Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 — DIE3 einigen Jahren in Jerusalem und kam mit einem Tischler, der im Hofe von Kaimnitz Hotel arbeitete, ins Gespräch. Es stellte sich heraus, daß beide aus einer russischen Stadt waren, und Sarasohn benutzte die Gelegenheit, einige Einblicke in Jerusalemer Verhältnisse zu tun. Der Tischler verdiente „einen halben Napoleon (8 Mark) die Woche" und versicherte auf Sarasohns erstaunte Frage, daß er glücklich wäre, wenn er immer „so viel" verdiente. Es reichte vollständig zum Unterhalt seiner Familie. Seitdem mögen die Preise für Lebensmittel etc. in Jerusalem gestiegen sein, wie sie in Jaffa sicherlich gestiegen sind. Aber an anderen Orten hat sich wenig geändert, und vielfach ist die Lebenshaltung eine noch viel niedrigere. So fanden in Saida (dem alten Sidon, der nördlichsten Küstenstadt Palästinas) neuere Besucher folgende Lage der dortigen jüdischen Bevölkerung von ca. 800 Seelen. Die meisten Bewohner hatten einen Wochenverdienst von 4—5 Francs per Familie! Der bestgestellte unter den Juden Saidas verdiente bis zu zwei Francs per Tag. Ich selbst sah dort vor zwei Jahren Frauen an der Arbeit, die einen Piaster per Tag (ca. 18 Pfennige) und sogar eine alte Frau, die mit dem Aufwickeln von Seidenabfall einen halben Franc per Woche verdiente! Wenn wir also durchschnittlich selbst 10 Francs wöchentlich für eine Familie von fünf Köpfen oder dementsprechend ca. 100 Francs pro Kopf und Jahr als eine Art Lebensminimum ansehen wollen, so würde die aschkenasische Chaluka Jerusalems allein zwanzigtausend Seelen direkt erhalten können. Nun ist zwar bekannt, daß die Verteilung der Chaluka eine recht ungleichmäßige ist, aber andererseits verzehren die Chalukaempfänger doch nicht das erhaltene Geld, sondern müssen es für Nahrung, Kleidung usw. an Kaufleute, Gewerbetreibende etc. weitergeben, und von einem Umsatz von zwei Millionen Mark leben im Orient Tausende von „Kleinen Leuten". Dieser Umsatz wird noch um mehr als die Hälfte erhöht durch die Einkünfte der Institutionen, die ihrerseits wieder Leute versorgen, Beamte unterhalten etc. Es ist aber — in mehr als einer Hinsicht — nicht nur eine Frage des Geldes. Nicht das ist die Hauptsache, daß die „Schnorrer Jerusalems" alle zwei Jahre mehr Geld „zum Verleben" erhalten als alle zionistischen Fonds in neun Jahren zu verwalten bekamen. Die Hauptsache ist vielmehr — außer der Opferfreudigkeit der Geber (auf diesen Punkt komme ich noch zurück) — die starke jüdische Position, die nur durch die Chaluka gewonnen werden konnte. [ELT - No. 26 Es ist ganz klar, daß ohne Chaluka keine zwanzigtausend Juden in Jerusalem wären. Weniger klar ist, ob eine jüdische Chaluka-Majorität Jerusalem zu einer starken Position für uns macht, und das soll nun betrachtet werden. Neben den zirka 45000 Juden Jerusalems schätzt man die Anzahl der Mohammedaner auf 7000, die der Christen, die noch in zahllose Sekten und Nationalitäten zerfallen, auf 13000. Es ist wahr, daß die christlichen Institute, Kirchen, Klöster und Schulen sich viel stattlicher ausnehmen als die meisten jüdischen Anstalten etc. Jerusalems. Es ist nicht zu leugnen, daß die christlichen Nationen von ihren respektiven Konsulaten moralisch und wirtschaftlich viel besser gestützt werden als die Juden. Und die türkische Herrschaft ist etwas so Selbstverständliches und Notwendiges, daß sogar an den heiligsten Stätten der Christenheit türkisches Militär darüber wachen muß, daß die verschiedenen Auslegungen der Religion der Feindesliebe sich nicht in die Haare geraten. Aber die wirtschaftliche Suprematie haben die