Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Beamten wurde in diesem Dekret bestimmt. Der Zusammentritt der jüdischen Notablenversammlung in Paris wurde in der Folge aus verschiedenen Gründen auf den 26. Juli verschoben. Am 22. Juli aber wurden die bekannten zwölf Fragen formuliert, die der Versammlung zur Beantwortung vorgelegt werden sollten. Im Zusammenhang mögen sie hier nochmals wiedergegeben werden: 1. Ist es den Juden erlaubt, mehrere Frauen zu heiraten? 2. Ist die Ehescheidung vom jüdischen Gesetz erlaubt? Ist die Ehescheidung gültig, ohne daß sie von den Gerichtshöfen ausgesprochen würde und in Kraft von Gesetzen, welche mit denen des französischen Gesetzbuches in Widerspruch stehen? 3. Kann sich eine Jüdin mit einem.Christen verheiraten, und eine Christin mit einem Juden? oder verlangt das Gesetz, daß die Juden nur untereinander heiraten? 4. Sind die Franzosen in den Augen der Juden ihre Brüder oder sind sie für sie Fremde? 5. Welches sind in beiden Fällen die Beziehungen, welche ihnen ihr Gesetz gegenüber den Franzosen, die nicht von ihrer Religion sind, vorschreibt? 6. Betrachten die Juden, welche in Frankreich geboren sind und vom Gesetz als französische Bürger betrachtet werden, Frankreich als ihr Vaterland? Sind sie verpflichtet, es zu. verteidigen? Sind sie verpflichtet, den Gesetzen zu gehorchen und allen Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuches nachzukommen? 7. Wer ernennt die Rabbiner? 8. Welche Polizeigewalt üben die Rabbiner unter den Juden? Welche gerichtliche Polizei kommt ihnen zu? 9. Sind diese Formen der Wahl, der Polizei- und gerichtlichen Gewalt durch ihre Gesetze bestimmt, oder sind sie mehr durch Herkommen eingeführt? 10. Gibt es Berufsarten, welche das Gesetz der Juden ihnen verbietet? 11. Verbietet das Gesetz der Juden, ihren Brüdern gegenüber Wucher zu treiben? 12. Verbietet oder erlaubt es ihnen, den Fremden gegenüber Wucher zu treiben? Man sieht es dieser Fragestellung anf daß der Kaiser, der noch in seinem Dekret vom 30. Mai eine sehr harte Sprache gegen die Juden führt, unterdessen von gebildeten und angesehenen Juden erheblich milder gestimmt wurde. Diesen Personen, die das Ohr Napoleons gefunden hatten, lag aber auch daran, die Judenfrage durch das Allheilmittel Assimilation endgültig und befriedigend zu lösen und gleichzeitig ihren Wunsch nach „Läuterung des Judentums", wie er im Streben der damaligen Zeit lag, befriedigt zu sehen. Die oberflächliche Kenntnis des Judentums, die der Kaiser in seinen Erlassen verriet und die auch im „Moniteur" prangte, wird wohl aus diesen Kreisen gekommen sein. Das jüdische Parlament wurde somit am 26. Juli, an einem Sonnabend, feierlich eröffnet. Auf Wunsch der italienischen Juden hatte Napoleon am 22. Juli beschlossen, für die jüdische Notabeinversammlung auch Vertreter aus Italien zuzulassen. Das war insofern von großem Nutzen, als gerade aus Italien manche tüchtige Männer kamen, die jüdisches und allgemeines Wissen in sich vereinigten. Der Hervorragendste unter ihnen war unstreitig Abraham Vita di Cologna, ein Mann von rabbinischer und wissenschaftlicher Bildung und ein glänzender Redner. Zum Präsidenten der Versammlung wurde Abraham Furtado gewählt, der sein Amt sehr geschickt und würdevoll ausübte. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß die Vertreter der französischen und italienischen Juden auf alle vom Kaiser ihnen vorgelegten zwölf Fragen, mit Ausnahme der überaus heiklen Frage der Mischehe, eine befriedigende und gewiß aufrichtige Antwort geben konnten. Was die Sache der Mischehen betrifft, die Gegenstand einer heftigen Kontroverse in einer zur Prüfung dieser Frage eingesetzten Kommission war, so einigte man sich schließlich auf ein Kompromiß, wonach die Rabbiner eine Mischehe nicht religiös einsegnen durften, aber sie auch nicht anfechten sollten. Das Synedrion hat später diesem Beschluß eine präzise Form gegeben. Große Gedanken sind in diesem unter eigenartigen Umständen zusammengekommenen jüdischen Parlament allerdings nicht besprochen worden. Die pathetischen Reden erhoben sich nicht viel über das Niveau der wohlklingenden Phrase. Aber auf den Kaiser und seine Umgebung schien die Versammlung einen sehr guten Eindruck gemacht zu haben. Sie gewann vollends seine Sympathien, als am 15. August sein Geburtstag in sehr schwungvollen Reden gefeiert wurde. Sehr geschmackvoll und würdig waren diese Reden freilich nicht immer. Am besten war noch die Rede Sinzheims, der Napoleon mit Cyrus, dem Befreier der Juden aus Babylon, verglich. Hingegen verstieg sich der Rabbiner Josua Benzion Segre" aus Italien zu den folgenden Worten: „Es ist doch nicht ein Traum! rufe ich aus. Es ist in Wahrheit ein übernatürliche r Genius auf Erden erschienen, umgeben von einer Größe und einem unendlichen Ruhme. Mit den Himmelswolken war die Gestalt des Menschensohnes sichtbar geworden, die bis zum seit Ewigkeit Seienden gelangte, und vor ihm blieb!" Dieser letzte Satz aus Daniel 7. 13. wird seit jeher von Juden und Christen messianisch gedeutet, von ersteren auf den kommenden, von letzteren auf den bereits erschienenen Messias. Jedenfalls war die Anwendung der dunkeln Worte auf Napoleon eine arge Weihräucherei. Dem großen Eroberer gefielen sie aber, und bald kam er auf den Gedanken, der ihm wahrscheinlich ebenfalls von Juden zugeflüstert wurde, in Paris das große Synedrion einzuberufen, welches die Beschlüsse der Notabelnversammlung sanktionieren sollte. Um den Juden sein Wohlwollen kundzugeben, ordnete er an, daß das Synedrion die Formen der ehemaligen höchsten politischen und religiösen Behörde in Jerusalem erhalte. Er wollte, daß die französischen Juden fortab Frankreich als ihr Jerusalem betrachteten. Welche Vorstellungen man damals in der Umgebung Napoleons auch nur von der Zahl der europäischen Juden hatte, ersehen wir aus folgender Stelle im kaiserlichen Dekret vom 23. August, die lautet: „Aber das Recht der religiösen Gesetzgebung kann keinem einzigen zustehen; es muß von einer gesetzlich und frei vereinigten Versammlung von Juden ausgeübt werden, welche in ihrer Mitte spanisch-portugiesische, italienische, deutsche und französische Juden zählt und die Juden von mehr als drei Vierteln von Europa.repräsentiert." Damit man übrigens über den wahren Wert des Synedrions nicht im Zweifel sei, möge man die erläuternden Noten lesen, welche diesem Erlaß beigefügt wurden. Kaiser Napoleon pflegte manches-* mal anzuordnen: „N. N. sei vor ein Kriegsgericht zu stellen, zu verurteilen und binnen 24 Stunden zu füsilieren." So ähnlich lauten die bereits am 23. August 1806 dem Synedrion vorgeschriebenen Antworten auf die zwölf Fragen. Es heißt immer: Das große Synedrion muß usw." Charakteristisch ist die Formulierung der Antwort auf die Frage 3: „Das große Synedrion muß erklären, daß die religiöse Heirat nur dann stattfinden darf, nachdem sie von der bürgerlichen Behörde ausgesprochen worden ist, und daß Juden oder Jüdinnen Franzosen oder Französin neu heiraten dürfen. Dasgroße Synedrion muß sogar diese Verbindung als ein Mittel des Schutzes und der Konvenierung für das jüdische Volk empfehlen." Indessen, muß zu Ehren dieser Körperschaft, die am9.Februar 1807 zu Paris zusammentrat und den würdigen David Sinzheim zu ihrem ersten Präsidenten wählte, gesagt werden, daß sie den Mut fand, gerade in diesem wichtigen Punkt Napoleons Wünschen nicht zu entsprechen. Das Synedrion beschloß ganz richtig, daß in Frankreich und Italien keine Ehe giltig sei, die nicht zuvor standesamtlich geschlossen wurde. In der offiziellen hebräischen Obersetzung wurde freilich eine kleine Änderung dieses Absatzes vorgenommen,