Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16 DIE3^ELT No. 26 sinnfällig auf einen ganz anderen Ton gestimmt, als er früher bei gleichen Anlässen zu vernehmen war. Man hat so gewissermaßen die leise Empfindung, als ob manche europäische Kreise am Ende ihrer G-eduld gegenüber den für unser Zeitalter schmachvollen russischen Barbareien angelangt wären. Nicht als ob man den „nordischen Koloß mit den tönernen Füßen" durch Gewalt und Drohungen zwingen wollte, sich mehr den europäischen -Sitten anzupassen. Aber man will doch nicht mehr in schimpflichem Schweigen gegenüber jenen Schandtaten verharren, die unter notorischer Billigung der Staatsbehörden begangen werden. Man lebt doch schließlich nicht mehr in den Zeiten Timurs oder Karls IX. von Frankreich. Man beginnt sich des früheren Schweigens angesichts jener sich häufenden Greuel in dem benachbarten Zarenreiche zu schämen. - Das ist vorerst ein Zeichen beginnender Einkehr, das selbst auf die barbarischen Machthaber in Rußland auf die Dauer nicht ganz ohne Einwirkung bleiben kann. Für europäisch denkende und fühlende Menschen ist es ja beinahe unmöglich, sich in jenes grausige russische Chaos hineinzuversetzen. 80 viel ist indessen nicht schwer zu begreifen, daß dieser chaotische Zustand vor unseren Toren eine um so größere Gefahr für die Staatsnachbaren bedeutet, je länger er andauert. Nicht bloß die unglücklichen, am schwersten heimgesuchten russischen Juden, nein, das gesamte unterdrückte russische Volk ist des tiefsten Mitleids von ganz Europa, ja der ganzen Erde bedürftig. Überall sollten derartige öffentliche Bekundungen einer solidarischen Zusammengehörigkeit der nicht unter einem despotischen Joch seufzenden Völker mit den bejammernswerten Opfern russischer Beamtenwillkür eingeleitet werden. Vor solchen Völkerprotesten könnte selbst die abgebrühte russische Bureaukratie nicht länger in ihrem bisherigen Verhalten verharren. Das würde doch wohl selbst Leuten von dem Kaliber der Trepow zu denken geben!M Die „Schlesische Zeitung" schreibt u. a.: „Es ist charakteristisch, daß diejenigen, die für ein energisches Einschreiten der europäischen und amerikanischen Regierungen zugunsten der jüdischen Bevölkerung Rußlands eintreten, es bisher noch nicht einmal vermocht haben, deren einflußreiche Glaubensgenossen bei uns, in Frankreich oder England zu einer wirksamen Gegenaktion privater Natur zu gewinnen. Wie schon erwähnt, scheint sich jetzt Lord Rothschild bei der englischen Regierung für das Schicksal der Juden in Rußland verwendet zu haben, und ähnliche Vorkommnisse sind noch sonst gemeldet worden. Aber darauf scheint sich die Sympathieaktion zu beschränken. Irren wir nicht, so hat sich bei der letzten großen russischen Anleihe in Frankreich die jüdische Großfinanz von Paris und ebenso in den andern Ländern an der Riesen Operation ohne Widerspruch beteiligt. Wiederholt hat man bei den verschiedenen russischen Emissionen in Frankreich ]esen können, daß das große Pariser Haus Rothschild nach anfänglichem Widerstreben mit Rücksicht auf den angeblich von französischer Seite geäußerten Wunsch seinen Einfluß für das Gelingtn jener Operationen eingesetzt habe. Aber auch ohne amtliche Einwirkung beteiligen sich zahlreiche mächtige jüdische Finanzfirmen an allen Operationen, die Europas Ersparnisse der russischen Regierung zur Verfügung stellen, Ist da nicht die Frage berechtigt, ob jene Ratgeber, die eine deutsche Intervention zugunsten ihrer jüdischen Glaubensgenossen befürworten, nicht zunächst den Einfluß jener Finanzkräfte mobil machen sollten? Letztere haben nicht die Rücksichten zu nehmen, welche Regierungen zu beobachten haben, und wir glauben, daß, wenn sie einig vorgehen, ihr Wort einen stärkeren Klang haben wird als das vereinzelte eines diplomatischen Vertreters; jedenfalls einen metallischen Klang, für den man in St. Petersburg ein verständnisvolles Gehör besitzt. Der Vorschlag ist natürlich nicht neu, er ist im Gegenteil häufig genug erörtert worden. Aber jedesmal, wenn sich eine Gelegenheit ernster Betätigung zeigte, sind alle Vorsätze wie Schnee unter der Sonne zerronnen. Noch einmal: Wollen sich unsere jüdischen Mitbürger für das Schicksal ihrer Glaubensgenossen in Rußland interessieren, so bietet sich ihnen ein geeigneter Weg in der angedeuteten Richtung. Er ist einfacher und auch wirksamer. Daß ihnen die deutsche Regierung diese Einwirkung durch eine amtliche Intervention abnehmen sollte, dafür ist keine Aussicht vorhanden." Sogar in Frankreich entrüstet man sich. Der offiziöse „Temps" hat mit seiner Ansicht über jene Mordszenen