Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316213--48271-3343192- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
18 DIEMKE LT No. 26 selbst gesagt haben, welche es am meisten bedauern, daß ihre Jugend, und zwar vom zartesten Alter — geradezu Kinder machen dort Revolution — sich in den ersten Reihen der Revolutionäre befindet. Wer Wind sät, der erntet Sturm. Es ist Pflicht Aller in der ganzen Welt, sich nicht nur gegen diejenigen zu entrüsten, welche diese grauenhaften Metzeleien machen, sondern auch sich gegen jene zu entrüsten, welche auf der anderen Seite die Erde Rußlands mit Blut tränken. Zu dieser Rede des Abg. Kramarz bemerkt die „Neue Freie Presse" in ihrem Leitartikel vom 25. ds.: „Kramarzglossen über die Bjelostoker Metzeleien". „Selbstverständlich hat der Delegierte Kramarz keine Ahnung davon, wem er dabei hilft, wenn er sagt: Wer Wind sät, wird Sturm ernten! Würde es sich tatsächlich um die Naivität eines antisemitischen Fanatikers handeln, konnten serielle Äußerungen, an die die Welt bereits ziemlich gewöhnt ist, mit vollem Gleichmut hingenommen werden. Aber die Sprungfertigkeit, mit welcher der Delegierte Kramarz sich mit einem Fuß auf den Boden der Zivilisation stellt, indem er über die Massakers sein Bedauern ausspricht, und den andern Fuß dorthin setzt, wo die „Schwarzen Hundert" ihre Wurzeln haben, diese Zwiespältigkeit ist viel häßlicher als die beschränkte, aber aufrichtige konfessionelle Gehässigkeit. Gerade der Delegierte Kramarz könnte wissen, daß solche Worte nur dazu geeignet sind, das Vorgehen der Polizei und der Schwarzen Hundert" zu rechtfertigen, aufzumuntern und dem Massaker ein Zeugnis auswärtiger Billigung zu verschaffen. Er kennt Rußland und kann sich einer Täuschung darüber nur schwer hingeben, daß die von ihm erzählte Geschichte von der hervorragenden Teilnahme der Juden an der russischen Revolution die leidenschaftlichen Vorurteile noch bestärken und neues Blut kosten muß. In ganz Rußland sind etwa fünf Millionen Juden, die nur äußerst wenige Prozente, etwa drei von der gesamten Bevölkerung, ausmachen und in einigen Provinzen zusammengepfercht sind. Gewiß befinden sich unter diesen fünf Millionen auch Revolutionäre, und das schon deshalb, weil Juden, wie Shyloek gesagt hat, ebenfalls fühlen, wenn man sie zwickt, und weil ihre Hoffnungslosigkeit, die eine Schuld feindseliger Regierungen ist, sie naturgemäß geneigt macht, sich den Parteien der Gleichberechtigung anzuschließen. Nehmen wir selbst an, daß der Abgeordnete Kramarz der Ansicht wäre, es wäre ihnen daraus ein Vorwurf zu machen und daß sie allein nicht tun dürfen, was Mitglieder aller Konfessionen und Nationen gegenwärtig in Rußland tun. Selbst dieser faustdicke Widersinn kann es nicht rechtfertigen, ja nicht einmal erklären, daß ein Mann, der mindestens auf seine Salonzivilisation etwas hält, die Teilnahme der Juden an der revolutionären Bewegung derart schildert, als wäre sie die Ursache, aus welcher die naturgemäße Wirkung in den Metzeleien von Bjelostok entspringen mußte. Der Abgeordnete Kramarz kann bestimmt darauf rechnen, daß seine Rede in zahllosen Exemplaren von den Führern der „Schwarzen Hundert" in Rußland verbreitet werden wird. Besseres hätten sie für sich selbst nicht sagen können, und eine freundlichere Aufforderung zu neuen Versuchen ist kaum denkbar. Sollte der Abgeordnete Kramarz das nicht bedacht haben, und hat er nicht die Furcht, eines Tages aus Dankbarkeit von den Schwarzen Hundert" zum Ehrenmitglied ernannt, oder wenn die Stelle frei ist, zum Obmann gewählt zu werden? Das wäre kein ungerechtes Schicksal, denn er hat mindestens unbedacht gesprochen und jedenfalls durch Mangel an Vorsicht das bittere Schicksal von Millionen noch mehr erschwert."__ Im englischen Unterhaus richtete am 25. ds. Abg. Ha r wo od an den Staatssekretär Grey die Anfrage, ob er seine Aufmerksamkeit auf die Rede des Fürsten Urussow in der russischen Reichsduma gelenkt habe, die mit den Metzeleien der Juden in Rußland in Zusammenhang stehe, und ob er von der russischen Regierung eine Zusicherung erhalten habe, daß sie ihr äußerstes tun werde, um die russischen Untertanen zu beschützen. Der Parlaments-Untersekretär Lord Fitzmaurice erwidert, der Staatssekretär Grey habe einen Bericht über die Rede in der Presse gesehen, die englische Regierung habe aber eine derartige Zusicherung nicht nachgesucht. Harwood habe zweifellos den Reden der russischen Minister