbareien der russischen Machthaber, die zur Unterdrückung der freiheitlichen Bewegung in Rußland Judenmassakers anstiften. Sie versichert die geknechteten russischen Brüder treuer Anteilnahme und erwartet mit Zuversicht, daß die gesamte zivilisierte Welt durch einmütigen Protest und Verweigerung jeder weiteren finanziellen Hilfe diesem frevelhaften Morden Einhalt zu gebieten versucht." Ein Protestmeeting in Krakau. Am 21. ds Mts. fand im GTemeinderatssaal eine zahlreich besuchte Versammlung statten welcher die Missetaten von Bjeiostok besprochen wurden. Den Vorsitz führte Gemeinderat Doktor Horowitz. Es ergriffen die Gemeinderate Dr. Groß und Dr. Frühling, sowie die Abgeordneten Eotter und Daszynski das Wort. Es wurde der Beschluß gefaßt, Protest gegen das Vorgehen der russischen Regierung einzulegen und den Wunsch auszusprechen, die Regierungen möchten gemeinschaftlich eine Beendigung dieser Gewalttaten anstreben. Man beschloß zugleich die Anbahnung einer rationellen Hilfsaktion und forderte die Judenschaft zu Gaben für die Opfer der Judenverfolgungen auf. Der österreichische Reichsrat wurde ebenfalls zu einer Hilfsaktion aufgefordert. Das Hilfswerk. Schon regt es sich allerorten, um der ungeheuren Not, die hereingebrochen ist, zu steuern. Wir erhalten darüber folgende Nachrichten. Vom Zentralkomitee in Petersburg, durch dessen Vermittelung die Verteilung der Gelder der bei den Oktober-Pogromen Geschädigten herbeigeführt worden ist, erhielt der HilfsvereTn folgendes Telegramm: „Petersburg, 20. Juni, abends 8 Uhr. Hilfskomitee in Bjeiostok unter Vorsitz von Wolkowyski ist gebildet. 15 000 Rubel für erste Hilfeleistung wurden zur Verfügung gestellt. Organisation des Hilfswerks wird gemäß gemeinsamer Verständigung sofort ausgebaut." Der Hilfsve-ein der deutschen Juden bittet uns mitzuteilen, daß er den Spendern von Beiträgen für die Bjelostoker Geschädigten den Eingang der Spenden nicht im einzelnen brieflich bestätigen kann; die Bestätigung kann erst später erfolgen. * * Das Deutsche Bureau der Alliance Israelite hat im Auftrage des Zentralkomitees, das gestern zu einer besonderen Sitzung zusammengetreten war, an das Hilfskomitee in Bjeiostok 20 000 Mk. drahtlich überwiesen. Außerdem hat das Petersburger Komitee Weisung erhalten, aus dem Fonds der Alliance Hilfeleistung zu gewähren. * * Wilna, 26. Juni. (Telegr.) Eine Selbstverteidigungsmiliz, die sich in Bjeiostok gebildet hat, wird die behördliche Genehmigung nicht erhalten. Die Truppen werden bis zur völligen Beruhigung der Bevölkerung in der Stadt bleiben. * * * Wir wollen bei diesem Anlaß hervorheben, daß der „Hilfsverein der Deutschen Juden" sich auch bei dieser traurigen Gelegenheit ganz auf der Höhe der Situation gezeigt hat. Gleich nach Eintreffen der ersten beunruhigenden Nachrichten wandte er sich wiederholt telegraphisch an die maßgebenden jüdischen Stellen in Petersburg, wo man bezeichnenderweise später von den Ereignissen Kenntnis erhielt als in Berlin. Sodann entsandte der Hilfsverein zwei Berichterstatter nach Bjeiostok, die auch nach mancherlei Fährlichkeiten in die Stadt gelangten. Die rührige und unentwegte Agitation des Hilfsvereins hat viel dazu beigetragen, das noch schwebende Unglück wenigstens für eine Weile von den Häuptern der russischen Juden abzuwenden. * Einem gemeinsamen Aufrufe der englichen zionistischen Federation und der Ito entnehmen wir folgenden Schlußpassus: Die einzige tunliche Politik ist die, den Juden eine Heimat zu erwerben, die die Lage der Juden in der Welt überhaupt heben, besonders aber den russischen Juden ein Mittel verschaffen würde, sich allmählich von ihrem jetzige^ verzweifelten Milieu frei zu machen. In Ermangelung eines solchen Anziehungszentrums greift