Juden doch errungen und sichern sie sich mehr von Tag zu Tag. Mögen die Russenbauten noch so stolz dreinschauen, und mag uns auch ab und zu von irgend einer Kirche oder Sekte eine kleine Position genommen werden, — Jerusalem ist der wundervoll uneinigen Christenheit heute mehr verloren als je, und was die eisenrasselnden Kreuzritter nicht für die Dauer halten konnten, das haben — dank jenem Zeichen jüdischer Opferfreudigkeit, das man Chaluka nennt — die schmachtlockigen Streimeljuden Jerusalems in Besitz nehmen können. Vor allem die russische Politik der letzten Epoche, die ihr Banner in Jerusalem aufpflanzen wollte, und einstweilen zu Hause die Juden schlug — diese russische Politik ist von ihren eigenen Opfern, die im türkischen Jerusalem ein Asyl gefunden haben, zunichte gemacht geworden. Jerusalem nimmt jährlich um Tausende jüdischer Seelen zu, die sich aus der natürlichen Vermehrung der bereits Ansässigen, aus allgemeiner oder spezieller Europamüdigkeit der unter christlichen Nachbarn lebenden Juden rekrutieren. Vorstadt reiht sich an Vorstadt, die jüdischen Quartiere werden immer stattlicher gebaut, die Proportion des christlichen Einflusses weicht immer mehr vor dem Vordrängen des jüdischen zurück, und was die Christen durch ihre reicheren Mittel zu wirken versuchen, überbieten wir dreifach durch unsere stärkere Zahl, durch die Tatsache einer starken Majorität, die überall sonst gegen uns in Anwendung gebracht wird. DAS JUDISCHE PARLAMENT 1806 (Eine Hundertjahr-Erinnerung) Von Dr. S» BERNFELD In der Nacht vom 3. zum 4. August 1789 hat die französische Nationalversammlung die „Menschenrechte" verkündet. Es kam dies unerwartet und impulsiv, es sah beinahe wie eine Maskerade aus. Der bekannte deutsche Schwärmer Anacharsis Cloots kam, wie es damals in der französischen Volksvertretung üblich war, an der Spitze einer Deputation in die Versammlung, um sie für die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit durch eine feurige Ansprache zu begeistern. Es wurden von verschiedenen Seiten pathetische Reden gehalten, und nachdem die Gemüter genügend erhitzt waren, wurden die von Cloots vorgeschlagenen „Menschenrechte" unter großem Jubel angenommen. Hippolyte Taine behauptet allerdings, daß die meisten Mitglieder der Versammlung am nächsten Tage nicht gewußt hätten, was dieser Beschluß bedeutete und welche Tragweite er hätte. Es wurde auch später von hervorragenden Mitgliedern der Nationalversammlung gesagt, man hätte damit beginnen sollen, festzustellen, wen man in den Genuß der „Menschenrechte" einzubeziehen gedachte. Jedenfalls schienen viele die Juden in Frankreich nicht als Menschen betrachtet zu haben, denn sonst wäre ja ihre bürgerliche und politische Gleichstellung selbstverständlich, und sie durfte nicht solche heftige Debatten in der ersten französischen Volksvertretung hervorrufen, wie es tatsächlich der Fall war. Es liegt eine geschichtliche Ironie in der Tatsache, daß im Elsaß, wo sich eine einigermaßen nennenswerte jüdische Bevölkerung befand, die neue angebrochene Freiheit so verstanden wurde, daß der judenfeindliche Pöbel über die Juden herfiel und sie mißhandelte. Fast an demselben Tage, an dem in Paris die „Menschenrechte" verkündet wurden, fanden in mehreren Orten des Elsaß Ausschreitungen gegen die dortigen Juden statt, die sich geängstigt nach Basel flüchteten. In dieser Stadt selbst wohnten freilich damals keine Juden, aber die Bürger nahmen doch die Flüchtlinge freundlich und mitleidsvoll auf. Die mittelalterliche Roheit hatte doch bereits bei vielen menschenfreundlicherer Gesinnung Platz machen müssen.