in Bjelostok nicht zurückgehalten. Angesichts jener in der Nähe von Petersburg verübten Greuel bleibe nur die Wahl zwischen den zwei Annahmen, so lautet das Urteil in dem genannten Blatte, entweder hätten die Ortsbehörden wirklich die abscheuliche Rolle gespielt, deren sie ihre Gegner bezichtigen, oder durch ihre Ohnmacht gegenüber den Massen ihre völlige administrative Unfähigkeit bekundet. Weder das eine noch das andere könne ihnen zur Ehre gereichen. Aber wie dem auch sei, fest stehe, daß die Polizei in Bjelostok weder die Personen noch das Eigentum geschützt habe. Wer indessen ernstlich den öffentlichen Frieden schirmen will, findet überall dazu die geeigneten Mittel, namentlich dann, wenn er versichert, daß er etwaige Unruhen vorausgesehen habe. Die Behörden, welche entweder durch ihr Vorgehen oder durch ihre Unterlassungen gefehlt haben, sind demnach schuldig, und die Staatsregierung ist hierüber Rechenschaft vor der Duma abzulegen verpflichtet, da diese Duma doch nun einmal vorhanden ist. Der Verfasser des Tempsartikels möchte nun nicht gerade die Meinung derer vertreten, welche das Ministerium Goremykin der Begünstigung jener Greuel bezichtigen, indessen dem Vorwurf der Untätigkeit, der Trägkeit (inertie) jenen Schandtaten gegenüber können Goremykin und seine Ministerkollegen nicht entgehen. Allein es gibt in dem Leben der Völker Momente, in denen „Untätigkeit seitens einer Regierung gleichbedeutend mit Verräterei ist'. Das Endergebnis jener bemerkenswerten Betrachtungen des angesehenen gemäßigten Pariser Blattes lautet dahin, „daß die russische Regierung mit der Duma verhandeln müsse. Die Volksvertreter verabschieden, nachdem sie einmal einberufen, hieße eine fürchterliche Zukunft sehr bald herausfordern, ja sie geradezu vorbereiten! Von welchem Standpunkte aus man auch immer die Dinge beurteilen wolle, die gegenwärtige kaiserliche russische Politik ist die wahnsinnigste, die sich denken läßt! Jaures schreibt in der . Humanite*": „Frankreich ist zum großen Teil für die Bjelostoker Metzeleien verantwortlich. Die jüdische Finanz hat zusammen mit der christlichen Finanz dem Zaren tum die Mittel geliefert, weiter.zu leben und den russischen Juden das Messer ins Herz zu stoßen. Wann wird diese scheußliche Mitarbeit Frankreichs ein Ende nehmen? Es wäre anscheinend zu viel verlangt, wenn wir wollten, daß die Republik der ersten russischen Volksvertretung amtlich ihre Sympathien ausdrücke. Was viele europäische Parlamente getan haben, hat unseres noch nicht zu tun gewagt. Aber unterhalten wir wenigstens nicht mit französischem Golde die dauernde Verschwörung des Selbstherrschertums und seiner Bureaukratie gegen Freiheit und Leben des Russenvolkes!14 in den Sitzungen der österreichischen Delegation vom 21. und 22. ds. Mts. kamen die Judenmetzeleien in Rußland zur Sprache. Zuerst sprach anläßlich der Erörterung der auswärtigen Politik der Monarchie Abg. Dr. Straucher, der u. a. auch die Lage der Juden in Rumänien und in Rußland hervorhob. Er sagte: Über eine Angelegenheit aber, welche die ganze Kulturwelt bewegt, hat sich der Minister des Äußern in seinem Expose" wie in seinen wiederholten Ausführungen im österreichischen und in dem ungarischen Ausschusse, sowie auch der Berichterstatter, der ja eine freiheitliche Vergangenheit haben soll, gründlich ausgeschwiegen. Redner zitiert jene Artikel des Berliner Vertrages, in welchen Bulgarien, Serbien und Rumänien die volle Rechtsgleichheit aller Staatsbürger sowie die Gleichberechtigung der Angehörigen aller Konfessionen und Religionen zur Pflicht gemacht wird, und speziell den Artikel 43. der auf besondere Veranlassung der deutschen Delegierten und des Vorsitzenden des Kongresses, Fürsten Bismarck, aufgenommen wurde. Er gibt eine ausführliche Darstellung der Judenverfolgungen in Rumänien seit der Zeit des Pariser Kongresses. Die derzeitige Rechtlosigkeit der Juden in Rumänien sei ausschließlich eine Folge der Haltung der rumänischen Machthaber. Die Juden besitzen keine politischen Rechte, und die herrschende Klasse widersetze sich mit allen Mitteln der im Berliner Vertrage statuierten Emanzipation der Juden, weil damit das Ende ihrer Herrschaft gekommen wäre. Präsident: Ich möchte mir erlauben, den Herrn Delegierten darauf aufmerksam zu machen, daß ich selbstverständlich der Redefreiheit den weitesten Spielraum lasse. Ich möchte den Herrn Delegierfeji aber ersuchen, sich bezüglich dieser Angelegenheit, die doch nicht in die Tätigkeit der Delegation gehört, einiger Kürze zu befleißigen. Delegierter Dr. S trau eher: Ich muß darauf erwidern, daß die