Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIEE^KELT No. 26 werden scheint, daß auf eine judenreine Session eine verjudete (vergleiche die Zusammensetzung der beiden freisinnigen Parteien) folgt. Was hat das Judentum von diesen auf dem Schacherwege eingehandelten Vertretern zu hoffen? Sie schweigen still bei den Ausweisungsdebatten und reißen ihren Mund auf bei der Entscheidung der für das Judentum so eminent wichtigen Frage, ob für christliche Kinder simultaner oder konfessioneller Unterricht vorzuziehen ist. Weder im Reichstage noch im preußischen Landtage ist es dem jüdischen Abgeordneten gelungen, sich auch nur das Maß persönlicher Hochachtung zu erringen, das verhindern würde, daß sich die Parlamente die verlogensten und gemeinsten Niederträchtigkeiten antijüdischer Maulhelden gefallen lassen. Daß die Herren da, wo sogar ein preußischer Justizminister einsehen muß, daß den Juden Unrecht geschieht, sich in schönen Reden ergehen, kann über ihre absolute Bedeutungslosigkeit und über ihren furchtbaren Mangel an Selbstachtung nicht hinwegtäuschen. Tatsächlich hat das „mannhafte" Auftreten der jüdischen Abgeordneten bisher ja auch nicht ein Quentchen an der gesetzlosen Behandlung der preußisch-deutschen Juden geändert. Wenn die Herren bei einer solchen gefahrlosen Gelegenheit den Mund nicht auftäten, würde man sie vielleicht auch in jüdischen Kreisen als Antisemiten betrachten, und das ist bei der gegenwärtigen Qualität der antisemitischen Parteien doch etwas zu kompromittierend. Das Judentum hat von diesen Männern absolut nichts zu erwarten. Sie sind weder willens noch imstande, seine Lage zu bessern, da ihr ganzes Bestreben als das konsequenter Assimilanten darauf gerichtet ist, das Judentum verschwinden zu machen, oder was dasselbe ist, es zugrunde zu richten. Auch die Achtung vor dem Judentum wird durch das Verhalten dieser Juden nicht vermehrt werden. Ihr ganzes Auftreten nützt nicht nur dem Judentum gar nichts, sondern ist vielmehr geeignet, es in seinen wichtigsten Interessen auf das allerschwerste zu schädigen. Daß unter solchen Umständen das Verlangen nach einer politischen und parlamentarischen Vertretung der deutschen Juden laut wird, sollte schließlich auch in der Redaktionsstube des Familienblattes in Hamburg nicht wundernehmen. Die bestehenden Parteien sind für die Juden irrelevant. Sie haben viel Wichtigeres zu tun, als den Juden die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und sie sind viel zu klug, um nicht mit der Abneigung gegen die Juden zu rechnen und sich dem Vorwurfe auszusetzen, daß sie jüdischen Interessen dienten. Und schließlich können sie ja auch nichts dafür, daß die Juden nicht selbst auf die Schanze treten, daß die Juden glauben, es genüge, ihr Geld an die Parteikasse abzuführen, um sich die Parteien willfährig zu machen, und daß sie auf die deutlichsten Winke ä la Lenzmann und Kopsch nicht reagieren; außerdem ist ja wirklich das jüdische Geld nicht zu verachten, wenn es nämlich der Partei gehört. Und doch liegt es auf der Hand, daß eine eigene Vertretung der deutschen Juden nicht nur den Juden, sondern auch den anderen Parteien und am Ende dem ganzen Staatsorganismus förderlich wäre. Nehmen wir die Juden als Religionsgemeinschaft, dann ist nicht abzusehen, warum ihnen weniger eine eigene Vertretung zukommt als den Katholiken. Und nehmen wir sie als Gemeinschaft irgendwelcher andern Art, sei es einer auf der gemeinsamen Abstammung, sei es einer auf der gemeinsamen Geschichte beruhenden, ist wiederum kein Grund da, ihnen ein Recht zu verweigern, das man den Polen und Dänen ohne weiteres zugesteht. Zwar wird man demgegenüber die bekannten Melodien wieder hören, die wir immer vernehmen, wenn es sich um irgendwelche jüdischen Gelüste handelt, „daß das deutsche Vaterland genugsam zerklüftet sei, daß es nicht Aufgabe der Juden sein könne und dürfe, die bestehenden Sonderungen zu vermehren". Nun bin ich zwar der Ansicht, daß es bisher noch niemanden gelungen ist, den Nachweis dafür zu erbringen, daß die religiösen, nationalen und politischen Verschiedenheiten der Bevölkerung und Parteien dem Deutschen Reiche irgendwie geschadet hätten, und der Beweis, daß das Gegenteil der Fall "ist, dürfte ohne große Mühe aufzustellen sein. Ich vermag auch nicht einzusehen, warum das, was so ziemlich sämtlichen Parteien Deutschlands, von der liberalen bis zur konservativen, recht war, nämlich sich in neue Parteien zu trennen, den Juden nicht billig sein dürfte. Aber ich würde den bestehenden Zustand als einen annehmbaren anerkennen, wenn nicht die anderen Parteien die Notwendigkeit, sich hier und da einmal auch mit den Juden zu beschäftiget, allgemein als unangenehme Last betrachteten und demzufolge "sich davon möglichst zu drücken versuchten. Eine eigene jüdische Partei würde die anderen Parteien dieser Verpflichtung entheben. Diese Partei, die berufen und verpflichtet wäre, die Interessen der jüdischen Bevölkerung wahrzunehmen, würde auch über die Sachkenntnis verfügen, die den anderen Parteien in dieser Richtung