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Die Welt · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIESqEI ELT No. 26 barung geschehen. Wo erst die Hand des Staates nötig ist, um auseinanderstrebende, heterogene Elemente zu einer äußeren Einheit zu gestalten, da kann dieser Eingriff weder der Religionsgemeinschaft noch dem Staate zum Vorteil gereichen. Die Motive, die der Entwurf anführt, um ein Eingreifen des Staates zu rechtfertigen, halten nicht der leisesten Prüfung stand. Ist es Sache des Staates, die Einheit der jüdischen Religionsübung zu verbürgen oder die religiöse Gleichgültigkeit zu bekämpfen? An anderer Stelle heißt es: „Die Mitwirkung zur Herstellung einer solchen Gesamtorganisation im Wege seiner Gesetzgebung ist für den preußischen Staat eine Pflicht der Gerechtigkeit, welche es gebietet, «jedem das Seine» zu gewähren und daher auch dem einheitlichen Judentum in Preußen seine einheitliche Rechtsform nicht vorzuenthalten." „Jedem das Seine" kann hier doch nur heißen: der Staat hat die Pflicht, jede Religionsübung zu dulden, die mit seinen Gesetzen nicht in Widerspruch steht;-aus dem „suum cuique" aber zu folgern, daß der Staat die Pflicht habe, eine Zwangsorganisation für die Juden zu schaffen das ist eine schöne Logik! Auf gleicher Höhe der Beweisführung steht die Behauptung, daß die geplante Organisation eine Forderung der Staatsklugheit sei: „denn wenn im eigensten Interesse des Staates dem Volke die Religion erhalten wrerden soll, so kann es auch dem Staate nur zum Vorteil gereichen, wenn auch der jüdischen Bevölkerung die organisatorischen Mittel nicht künstlich verweigert wrerden, um Religion und Sittlichkeit, diese Grundpfeiler auch des Staatsbaues, zu stärken und zu pflegen." Abgesehen davon, daß Religion und Sittlichkeit durchaus nicht identisch sind, ist es für das Judentum keine sehr schmeichelhafte Behauptung, daß es zur Pflege dieser Faktoren ohne die Hilfe des Staates unfähig sei. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund scheint die Zeichen der Zeit schlecht zu verstehen. Sie sagen jedem Kundigen deutlich genug, daß in allen Kulturländern Trennung von Staat und Kirche eine Aufgabe der nächsten Zukunft ist, soweit diese Trennung nicht schon durchgeführt ist, wie in Amerika und Frankreich. Wenn es für Deutschland nicht den Anschein hat, als könnte diese Forderung in nächster Zeit verwirklicht werden, so liegt das an historisch gewordenen Verhältnissen, deren Erörterung hier zu weit führen würde. Gewiß werden aber unsere freiheitlichen Parteien nicht die Hand dazu bieten, um den schon vorhandenen Fesseln, die Staat und Kirche verknüpfen, eine neue hinzuzufügen. Wir glauben auch nicht, daß unsere jüdischen Mitbürger das geplante Zwangsgesetz sympathisch begrüßen werden. Im Gegenteil, aus ihren Reihen dürften die schärfsten Proteste gegen den Entwurf kommen und damit sein Schicksal besiegelt sein." Wir teilen in dieser Sache durchweg die Ansicht des geschätzten Blattes. ,Aus dem Dorado der Juden1 Deutschland der Welt voran — im Antisemitismus. In keinem anderen Lande der Welt — nicht einmal in Rußland — ist die Presse, die nicht ausdrücklich radikal ist, so stark vorn Geiste des Antisemitismus durchdrungen wie in Deutschland. Nationalliberale oder Agrarier, Konservative oder Zentrurnsmänner, — alle haben sie außer dem gemeinschaftlichen Zug der starren Reaktion auch den hetzerischen Judenhaß gemein. Nicht alle treiben Antisemitismus in derselben Weise. Nicht alle sind so blutrünstig wie die „Staatsbürgerzeitung" oder die „Kreuzzeitung", die am liebsten alle Juden nach Trepow-Durnowoschem Rezept mit Stumpf und Stiel ausgerottet sehen möchten. Aber die gefährlichsten Gegner sind nie die offenen. Am gefährlichsten sind die Feinde, die aus dem Hinterhalt kämpfen, die ihren Judenhaß verdünnt destillieren. Ihre Hetze ist nicht so laut, aber um so wirksamer. Zu diesen Hetzorganen gehört z. B. auch die „Tägliche Rundschau", ein vornehmseinwollendes Blatt, das täglich und bei jeder Gelegenheit seinem Publikum einige Gramm Judenhetze auftischt. Sie