Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316213--48260-3343181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 26 DIE] führen, deren Führer ständig dem Piäsidenten Vorhaltungen machte, bis dieser ihm den Willen tat. Man sieht daraus dies Solidaritätsgefühl, von dem man namentlich den Deutschamerikanern ein gut Teil wünschen möchte, das jederzeit und an allen Orten für die Rassegenossen eintritt. Im Newyorker Ghetto, der jüdischen Kolonie an der Ostseite, herrscht unter den Neueingewanderten oft ein greuliches Elend, aber die reichen Newyorker Juden — das muß man rühmend anerkennen — tun alles mögliche, um ihren armen Glaubensgenossen den Weg zu ebnen und ihnen aufzuhelfen. Jedoch darf auch hier nicht unerwähnt bleiben — zur Warnung für deutsche Einwanderer —, da/3 gerade deutsche Juden .es sind, welche dem frisch eingewanderten Deutschen sich in Hoboken zudringlich nähern, sich als „Landsmann" aufspielen, und den Vertrauensseligen, der meist der Landessprache nicht kundig ist, um seine gesamte Barschaft prellen, meist unter dem Vorwande, ihm das deutsche Geld, das er mitgebracht hat, in amerikanisches Geld umzuwechseln; das unglückliche „Grünhorn" erhält dann meist „konföderiertes Papiergeld" (aus dem Bürgerkriege), das keinen Cent wert ist, oder der „Helfer in der Not" verschwindet kurzweg mit der Barschaft unter dem Vorgeben, sie in der Bank gleich um die Ecke'einwechseln zu wollen. Übrigens ist man jetzt doch ein wenig ängstlich geworden ob der rapide anwachsenden jüdischen Einwanderung, und man versucht, ihr einen Damm entgegenzusetzen. So hatte der Einwanderungsinspektor Sargent im Vorjahre einen gewissen Markus Braun, einen früheren ungarischen Juden, nach Österreich-Ungarn geschickt, um £ELT 7 dort auszuspionieren, ob die dortige Regierung unstatthafte Mittel anwende, um diese so unliebsame jüdische Wanderung zu forcieren. Dieser brave Patriot — bekannt unter dem Spitznamen „Der liebe Markus", weil er stets einen Brief vom Präsidenten Roosevelt, in dem ihn dieser also anredet, in der Tasche herumträgt — hatte denn auch seinem Auftraggeber den Willen getan und haarsträubende Berichte gesandt, weshalb ihm die ungarische Regierung gehörig aufs Dach stieg. Jedenfalls scheint es so, wenn auch von direktem Antisemitismus in der Union noch nicht die Rede sein kann, als ob man vor die Türe zum Dorado der Juden eine Sicherheitskette hängen wolle." Diese Warnungen sind köstlich! Daß es unter den Hunderttausenden Juden von Newyork auch solche gibt, die den „armen deutschen Landsmann" um sein Letztes prellen, ist möglich, ebenso wie es wahr ist, daß unter den zahlreichen Deutschen von London unverhältnismäßig viele Bettler undZuhältersind. Aber die „Tägl. Rundschau" möchte daraus einen Schluß ziehen, daß der Antisemitismus nämlich auch in Amerika über kurz oder lang seinen Einzug feiern müsse. Ja freilich, — aus dem „Dorado des Antisemitismus" werden ihn schon die Deutschen importieren. Aber der Yankee wird auf den Humbug nicht reinfallen. — Übrigens ist zu vermerken, daß die amerikanische Regierung das neue Einwanderungsgesetz mit einer Änderung angenommen hat, wonach Einwanderern, die die Zulassung begehren, um sich religiösen und politischen Verfolgungen zu entziehen, dies nicht auf Grund von Mittellosigkeit oder Ungeeignetheit verwehrt werden soll. Jerusalem Von DAVIS TRIETSCH (Jaffa) I. Nicht eine Schilderung unserer ewigen Stadt, nicht ein Hymnus und auch nicht