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Die Welt · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 26 - die nur mit Hilfe der Juden den Liberalen im Landtage und in der Stadtverordnetensitzung erhalten bleiben. Gut, hier setze der Hebel ein! Do ut des! Wir stimmen in diesem Wahlkreis für euch, dafür gebt ihr jenen unserm jüdischen Kandidaten! Und wenn ihr Liberale nicht wollt, gut, dann werden es die andern wollen! Diese Politik auf der ganzen Linie innegehalten, bei jeder Stadtverordneten- und erst recht bei jeder Parlamentswahl zur Geltung gebracht, wird ihre Früchte tragen. Wie viele rheinischen Gemeinden z. B. sind es, wo die Liberalen nur mit Hilfe der Juden die Mehrheit in den Stadtparlamenten gegen Zentrum und Sozialdemokratie behaupten! Emanzipieren wir uns von diesem liberalen Gefolgschaftswahn, der uns nichts als Enttäuschungen und diese Karikaturen von Vertretern des Judentums gebracht hat! Der billige Vorwurf der Gesinnungslosigkeit soll uns weiter nicht stören. Wenn es den Liberalen nicht darauf ankommt, ihren Liberalismus dem Nationalismus und dem antisemitischen Kandidaten zuliebe aufzuopfern, brauchen wir mit unserm Liberalismus nicht haushälterischer zu sein. Und die jüdischen Kandidaten, die wir hereinbringen, werden es schon an Liberalismus nicht fehlen lassen. Und wenn einige freisinnige Sitze bei der Gelegenheit verloren gehen, so ist es wahrlich nicht schade. Diese Herren sind längst reif dafür. Wenn wir erst einmal jede jüdische Stimme zählen und für jeden jüdischen Wahlgroschen die Rechnung aufmachen, die Gegenrechnung, werden die Herren „Liberalen" schon etwas gefügiger KELT 13 werden. Das Parlament wird weder weniger demokratisch, noch weniger wert werden auf diese Weise. Ein paar'halbe Existenzen werden verschwinden und ein paar ganze mehr werden drin sitzen. Und was wichtiger ist: ein wichtiger und beträchtlicher Teil des deutschen Volkes wird im Parlamente vertreten sein, wird ein Ventil haben für seine Beschwerden und eine Plattform für seine Wünsche und wird imstande sein, freudig mitzuarbeiten an dem Wohle eines Staates, dem mit Lust und Liebe zu dienen ihm bisher nur allzu oft vergällt wurde. Julius Bär. Amn. d. Red.: Wir geben diesen Ausführungen gerne Raum, die eine interessante und beachtenswerte Frage anschneiden. Wir sind zwar mit der Problemstellung nicht einverstanden. Vom theoretischen Standpunkte ist die Frage, ob die Juden mit den Liberalen gehen oder die konservativen Parteien gegen die Liberalen stützen sollen, eigentlich" klar. Die Juden müssen schon kraft ihrer Stellung liberal sein und wählen. Aber im praktischen Leben hat das Wort „liberal" eine ganz andere Bedeutung. Daß der deutsche Liberalismus längst sich seiner demokratischen Prinzipien entäußert hat, beweist uns die Politik der Nationalliberalen. Die einzige Partei, die für die Juden auch prinzipiell eintreten könnte, ist die freisinnige. "Aber sie spielt im politischen Leben eine zu geringe Rolle, um ins Gewicht zu fallen. Die Sozialdemokratie kann sich und will sich nicht um jüdische Interessen kümmern. Wären die Juden in Deutschland so zahlreich wie in Rußland oder Österreich, dann wäre die Bildung einer nationaljüdischen Partei von selbst geboten. In Deutschland liegen aber die Sachen anders. Und deshalb ist es politisch nicht ratsam, eine „jüdische Partei" in Deutschland zu gründen, wohl aber dort, wo die Juden irgendwie die Majorität haben, gutjüdisch gesinnte Abgeordnete, denen die Interessen des Judentums am Herzen liegen, ins Parlament zu schicken. — — DIE LEHRE VON BJELOSTOK Die blutigen Ereignisse in Bjelostok sind erwiesenermaßen nach allen Regeln der Pogromkunst inszeniert worden. Auf die Bühne kamen Bomben, die jedoch keinen beschädigten, es tauchten Gerüchte von Schüssen auf, die aufv eine friedliche Menge, eine religiöse Prozession gerichtet worden seien. Zwar hat die gerichtliche Untersuchung noch lange nicht festgestellt, wen eigentlich diese Kugeln getroffen haben; es wird sich sicherlich herausstellen, daß es überhaupt keine Kugeln waren. Aber das ist ja unwichtig. Die an Pogromen interessierte