Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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andern Herren Delegierten viel weiter abliegende Fragen,^ welche zum Gegenstand der Delegation überhaupt in keiner Beziehung stehen, berührt haben, während ich mich lediglich mit jenem Staatsvertrage befasse, den auch Österreich mitunterzeichnet hat, und den Beweis dafür suche, daß die Bestimmungen dieses Staatsvertrages nicht eingehalten wurden, trotzdem derselbe bereits ein Vierteljahrhundert hindurch in Wirksamkeit steht. In der Besprechung der rumänischen Judenfrage fortfahrend bemerkt Redner, daß man sich nicht woindern dürfe, daß die Bestimmungen eines Staatsvertrages, auf welchem auch die russischen Machthaber unterschrieben sind, nicht eingehalten werden. Es ist ja bekannt, daß sich in Rußland Ereignisse abgespielt haben, die geradezu das Entsetzen aller Kulturstaaten und aller gebildeten Menschen hervorrufen müssen. DieJudenmetzeleien, dieMassenabschlachtungen, die Plünderungen, die Brandlegungen und alle sonstigen Greueltaten, die seit den Tagen von Kischenew in Kiew, Odessa und in den letzten Tagen in Bjelostok sich abgespielt haben, haben das Mitleid aller Menschen geweckt. Es ist eine Schande für das Jahrhundert, für die Kultur, für das humanitäre Zeitalter und für die modernen gesitteten Staaten, wenn derartige Zustände ruhig hingenommen werden. Aber im ganzen gesitteten Europa und auch in Österreich, welches den Berliner Vertrag doch mitunterschrieben hat und Anspruch darauf erhebt, ein Verfassungs¬ und Kulturstaat zu sein, erhebt sich keine Stimme dagegen. Diese Massakers waren planmäßig angelegt und von der Bureaukratie und Polizei auf das intensivste unterstützt. Redner bringt ausführliche Details über diesen Vorfall zur Sprache und verliest mehrere Schilderungen russischer Schriftsteiler darüber. Präsident ersucht den Redner, sich in der Verlesung einige Beschränkung aufzuerlegen. Delegierter Dr. Strauch er: Die Herren haben hier ganze Reden gelesen, ohne daß sie unterbrochen wurden, ich beanspruche für mich das gleiche Recht und die gleiche Redefreiheit, wie sie dem Delegierten Bianchini gewährt wurde, der hier über eine Stunde seine Rede verlas. Eine Intervention, fährt Redner fort, zugunsten der russischen Juden seitens einer europäischen Macht oder seitens Österreichs sei weder zu erhoffen noch zu erwarten. Er richte aber an den Minister des Äußern das Ersuchen, daß er, wenn in den nächsten Tagen die Haager Friedenskonferenz einberufen und daselbst von hervorragender Seite ein Antrag, auch den Juden in Europa Frieden zuteil werden zu lassen, gestellt werde, diesem Antrag nicht entgegentrete, sondern demselben auch im Namen Österreichs seine Unterstützung leihe. Die Kotierung der russischen Rente und die „Bankjuden". Redner kommt auf die Kotierung der russischen Anleihe an der Wiener Börse zu sprechen und weist daraufhin, daß der österreichische Finanzminister gegen die Zulassung der Kote Bedenken getragen habe, infolge Beeinflussung durch das Ministerium des Äußern sich aber für die Zulassung entschieden haben soll. Leider habe die Folgezeit denjenigen Recht gegeben, die vor dieser Staatsanleihe warnten. Es sei eine unerhörte Ausbeutung der österreichischen kleinen Leute, die man zur Beteiligung an dieser Anleihe verleitete, durch die der russischen Despotie die Mittel in die Hand gegeben wurden, das Volk weiter zu bedrücken, ihm seine Rechte vorzuenthalten und Massenmord zu betreiben. Es muß ein solches Vorgehen geradezu als Gewissenlosigkeit bezeichnet werden. Wenn Redner einen Vorwurf gegen die Regierung erhebe, so sei es der, daß man irgend jemanden und insbesondere auch die Bankjuden zur Beteiligung an dieser Anleihe verleitete, da man das Ganze dann gegen die gesamte Judenschaft ausnützte. Wir schenken Ihnen, sagt Redner, diese Bankjuden, die von der Regierung beeinflußt werden, bei der Aufnahme derartiger Schandanleihen mitzuwirken. Die Regierung wurde angegangen, für die bedrohten Interessen