weitschweifende Spekulationen — sondern einfach einige Gedanken und Erwägungen praktischer Natur sollen im folgenden geboten werden. Anderseits sind es aber nicht Einfälle eines Zufalls-Touristen, sondern zum mindesten ernsthafte Eindrücke, die aus mehrjährigen Beobachtungen und mancherlei Beschäftigung mit den Fragen des „jüdischen Orients" hervorgegangen sind. Vor allem haben mir meine mehrfachen Besuche Jerusalems1) das stetige Wachstum der Stadt und ihrer jüdischen Bevölkerung gezeigt, und ich muß bekennen, daß meine ursprüngliche Ansicht von dem Werte unserer jüdischen Position in Jerusalem sich stark geändert hat. Es ist im zionistischen Lager gebräuchlich, auf die eingesessene und die „Chaluka"-Bevölkerung Palästinas als auf eine wirtschaftlich nicht ins Gewicht fallende zu blicken. Vielfach begegnet man sogar der Anschauung, daß unser^ Position im Lande viel besser wäre, wenn unsere progressiven Elemente nicht an diesem „Ballast" zu schleppen hätten. Die Argumentation klingt plausibel und hat viele Anhänger gefunden. Ich selbst, obwohl wenig geneigt, herkömmliche Ansichten ungeprüft zu übernehmen, habe wohl öfters mich in diesem Sinne geäußert, und fühle mich nun umsomehr verpflichtet, das was ich gefunden habe, auch anderen mitzuteilen. Diese Frage ist nämlich von größerer Bedeutung, als man gewöhnlich annimmt. Man vergegenwärtige sich einmal die jetzigen Juden-Ziffern Palästinas: Jerusalem ca. 45000 Safed und Tiberias „ 20000 Jaffa „ 7 000 Sonstige Städte „ 4500 Die Kolonien_ 7 500 Zusammen ca. 84000 i) In den Jahren 1900, 1904 und 1906. Hiernach hat Jerusalem allein mehr als die Hälfte der jüdischen Einwohner Palästinas, und mit den beiden anderen „Chaluka"~Städten Safed und Tiberias über Dreiviertel! Es kommt noch hinzu, daß, sowenig die Bevölkerung Jerusalems, Safeds und Tiberias schlechthin als Chaluka-Leute bezeichnet werden kann, ebensowenig jeder Bewohner Jaffas, der Kolonien oder der anderen Städte zu den progressiven Elementen zu zählen ist. Im großen und ganzen wird man nur sagen können, daß die jüdischen Bewohner der erstgenannten drei Städte im wesentlichen nicht sehr progressiv sind. Das sephardische Drittel1) ihrer Bevölkerung unterscheidet sich in wirtschaftlicher Hinsicht wenig von der arabischen Städtebevölkerung. Die Aschkenasim empfangen zum weitaus größten Teile mehr oder weniger Chaluka-Gelder. Die jährlichen Summen, die für die Chaluka eingehen, betragen: Aschkenasische Chaluka Jerusalems ca. 2 000000 Mark Sephardische „ „ „ 100000 „ Außerdem gehen für die Jerusalemer jüdischen Institutionen (Hospitäler, Schulen, Jeschiboth etc.) noch ca. 1 100 000 Mark und schließlich für Safed und Tiberias (für alle Zwecke zusammen) weitere 800 000 Mark jährlich ein.2) Man sieht also, daß Jerusalem alljährlich über drei Millionen Mark, Safed und Tiberias ca. achthunderttausend Mark pro Jahr bekommt. Das sind Ziffern, die zu denken geben. Ich will versuchen, einige Illustrationen dazu zu liefern, bevor ich zu meinen Schlüssen übergehe. Mein kürzlich verstorbener Freund Sarasohn, der Begründer der großen New-Yorker Jargonzeitung, „Jüdisches Tageblatt", war vor ') Bei den Sephardim kommt die Ctialukah nur den tatsächlichen Gemeinde- Funktionären und den Institutionen zu gute. 2) Eine vollständige Übersicht der Jahres-Einnahmen der verschiedenen Kolelim und Institute gebe ich. in meinem im Druck befindlichen „Palästina- Handbuch I". (1906. Orient-Verlag, Berlin.) 3