Administration wird nie gestatten, daß die Untersuchungsbehörde den Tatsachen auf den frischen Spuren der Ereignisse allzu eifrig nachforsche. Dies würde dem ganzen geschlossenen, genau ausgedachten und ebenso genau ausgeführten Plan zuwiderlaufen. Es genügt für sie die Tatsache, daß die meisten Häuser in Bjelostok Juden gehören, um daraus den Schluß zu ziehen, daß man aus jüdischen Häusern geschossen hat. Man muß die Entstehung des Zusammenstoßes ja bloß durch die nationale Gehässigkeit erklären, um es klar zu machen, daß die Bomben von Juden geschleudert wurden. Rassenhaß, religiöse Unduldsamkeit, das ist die Unterlage, auf der die Künstler der Provokation ihre Blumen sticken und sie dann in alle Ecken und Enden von Rußland in der Form von Communiques der Regierung aussenden. In der Erinnerung aller ist noch das berühmte Regierungscommunique aus Schitomir vom Beschießen des kaiserlichen Bildes seitens der Juden. Was geht es die Regierung an, daß nach einem Monate dieselbe Behörde konstatieren mußte, daß diese ganze „Tatsache" nur eine provokatorische List war? Die Opfer der Provokation werden nicht mehr auferstehen, und der Hauptzweck ist erreicht. Die Telegraphenagentur verbreitet das Gerücht von einem ermordeten Geistlichen, von einem verstümmelten Pfarrer. In einigen Tagen wird ein notgedrungenes Dementi erfolgen (Anmerk. d. Red. Dieses Dementi ist bekanntlich bereits erfolgt), aber es wird zu spät sein. Denn ein neuer Pogrom ist das Werk nur eines Augenblicks, und dieser Augenblick ist benutzt. Der teufliche Plan ist gelungen, und dann mögen sie dementieren! Und das nennt man in der Sprache der Minister „eine starke Gewalt", den „Schutz der Ordnung", die „Wahrung der Grundlagen". Zu einem solchen offenbaren Cynismus waren nicht einmal die Großinquisitoren herangereift. Der Pogrom in Bjelostok ist systematisch vorbereitet worden. Diese Tatsache ist zweifellos. Nicht umsonst bemerkte man dort in der letzten Zeit eine liebe Einigung der Polizeibeamten mit den arbeitslosen Arbeitern, nicht umsonst verbreitet man dort verschiedene „patriotische" Aufrufe. Die „Beschützer des Vaterlandes" haben Feindschaft und Haß gesät und ernteten reichhaltig, die ganze Stadt ist mit Leichen bedeckt. Da gab es keine Gnade für hilflose Greise und schuldlose Säuglinge! Es stand wieder auf das allbekannte entsetzliche Bild von Kischinew, Odessa und den anderen 160 Punkte des „Pogromrayons" in seiner ganzen Nacktheit, und die „schwarzen Hundert" jubeln siegestrunken. Die Duma hat ihren einstimmigen Protest nach Kräften ausgedrückt. In diesem Proteste wurde von der großen Schande, die das Land bedeckt, und von der Notwendigkeit, sie abzuwaschen, gesprochen ..... Aber was bleibt der jüdischen Bevölkerung, die den Mördern preisgegeben ist? Wie kann man das Leben der schutzlosen jüdischen Frauen und Kinder retten, die Greise vor den Händen der Henker bewahren? Das ist die verhängnisvolle Frage, die keinen Aufschub duldet. Hier ist eine einmütige Abwehr nötig, die Anstrengungaller vorhandenen Kräfte des Landes. Für Brandstifter hat man strenge Gesetze erlassen, "für das Anzünden eines Gutes oder eines Heuschobers werden Menschen nach Sibirien geschickt, aber die Brandstifter menschlicher Leidenschaften, die in dem Menschen die tierischen Instinkte erwecken, treiben öffentlich ihre verbrecherische Tätigkeit undgenießen den hohen Schutz der Behörden. Es fällt die Rente, es sinkt der Kurs auf der Börse. Seht Euch an, was vorgeht, und Ihr werdet den eigentlichen Sinn der Ereignisse begreifen! Nicht die Rente fällt, das Land fällt in einen tiefen Abgrund. Nicht der Kurs an der Börse sinkt, es sinkt der Kurs des Menschen, es sinkt das Niveau des Gewissens und es naht die Gefahr, daß dieses Niveau bis zum Nullpunkte sinken wird. Was ist die Lava des Vesuvs im Vergleiche mit der zerstörenden Kraft, die sich über die Pogromrayons ergießt? Was ist das Erdbeben in Kalifornien gegenüber der Macht des „Volksbebens", das vor unseren Augen beginnt oder vielmehr schon begonnen hat? Es ist schwer, in einem solchen Momente Maßnahmen vorzu-

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