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Die Welt · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Ich nehme an, daß es keinen anständigen Menschen geben kann, der über solche Missetaten anders denkt als ich. Man muß gar nicht besonders edel oder hochherzig geartet sein, um solche Untaten zu verdammen. Jeder, dem nur die elementarsten menschlichen Empfindungen eigen, muß sich mit Schaudern von so unmenschlichen Vorgängen abwenden. Ist nun das Massaker an sich unendlich traurig, so ist es doppelt entsetzlich durch den Kontrast zwischen der abscheulichen Handlung und der Heiligkeit des Augenblickes, in welchem sich die Greuel vollzogen haben. Das Fronleichnamsfest mit seiner Corpus Domini-Prozession ist eines der erhabensten Feste der katholischen Kirche, voll übersinnlichen Gehalts und mystischer Deutung. Dieses Fest nun, ein Fest der wunderbaren Verwandlung der gesegneten Hostie in den Leib des Herrn, ist in Bjelostok in schnöder Weise durch profaniert worden. Wie traurig, daß diese Prozession, die eingesetzt ward, die Herrlichkeit der katholischen Kirche auch vor den Augen ihrer Gegner zu offenbaren und alle Seelen zu erschüttern und zu gewinnen, barbarisches Blutvergießen gestört ward. Die Kirche kann unmöglich solchen und ähnlichen Judenverfolgungen gegenüber anders als tiefste Abneigung empfinden. Die Päpste haben solche Verfolgungen stets verdammt. ... Freilich, ich kenne kein anderes Mittel, solchen Greueln vorzubeugen, als eine wahrhaft tiefreligiöse Erziehung. ... Ich wiederhole, eine Erziehung, die in die Tiefe geht und die Menschen lehrt, für ihre eigene Religion alles zu tun, sie zu verteidigen, auch für sie, wenn es sein muß, das Leben zu lassen, aber zugleich die religiösen Empfindungen der Nebenmenschen zu achten und die Nächstenliebe in jenem universellen Geiste zu pflegen, wie sie das Christentum lehrt. Auf solchem Boden der wahrhaft religiösen Erziehung kann kein Nächstenhaß, also auch kein Judenhaß gedeihen. Was nun die furchtbaren Exzesse in Rußland anbelangt," sagt der Nuntius ferner, „so sind wohl wie bei allen solchen Exzessen weit mehr die wenigen Verführer als die vielen Verführten zu verdammen. In solch schrecklichen Momenten tut aber Menschenliebe und Geistesgegenwart not. Ein Beispiel, das zu meiner Kenntnis kam, als im vorigen Jahre ähnliche Greuel in Rußland sich ereigneten. Es war in Wilna. Eine Anzahl von nichtswürdigen Agitatoren stachelte das Volk auf, zum Hause des Gouverneurs zu ziehen, denn dieser," halte, sagten sie, einige Juden versteckt. Die Menge wuchs immer drohender an, und große Gefahr war im Verzuge. Da verließ der Bischof von Wilna sein Haus und begab sich mitten unter die Menge und machte ihr klar, daß es ein Märchen sei, wenn sie meine, der Gouverneur halte einige Juden bei sich versteckt. Der Bischof zog die Menge mit sich in die Kirche und predigte ihr, sie möchte von ihrem törichten Wahn ablassen, und erteilte den Segen. Und die Menge zerstreute sich dann — dieselbe Menge, die sich leicht durch häßliche Taten an den Juden befleckt hättet wenn der Bischof durch seine weise Geistesgegenwart nicht im rechten Augenblicke die bösen Instinkte der Verführer zu nichte gemacht hätte. ..." DIE PROTESTVERSAMMLUNGEN IN BERLIN Ein weitschallendes Echo fand die zweite Protestversammlung, die in der Tonhalle am 26. ds. veranstaltet wurde. Der Andrang war ein so gewaltiger, daß der Saal bereits eine Stunde vor Beginn der Versammlung polizeilich gesperrt wurde. Den Vorsitz führte Reichstagsabgeordneter Schräder. In seiner Eröffnungsrede betonte er, daß die Greueltaten, die kürzlich in Bjelostok verübt wurden, die nächste Veranlassung zu der Protestversammlung gegeben hätten, und. daß es sich hauptsächlich darum handele, sich über die unhaltbaren Zustände in Rußland vom politischen Standpunkt aus zu äußern, vom Standpunkt des Deutschen Reiches. Wenn nicht alle Berichte täuschen, fuhr der Redner fort, so sind die Untaten in Bjelostok durch eine Gruppe der Beamtenschaft vorbereitet worden, und das muß unseren Abscheu in erhöhtem Maße erregen, aber auch nichtsdestoweniger unser politisches Gewissen. Endlich einmal müssen geordnete Zustände eintreten, unter denen sich das Volk in Frieden entwickeln kanm Auch wir haben das größte Interesse daran, besondes in finanzielle Hinsicht. — Hierauf ergriff Professor v. Liszt, von lebhaftee. Beifall begrüßt, das Wort. Er führte u. a. aus: Mit banger Sorge blicken wir heute auf. Es erfüllt uns mit Besorgnis, da wir eine ganz eigenartige Erscheinung vor uns gesehen haben, die nie zuvor bei Revolutionen zutage getreten ist. Das ist planmäßiges Vorgehen, eine Organisierung der schwarzen Bande und dann Niedermetzelung