österreichischer Staatsangehöriger aus der Bukowina in Rußland Schritte zu -unternehmen. Was bis jetzt in dieser Hinsicht geschehen sei, habe man nicht erfahren. Wohl aber enthalte der Bericht des Referenten des Budgetausschusses ein ungeheures Lob auf die Tapferkeit der russischen Armee. Redner glaube nicht, daß im Budgetausschusse der österreichischen Delegation ein Anlaß vorhanden war, dem fluchwürdigen Zarismus Lob zu spenden. Präsident ersucht den Redner, zur Sache zu sprechen. Delegierter Dr. Lecher: Aber gerade jetzt spricht er ja zum Berichte des Referenten. Delegierter Dr. Straucher lenkt die Aufmerksamkeit des Ministers des Äußern auf das Judenmassaker in Bjelostok und fordert ihn auf, nicht so ruhig und kaltblütig alle Ereignisse über sich ergehen zu lassen. Redner wisse wohl, daß hier auch stundenlange Reden nichts nützen werden. Aber er rufe im Namen der ewigen Gerechtigkeit den Minister des Äußern auf, er möge sich der geplagten, gequälten, verfolgten und so entsetzlich hingeschlachteten Opfer annehmen. Über dieselbe Frage äußerte sich auch der erste Obmann des Polenklubs, Ritter David von Abrahamowicz. Auf die Besprechung der äußeren Politik übergehend, erklärt er, daß das gegenwärtige Rußland nicht mit jenem russischen Reich zu vergleichen sei, dem wir noch vor einigen Jahren gegenüberstanden. Endlich ist in Rußland, beziehungsweise in Petersburg, die Überzeugung zum Durchbruch gelangt, es könne dieses große Reich seiner weltgeschichtlichen Aufgabe insolange nicht Rechnung tragen, als nicht tiefgehende Reformen im Innern des Staates durchgeführt sind. Redner wünscht aufrichtig, daß der Erkenntnis von der Notwendigkeit eines konstitutionellen Lebens in Rußland auch eine andere Erkenntnis bald folge, nämlich, daß die Freiheit und das nationale Leben der Konnationalen des Redners unter Wahrung ihrer politischen und nationalen Individualität unter dem russischen Zepter nur zum Wohle der Gesamtheit, zur Kräftigung der Prinzipien der modernen Zivilisation, zum Siege der Gerechtigkeit und zur Verengung des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen unseren Staaten beitragen kann. Von dem Wunsche beseelt, es mögen im russischen Reiche baldmöglichst normale Verhältnisse eintreten, müssen wir selbstverständlich die abscheuerregenden und der Menschlichkeit trotzenden letzten Greueltaten in Bjelostok mit Entrüstung verurteilen. Abg. Dr. Kramarz, der bekannte Panslawist und Russenschwärmer, ließ sich auch hier die Gelegenheit nicht entgehen, auf die Revolution zu schimpfen. Er sagte: Die Situation Europas und der Welt wäre ziemlich ruhig, wenn wir nicht vor einem furchtbaren, schrecklichen Rätsel stehen würden, und das ist Rußland. Jedes Schlagwort, jede Idee, die bei uns am Ende ungefährliche Schwärmer hervorbringt, wird dort zu einer schweren Schicksalsfrage. Was dort vorgeht, ist keine politische Revolution mehr, es ist eine soziale Revolution in der furchtbarsten Bedeutung des Wortes (Zustimmung), und im Zentrum dieser großen Fragen steht die Hauptfrage, die Eigentumsfrage, zuerst an Grund und Boden, dann an den anderen Produktionsmitteln. Und da muß ich sagen, daß es die höchste Zeit ist, daß die Gemäßigten dort endlich den Mut der Mäßigung finden (Beifall). Verzeihen Sie, wenn ich ein paar Worte — sehr zurückhaltend — auch dem Herrn Delegierten aus der Bukowina sage. Es ist selbstverständlich, daß jeder, der etwas menschlich fühlt, geradezu schrecklich ergriffen wird bei den Schilderungen dessen, was an manchen Orten geschehen ist, und um so mehr, als .gerade Arme und Unschuldige getroffen werden. Das ist dasjenige, was am meisten wehe tut. Diejenigen, welche schuld sind, sind immer im trockenen (Zustimmung). Was ich sage, gilt geradeso für die Juden wie für die Christen, und für die Juden in Rußland noch mehr, weil sie die erste Rolle unter den Revolutionären spielen, nicht die Russen. Und ich kann es sigen, weil ich es gerade so sage, wie es mir sehr hochachtbare, sehr anständige und ruhige Juden in Rußland