Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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14 DIE^EELT No. 26 schlagen. Aber eines muß für alle klar sein. Alle kämpfenden Parteien müssen sich vereinigen zu einer gemeinsamen Abwehr. Die Reaktion hat sich schon längst geeinigt, sie hat keine Nuancen, sie ist festgefügt! Dumamitglied Sch. Levin („Rjetsch"). Eine historische Dumasitzung Die Sitzung der Duma am 22. ds. war im gewissen Sinne eine historische. Es wurde zum erstenmale vor der russischen Öffentlichkeit die Judenfrage aufgerollt. Während den Debatten stellte sich heraus, daß die Majorität der Duma für die Emanzipation der Juden ist. Nur die Konservativen, wie Fürst Wolkonsky und Graf Heyden, äußerten ihre Bedenken und verlangten, daß die Frage langsam und vorsichtig behandelt werde. Zu dieser Frage sprachen unter anderm auch Dr. Schmarje Lewin; er erklärte, eine Judenfrage gebe es außer in Rußland nur noch in Rumänien; es sei notwendig, daß Rußland in dieser Angelegenheit Frankreich, England und Deutschland ähnle, nicht aber Rumänien. Er schließt mit den Worten: „Ich bin Jude, ich habe nicht das Recht, in der Hauptstadt zu weilen; ich werde sofort nach Schluß der Sitzungsperiode der Reichsduma davongejagt werden." Ihren Gipfelpunkt aber erreichte die Sitzung in der Rede, oder vielmehr den Enthüllungen des Fürsten Urussow, die wir im Auszüge wiedergeben. Fürst Urussow, der frühere Ministergehilfe des Inneren, ergriff das Wort zur Beantwortung der Ausführungen des Ministers des Inneren Stolypin über die Tätigkeit der Behörden. Er sagte: Meine Herren Abgeordneten! Ich habe um das Wort gebeten, um Ihnen einige Erwägungen anläßlich der Interpellation der Duma und der Antwort des Ministers vorzubringen. Ich glaube, daß wir die Nachricht von einer geheimen Druckerei, die in den Räumen des Polizeidepartements Proklamationen druckt, die das Volk zum Bürgerkriege aufstacheln, nicht als eine Frage der Vergangenheit, die uns nur insofern interessieren kann, als wir die Schuldigen zur Verantwortung ziehen können, betrachten dürfen, sondern als eine höchst beunruhigende Frage, ob auch fernerhin die Regierungsbeamten sich an der Vorbereitung dieser blutigen Ereignisse beteiligen werden, die das Entsetzen aller hervorrufen, denen das Menschenleben teuer ist und dieWürde Rußlands am Herzen liegt... Die genaue Erforschung der sogenannten Pogrome stellt den Untersuchenden Erscheinungen gegenüber, die sich immer wiederholen und sich gleich bleiben. Zuerst werden Gerüchte über die Vorbereitung des Pogroms verbreitet, aufreizende Proklamationen unter der Bevölkerung verteilt, die dem Stile und dem Inhalte nach ein einheitliches Gepräge tragen, es erscheinen wie Sturmmöven unbekannte Vertreter der Hefe der Bevölkerung* Ferner wird gewöhnlich der bei der Entstehung des Pogromes offiziell angekündigte Anlaß später als falsch erwiesen. Die Tätigkeit der Pogromanstifter weist eine gewisse Planmäßigkeit auf, die ihnen den Charakter der zufälligen elementaren Erscheinung nehmen. Die Hooligans handeln im Bewußtsein irgend eines Rechtes, im Bewußtsein der Straflosigkeit, und zwar solange, bis dieses Bewußtsein erschüttert wird, worauf der Pogrom rasch und leicht unterdrückt wird. Ferner ist auch die Haltung der Polizei immer verschieden, und während in einigen Polizeirevieren sämtliche Häuser demoliert werden, trotz der Anwesenheit der Polizeigewalt, werden die übrigen Reviere dank der energischen Tätigkeit einiger Polizeibeamten vom Pogrom verschont. Schließlich wird der Pogrom unterdrückt, Verhaftungen werden vorgenommen und die Amtspersonen, die die Verhafteten besuchen, bekommen den Eindruck, daß vor ihnen nicht Verbrecher, sondern von irgendwem Betrogene, verblendete Menschen stehen. Somit spürt man, daß dahinter eine einheitliche, weitverzweigte Organisation stehe. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß die Frage dadurch klar wird, daß man diese Organisation eine gouvernementale nennt. Aber der- Irrtum ist nicht ganz grundlos, und die Ereignisse des vergangenen Winters, die den Anlaß zu unserer Interpellation gegeben haben, werden uns die Möglichkeit geben, uns über diese in Nebel gehüllten und auch ohnedies dunklen Affairen Klarheit zu verschaffen. Im Januar 1906 fiel einem der hohen Beamten des Ministeriums des Innern, der als Gegner der Pogrompolitik bekannt war — ich spreche nicht von mir — eine ganze Reihe von Proklamationsmustern, die in großen Massen in den Hauptstädten Süd- und Westrußlands verbreitet wurden, in die Hände, und gleichzeitig gingen auch Beschwerden ein mit dem Hinweise darauf, daß in Wilna, Bjelostok, Kiew, Nikolajew, Alexandrowsk und in andern Städten Pogrome vorbereitet würden. Der Januarpogrom in Hornel bewies, daß diese Befürchtungen nicht grundlos waren und veranlaßte die obenerwähnte Persönlichkeit, alle Mittel anzuwenden, um weitern Pogromen vorzubeugen, was auch gelungen ist. Dabei klärte sich zum Teil das Bild der Tätigkeit der Pogromkünstler auf. Eine Gruppe von Personen, die gewissermaßen die Kampforganisation einer unserer „patriotischen Gruppen" im Bunde mit einigen Personen, die der Redaktion einer nicht Petersburger Zeitung nahestehen, unternahm den „Kampf gegen die Revolution". Da sie „Patrioten" waren und „wahrhaft russische" Männer, so erblickten sie die Ursache der Unruhen in den Fremden, in den Bewohnern der Randgebiete und des jüdischen Ansiedlungsrayons. Die russische Bevölkerung, besonders aber die „wirklich-russischen"Soldaten, wurden zur Abrechnung mit den Meuterern in 10 000 Proklamationen des empörendsten Inhaltes aufgefordert. Diese Proklamationen wurden von den Mitgliedern dieses Bundes in die verschiedenen Ortschaften gebracht, verläßlichen lokalen Mitgliedern anvertraut, die ihrerseits diese Proklamationen vorsichtig verbreitet haben. Die Folgen waren vom Standpunkte der Wahrung der Einheit der Macht ganz originelle. Der Gehilfe des Polizeimeisters z. B. verbreitete auf eigene Faust, ohne daß sein Vorgesetzter davon etwas wußte, Aufrufe, oder ein Pristaw wurde ins Vertrauen gezogen, während der andere der Sache fernblieb.......Die Polizeibeamten glaubten ganz aufrichtig, daß die Maßregeln der Regierung gegen die Pogrome nur zum Scheine ergriffen würden, und daß ihnen die wirkliche Absicht der Regierung bekannt sei. Sie lasen zwischen den Zeilen, und die Stimme des Befehles des Gouverneurs wurde von einer anderen Stimme aus der Ferne, der sie mehr glaubten, übertönt. Inzwischen begann in Petersburg schon im Herbste 1905 im Hause Nr. 16 in der Fontanka in einem der entlegensten Zimmer des Polizei departements. eine Buchdruckermaschine, die auf Kosten der Regierung angeschafft wurde, zu arbeiten. An die Maschine wurde ein Gendarmerieoffizier in Zivilkleidern, Komissarow, gestellt, der mit einigen Gehilfen die Vorbereitung der obenerwähnten Proklamationen eifrig betrieb. Die ganze Sache war so geheimnisvoll, daß nur wenige im Departement selbst davon wußten. Indessen ging die Arbeit der Gesellschaft rüstig vor sich, denn auf die Frage einer Persönlichkeit, die zufällig yon der Organisation erfahren hatte, wie die Arbeiten gehen, antwortete Komissarow: „Wir können nach Belieben jeden Pogrom veranstalten, auf 10 Personen oder auf 10 000 Personen." Meine Herren, diese Phrase ist eine historische. Ich bringe den Herren Deputierten von Kiew zur Kenntnis, daß für den 3. Februar in Kiew ein Pogrom auf 10 000 arrangiert werden sollte, aber rechtzeitig vereitelt wurde." (Große Bewegung im Saale.) Fürst Urussow kam im Verlaufe seiner ferneren Rede zu dem Schlüsse, daß keine gesetzliche Tätigkeit und Ordnung in Rußland möglich sei, solange die dunkle und verderbliche Macht der Kamarilla ungebrochen dastehe. Fürst Urussow, der diese Enthüllungen in der Reichsduma über die Urheber der Judenhetzen machte, war zu Anfang dieses Jahres Gehilfe des Ministers des Innern. Als solcher wurde er vom Grafen Witte beauftragt, wegen der in der Druckerei der Petersburger Stadt-