nicht etwa der Revolutionäre, sondern der friedlichen Bürger. Und das geschieht alles unter der passiven Assistenz der Organe, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung bestimmt sind, unter der Assistenz der Polizei und der bewaffneten Macht. (Pfuirufe.) Hinterher dann Straflosigkeit oder gar Beförderung. Gerade die Assistenz der behördlichen Organe erfüllt uns mit banger Besorgnis. Daß unsere jüdischen Mitbürger wegen der Niedermetzelungen vor der Öffentlichkeit Klage geführt haben, ist ihr gutes Recht und ihre Pflicht. In erster Linie ist es aber auch gerade Pflicht der christlichen Bevölkerung, in feierlichster Weise Protest einzulegen. (Lebhafter Beifall.) Mit diesem Protest muß die Forderung verknüpft werden, daß Klarheit darüber geschaffen werde, wo die Ursachen dieser Greueltaten zu suchen sind, und wer die Schuldigen sind. Wir haben ein gutes Recht daran, daß festgestellt werde, wie groß die Schnld an diesen Erscheinungen sei. Wenn wir diesen Protest aussprechen, wollen wir uns aber auch zugleich fragen, ob auch in unserer deutschen Bevölkerung Mitschuldige sich finden. (Lebhafter Beifall.) Das gegenwärtige Rußland stützt sich auf die finanzielle Unterstützung, die es vom Westen empfängt. Es muß in dem Augenklick zusammenbrechen, wo ihm die Unterstützung entzogen wird. Wer Rußland unter den jetzigen Verhältnissen hilft, macht sich zum Helfershelfer der Greueltaten und zum Mitschuldigen. (Lebhafter Beifall.) Ich möchte es hier öffentlich aussprechen, daß wir unserem Auswärtigen Amte zu herzlichem Danke verpflicht sind für die Haltung, die es bei der letzten russischen Anleihe eingenommen hat. Aber mit lebhaftem Schmerz und mit tiefer Beschämung müssen wir uns eingestehen, daß nicht bloß in Frankreich, sondern auch bei uns Männer der Finanzwelt, jüdische und christliche, für das russische System und für die Aufrechterhaltung der jetzigen Zustände eingetreten sind. Mit dem Protest ist aber unsere Aufgabe noch nicht vollständig gelöst. Wir müssen unsere Blicke hinüberlenken in die Gegenwart und in die nächste Zukunft..... Minutenlanger Beifall lohnte die Ausführungen des Redners. Der nächste Redner, Rechtsanwalt Schadow, schilderte die Entwickelung des russischen Freiheitskampfes und wies nach, daß die Judenverfolgungen von Spionen und provozierenden Persönlichkeiten unter Vorwissen der Beamten inszeniert worden seien. Die örtlichen Verwaltungen hätten sich vielfach an den Greueln direkt beteiligt. Die russische Volksbewegung sei als ein Fortschritt der ganzen Menschheit aufzufassen. — Abgeordneter Rechtsanwalt Träger, führte aus: Fortschritt und Kultur befinden sich auf dem Marsche und sind nicht mehr aufzuhalten. Die Anarchie in Rußland mußte Gegendruck erzeugen, und so halten sich die geworfenen Bomben mit den verübten Greueln die Wage. Der Zar will trotz der Einberufung der Duma seine Selbstherrlichkeit wahren, dadurch wird ein Ausgleich unmöglich. An den russischen Greueln scheint der Antisemetismus nicht hervorragend beteiligt zu sein, sie sind lediglich offizieller Natur. Die öffentliche Meinung aller Kulturländer muß sich jetzt als stark genug erweisen, um einen Druck auf Rußland auszuüben. Es müsse unter allen Umständen gelingen, ein neues Rußland zu schaffen, mit dem wir künftig auch in den Fragen der Zivilisation Hand in Hand gehen können. (Lebhafter Beifall.) Es sprach dann noch Dr. J. Brutzkus. Er kam direkt aus Bjelostok, wo er die Duma- Kommission bei der Untersuchung der letzten Massakers unterstützt hat. Er war der einzige Redner, der sich speziell über die Judenverfolgung verbreitete. Er hat bei seiner Untersuchung alles das bestätigt gefunden, was über die Furchtbarkeit der Greuel und über das empörende Verhalten der Behörden in der Presse der ganzen Welt behauptet worden ist. Seine Ausführungen, die unter dem frischen Eindruck des eben gesehenen standen, übten auf die Versammlung eine tiefe Wirkung aus. Dr. Friedrich Naumann warf im ersten Teil seiner Ansprache die Frage auf: Was können wir hier in Berlin angesichts eines so furchtbaren Naturvorganges, wie es der jetzige russische Verfassungskampf ist, für eine Aufgabe haben? Das erste Gefühl, das man beim Eindruck dieses großen Bürgerkrieges hat, ist: Hier findet 'eine Abrechnung von ungeheurer historischer Bedeutung statt, eine Abrechnung, die naturndtwendig auf beiden Seiten mit Grausamkeit geführt wird. Ein solcher Kampf muß ausgekämpft werden, und da können wir nichts machen. Trotzdem hat die öffentliche Meinung Europas hier eine Aufgabe. Der Redner zog zur Erklärung eine geistreiche Paralelle zwischen der jetzigen Situation und der Situation

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