in der Reichsduma Beachtung geschenkt, sowie der Tatsache, daß der Minister des Innern Weisungen an die Gouverneure und Polizeimeistert gegeben habe, worin er sie auffordert, jede nur mögliche Vorsichtsmaßregel zu treffen, um Aufstände zu verhüten, die gegen die Juden gerichtet seien. Straus stellt an den Staatssekretär des Auswärtigen, Sir Eduard Grey, die Frage, ob er nicht mit dem französischen und dem deutschen Botschafter in Beratung treten könnte wegen telegraphischer Absendung einer gemeinsamen Note, worin aus Gründen der Menschlichkeit gegen die Behandlung der Juden in Rußland Einspruch erhoben werde. Der Staatssekretär erwidert, aus den schon angegebenen Gründen könne die Regierung sich das ihr zugemutete Verfahren nicht zu eigen machen. Kundgebung des Washingtoner Senats Der Senat nahm einen Beschlußantrag an, in welchem erklärt wird, das Volk der Vereinigten Staaten sei entsetzt über die Berichte von Metzeleien, die an Juden in Rußland wegen ihrer Rasse und Religion verübt worden seien. Alle diejenigen, die davon betroffen seien, hätten die herzlichsten Sympathien des Volkes der Vereinigten Staaten. Washington, 20. Juni. Der Vertreter der jüdischen Gesellschaften in den Vereinigten Staaten, Samuel Wolff, wandte sich an den Präsidenten Roosevelt mit der Bitte, zugunsten der russischen Juden durch einen Protest gegen die Judenmetzeleien bei der russischen Regierung einzugreifen. Präsident Roosevelt gab in seiner Antwort seiner Sympathie für die Juden Ausdruck, erklärte jedoch, nichts für sie tun zu können. New-York. Am 20. Juni ds. wurde in der hiesigen Synagoge aus Anlaß der Metzeleien in Bjelostok eine jüdische Trauerversammlung abgehalten, an der 3000 Personen teilnahmen; eine große Menge Juden, die das Gebäude nicht mehr aufnehmen konnte, sammelte sich außerhalb an. In der Versammlung wurde ein Schreiben des Präsidenten Roosevelt verlesen, worin es heißt: „Ich werde mich über die Angelegenheit mit dem Staatssekretär Root besprechen. Sie wissen, wie sehr wir Ihre Gefühle teilen, wie ergriffen und entsetzt wir über die Vorgänge in Rußland sind. Sie wissen aber auch, daß es nahezu unmöglich ist; durch eine Intervention etwas anderes als Unheil anzurichten." Eine Depesche König Eduards an den Zaren? Aus Paris wird der „Allg. Korr." berichtet: Nach hierher gelangten Londoner Meldungen habe König Eduard an den Zaren eine Depesche gerichtet, in welcher er seinem lebhaften Bedauern über die grauenvollen Vorgänge in Bjelostok Ausdruck gab und zugleich auf die große Entrüstung hinwies, welche dieselben in der ganzen zivilisierten Welt hervorgerufen haben. Er wünsche im eigensten Interesse des russischen Reiches und seiner Stellung unter den europäischen Mächten, daß diesem unmenschlichen Gemetzel ein für allemal ein Ende bereitet werde. Rom, 26. Juni. Der sozialistische Abgeordnete, Führer der „Reformisten" Turati brachte namens der Sozialisten eine Anfrage in der Kammer über die Verhaftung eines Italieners in Rußland ein und schloß mit einem Protest gegen Massakers und mit Glückwünschen für die Duma. Ein Appell an die Parlamente Die „Neue Freie Presse" schreibt: Die ruchlosen Mordtaten in Bjelostok haben, wie aus zahlreichen an uns gelangenden Zuschriften ersichtlich ist, überall Entrüstung und Abscheu hervorgerufen. Eine dieser Zuschriften, deren Verfasser Dr. Hugo Redlich ist, regt an, daß alle Parlamente zugleich eine Kundgebung gegen die gemeine Massenabschlachtung von Menschen im Zarenreiche veranstalten mögen. Herr Dr. Hugo Redlich wirft die Frage auf, ob sich in den Parlamenten Europas niemand finden werde, der Rußland, wo ein Massenmord unschuldiger Menschen offiziell veranstaltet wird, den Standpunkt europäischer oder menschlicher Zivilisation klar machte? Wäre es nicht möglich, öffentlich dahin zu wirken, daß in allen Parlamenten gleichzeitig ein Mahnruf an das offizielle Rußland ergehe? Der römisch-apostolische Nuntius in Wien über den Pogrom von Bjelostok Ein Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse" hatte eine Unterredung mit dem Nuntius am Wiener Hofe Monsigneur Gremito Pignatelli, Prinzen von Belmonte, über den Pogrom von Bjelostok. Der Nuntius sagte u. a.: „Was in Bjelostok sich ereignet hat, muß einen jeden aufs schmerzlichste berühren, der menschlich fühlt Als Mensch und als Priester muß ich dieses letzte Massaker tief beklagen, wie ich bereits die früheren in Kischenew, Odessa und anderwärts schmerzlich bedauert habe.