macht es im „Feuilleton", in dem sie von irgendeinem „teutschen" Skribenten über die „Verjudung der deutschen Kunst", — über „den unheilvollen Einfluß Max Liebermanns", über den „Fall Reinhardt" und ähnliche Schildbürgereien berichten läßt. Sie glossiert aber auch in ihrem politischen Teile jedes Ereignis „sub specie antisemitismi". Es ist ihr auch nicht genug, daß sie in Deutschland und für Deutschland Antisemitismus predigt. Sie schielt nach andern Ländern hinüber und sucht nach kongenialen Geistern, späht, ob nicht auch in andern Ländern für den Antisemitismus etwas zu holen wäre. Wie sich diese Blätter zum Pogrom von Bjelostok wie zum Judenelend überhaupt gestellt haben, ist ja bekannt. Die russische Regierung hat nicht so antisemitisch gehandelt. Sie hat wenigstens das offiziell erlogene Telegramm dementiert. Diese Blätter vom Schlage der „Staatsbürgerzeitung", der „Täglichen Rundschau", „Kreuzzeiturig" usw. schrieben unausgesetzt von den „jüdischen Bluthunden, die in christliche Prozessionen Bomben warfen" und von der „Übertreibung semitischer Journalisten" .... Wer an solcher Gemütsroheit leidet, — mit dem ist über Gerechtigkeit ebensowenig zu reden, wie z. B. mit dem Teutonen Adolf Bartels über Poesie und Prof. Th. Schiemann über historisches Verständnis. Die „Tägliche Rundschau" streckt ihre Fühler sogar über den Ozean aus. Wie gerne möchte sie in Amerika den Antisemitismus provozieren! Sie brachte vor einigen Tagen einen Artikel an leitender Stelle über die Lebensverhältnisse der Juden in Newyork. Und jedes Wort dieses Artikels ist ein giftiger Pfeil des Hasses und der Hetze. Schon der Titel: „Aus dem Dorado der Juden"! — Was würde die „Tägliche Rundschau'4 sagen, wenn man einen Artikel über die Deutschen in den baltischen Provinzen, diese Bedrücker nicht nur der engeren Heimat, sondern des ganzen russischen Reiches, diese Ausbeuterbarone, die über Rußland nur Unglück gebracht haben, die dem russischen Volke die Tyrannen Biron, Plehwe, Wahl, Rennenkampf, Riman, die schändlichsten Namen der russischen Geschichte, geliefert haben, den Titel „Aus dem Dorado der Deutschen" geben würde? Und was berichtet der Antisemit aus Newyork?..... Vor 250 Jahren, im Jahre 1655, gewährte die Holländisch - Westindische Kompagnie den jüdischen Bewohnern von Neu-Amsterdain, dem heutigen Newyork, gewisse soziale und politische Privilegien, die ihre Glaubensgenossen in den anderen Staaten noch nicht besaßen. Damals gestattete man den Juden, in Neu-Amsterdam Grundeigentum zu erwerben; innerhalb ihrer Häuser durften sie auch „in Ruhe und Stille" ihre religiösen Übungen abhalten, aber sie durften keine Läden besitzen und mußten in bestimmten Stadtvierteln wohnen. Heute freilich herrscht die entgegengesetzte Tendenz, denn bei der massenhaften jüdischen Einwanderung aus Südost-Europa sucht man den stark anwachsenden Judenkolonien auf der Ostseite von Newyork energisch entgegenzutreten und sie mehr in das Land zu verteilen, freilich ohne Erfolg. Die Stadt Newyork ist entschieden das Dorado der Juden, sie besitzt heute schon 200 0O0 Juden mehr als ganz Deutschland. Mindestens die Hälfte der Newyorker Advokatenfirmen besteht aus Juden, wie denn gerade für die Anwaltskarriere die Juden ja überall besondere Befähigung erwiesen haben. Jüdische Millionäre gibt es in Amerika massenhaft. Auch in der Politik spielen sie eine bedeutende Rolle, denn die Zahl der jüdischen Kongreßvertreter ist eine verhältnismäßig große, und als Konsuln sind sie überall anzutreffen; gerade in diesem Berufe zeichnen sie sich besonders durch ihre Findigkeit aus und leisten durch ihre Berichte über die ausländischen Industriezweige der amerikanischen Industrie die wertvollsten Dienste. In Washington unterhalten die amerikanischen Juden eine ständige „Lobby", eine Art Agentur, die stets für die spezifisch jüdischen Interessen eintritt; so war seinerzeit das Einschreiten Roosevelts zugunsten der russischen und rumänischen Juden allein auf die Agitation dieser „Lobby" zurückzu-

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