natürlich abgeht, und die fast ebenso natürlich heute auch den jüdischen Mitgliedern dieser Parteien mangelt. Die jüdische Gruppe, die die sehr in Betracht kommende gesamte jüdische Bevölkerung Deutschlands hinter sich hätte, würde natürlich in ganz anderem Maße, als dies den gegenwärtigen jüdisch-freisinnigen Abgeordneten möglich ist, den berechtigten Wünschen der jüdischen Bevölkerung den gebührenden Nachdruck zu verleihen imstande sein und sich und den Juden schon die Achtung erwerben, die man ihnen heute, ach so gerne, entzieht Aber auch in anderer Beziehung würde eine eigene Jüdische Partei segensreich wirken. In immer steigendem Maße zieht sich heute das gebildete Judentum von der Politik zurück, weil allmählich, langsam aber sicher, die Verärgerung über die Zurücksetzung, die den Juden in den Parlamenten und bei den Regierungen begegnet, immer weitere Kreise ergreift. Sie sehen keinen Weg, der ihnen ihre Rechte garantierte, sie sehen keine Partei, die außer ihrem Gelde und ihrer Stimme etwas mehr von ihnen verlangte. So bleiben sie, schmollend und angeekelt, draußen stehen und gehen der Politik und den Parteien verloren. Es ist aber kein Zweifel, daß es nicht von Nachteil für die Parlamente wäre, wenn das ungewöhnlich hohe Maß von Intelligenz und Idealismus, das in diesen Kreisen steckt und das um 1848 das deutsche Parlament so interessant machte, wieder in ihnen vertreten wäre. Für die Juden kommt aber noch eines in Betracht. Heute üben sie Einfluß auf die Parteien fast nur mehr aus kraft ihres Geldes. Weil man die jüdischen Vermögen braucht, um die Wahl- und Sessionskosten zu bestreiten, deshalb sitzen heute im preußischen Abgeordnetenhause 7 Juden. Inzwischen sind aber die Diäten gekommen, und zweifellos wird dadurch die Situation gändert. In Zukunft wird den Liberalen das jüdische Geld zwar noch willkommen, aber nicht mehr notwendig sein, und mittlerweile wird die „Judenschutztruppe" mit Wollust diese Gelegenheit benutzen, sich einer Pression zu entledigen, die sicher nicht für die Partei von Nutzen war. Und auf wen dann der „Verein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens" und die Logen einen Druck ausüben wollen, bleibt vorläufig schleierhaft, und eine evtl. Drohung mit der Schwenkung zur Sozialdemokratie würde heute auch nicht mehr verfangen. Wenn die Juden Deutschlands wollen, daß sie in den Parlamenten vertreten sind, wenn sie wollen, daß ihnen nur ein Teil des Einflusses verbleibe, der ihnen kraft ihrer Anzahl und ihrer wirtschaftlichen und geistigen Stärke zukommt, wenn sie wollen, daß sie nicht schon in ein paar Jahren von der Mitarbeit an der Staatsmaschine ganz und gar ausgeschlossen sind, dann müssen sie sehen, daß sie eine Vertretung in den Parlamenten erhalten, jüdische Vertreter, die als Juden gewählt werden. Nun kommt aber ein anderes: Die Juden wohnen in Deutschland so zerstreut, daß sie nirgends so stark sind, um durch ihre Zahl die Wahl von jüdischen Abgeordneten zu erzwingen. Auf sich allein angewiesen, werden die deutschen Juden auch nicht einen der Ihrigen ins Parlament entsenden können. Wohl aber können sie ein Zweites: Wie wählen denn heute die deutschen Juden? Wenn sie jung sind, sozialdemokratisch oder gar nicht, wenn sie alt werden, kritiklos demokratisch, freisinnig, nationalliberal. Diese Parteien wissen ganz genau, daß ihnen die jüdischen Stimmen unter allen Umständen gehören, daß andere Parteien für die Juden absolut nicht in Frage kommen. Sie haben daher auch gar keine Ursache, den Juden irgendwie besonders lebhaft nachzulaufen, ihnen Versprechungen zu machen, sich ihnen gegenüber zu verpflichten. Die Juden gehören ihnen, kommen von selbst zu ihnen, ohne weiteres, unter allen Umständen. Wie aber, wenn man da den Hebel einsetzte? Warum z. B. wird das Zentrum bei den Juden so perhorresziert? Weil es katholisch ist? Sind denn die Protestanten judenfreundlicher? Ist Sachsen etwa katholisch? In diesem Punkte wird es sicher den Vergleich mit den Nationalliberalen aushalten können. Also warum? Man würde nicht gerecht urteilen, wenn man den antisemitischen Stimmen im Zentrum mehr Gewicht beilegte als den antijüdischenÄußerungen und Taten Nationalliberaler, Freisinniger und — sozialdemokratischer Politiker und Parteiorgane. Wer stellt grundsätzlich keine Juden an? Die großindustriellen Betriebe Deutschlands, der Hort der nationalliberalen Partei. Aber wie hat einmal ein bekannter Zentrumsmann gescherzt? „Ich verstehe nicht, warum die Juden liberal wählen, wir vom Zentrum sind doch auch Antisemiten!" Und wahrhaftig, der Witzstimmt. Vom jüdischen Standpunkte aus ist das Zentrum, das aus wohlverstandenem Interesse für die Freiheit jeder Religionsübung eintreten muß und wird, vielleicht noch vorzuziehen. In dem Augenblicke, wo die Juden ihren Wahlzettel wägen, wo die Juden ihre Chancen ausspielen und ihre Macht zur Geltung bringen, in dem Augenblicke ist die Situation anders. Es gibt Wahlkreise genug, wo die Juden den Ausschlag geben zwischen der einen und der anderen Partei, Wahlkreise und Städte genug,