Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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aller Kräfte den Körper des Mannes ins Haus schleppt und die Türe verschloß. Als sie sich aber über ihn beugte, um die Wunden zu verbinden, war es schon um einige Minuten zu spät. Verblutet, tot. . . Wie ein erstarrtes Wreinen, leise zitternd, schaurig-einförmig klingt ihre Stimme durch den dunklen Raum, während sie bewegungslos daliegt, den Säugling an die Brust drückend. . , . Ein anderes Bild: Ein altes Mütterchen und ein junges Weib in einer armen Stube. Sie bringen Photographien herbei: Eine stellt einen hochgewachsenen Soldaten dar mit der großen Pelzmütze auf dem Kopf, das Georgskreuz und die Verdienstmedaille auf der Brust. „Das ist mein Sohn," erklärt das Mütterchen, „der steht noch draußen in der Mandschurei." Und dann weist sie auf die andere Photographie: „Und das ist sein Söhnchen, drei Jahre war es alt, das haben sie erschlagen. Und diese, seine Schwester, auch erschlagen. Und sie wollten noch die andern auch erschlagen, da hab ich mich dem Offizier zu Füßen geworfen", erzählt die Alte, „und hab ihm die Händegeküßt. Er wollte noch wenigstens einen jungen Menschen aus der Nachbarschaft erschießen, da hab ich ihm nochmals die Hände geküßt, da hat er mich von sich gestoßen, ist aber fortgegangen. Aber ein Unteroffizier hat sich an die Soldaten gewendet: „Erschlagt ihn, es ist ein Anarchist. Da haben sie ihn an die Wand gepreßt und sind auf ihn losgestürzt bis er zusammengebrochen ist. Er liegt jetzt im Spital mit fünfzehn Bajonettwunden. Und so wütend waren die Soldaten, daß sie noch vor der Türe zwei Hunde niedergeschossen haben. ..." Bilder! Bilder! Wer könnte sie beschreiben?4Wer ihr Grauen erschöpfen? Und wer kann die Antwort darauf finden? In einer Stube hörte ich eine Antwort. Ein junger Arbeiter hatte uns von dem schrecklichen Tod seines Bruders erzählt. „Was sollen wir aber jetzt tun?" sagte er. „Wir haben 14 Stunden im Tag gearbeitet und haben uns unser junges Blut auspressen lassen um ein Stück Brot. Jeder Polizist auf der Straße hat uns gestoßen, wie man Hunde stößt. Wir haben gewartet auf die Freiheit, aber man hat uns betrogen. Wir haben gewartet auf die Gerechtigkeit, aber es gibt keine Gerechtigkeit. Es gibt nur Gewalt, Unrecht, Tyrannei. Warum hat man sie erschlagen, arme Leute, Greise, Kinder? Jetzt glauben wir an nichts mehr, und wenn man uns nicht leben lassen will, wenn wir zugrunde gehen sollen, so soll auch alles andere mit zugrunde gehen; wir sind so arm, so elend und so hoffnungslos, das wir nichts mehr zu verlieren haben..." Verzweiflung! Grenzenlose Verzweiflung! Anarchismus nennen sie es und schießen, morden, brennen, martern, um die Unglücklichen, die von gefahrvoller Not gepeinigt, den Glauben an himmlisches und menschliches Recht verloren haben, noch für ihr Unglück zu bestrafen. . . Anarchismus! Da wir durch diese elenden Hütten und verfallenen Häuschen, über diese schmutzigen Höfe gehen, die jetzt noch gerötet sind vom Blute der Greise und Kinder, entstellt durch den wüsten Schutt der Zertrümmerung und Zerstörung, wenn wir diese Luft atmen, die noch geschwängert ist von Verwesungsdünsten, wenn wir sehen, daß auf dieses von teuflischer Rohheit erzeugte Elend noch immer von allen Straßenköpfen und hinter allen Zäunen her die Flinten der Kosakenhorden, die Revolver der Polizeibanditen ihre Läufe gerichtet halten, dann hören wir angesichts dieser entsetzlichen Erdrosselung alles Menschlichen auf, uns darüber zu wundern, daß hier aus den lebendigen Gräbern die unerbittliche Verneinung, der Wille zur Zerstörung dieses ganzen von Lüge und Verruchtheit erfüllten Baues aufsteht. Wundern uns höchstens, bewundern es, daß die große Mehrheit der Juden dieses Jammerviertels noch die große Kraft, die Seelenstärke aufbringt, die sich fast unabweisbar aufzwingenden „anarchistischen" Gedanken der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit trotz allem zurückzudrängen, trotz allem zu glauben, zu wollen, das Zerstörte von Neuem aufzubauen. Wie lange aber kann diese Kraft des Widerstandes und Wiederaufbauens noch wirken? Soviel haben die russischen Juden schon hergegeben, aus der Größe des Unglücks und Unrechts sich zu immer höherem Stolze erhebend — einem Stolze, dessen hohe Art man auch jetzt wieder bei dem ärmsten Bjelostoker Juden bewundern konnte — soviel haben sie hergegeben, immer vertrauend, nun sei es das Ende des Schreckens gewesen, worunter sie gelitten — aber es war nicht das Ende, ist vielleicht noch immer der Anfang — wer könnte es mit Bestimmtheit sagen? Und die Kräfte des Volkes drohen zu erlahmen. Zu lang ist die Schlacht, zu grausam das Schlachten, und die Gespenster der toten Brüder und Schwestern lähmen noch mehr die Herzen und Hände als der Schrecken, der die Lebenden bedroht. Die Pogrome machen unser Volk vielleicht mutiger, stolzer, verzweifelter — stärker machen sie es nicht. Und wir sind, auch ohne daß uns Pogrome zerbrechen, so ungeheuer schwach. Wehe uns, wenn es auch diesmal nicht das Ende war. F. fln untere perehrL Abonnenten t Ulli der nächsten Iluinmer beginnt das dritte Quartal des zehnten 3ahrganges. Wir wollen gerne konstatieren, dafj seif Beginn dieses Lahres an manchen Orten von unsern 6esinnungsgenossen in der Agitation für die „ Welt" Erhebliches geleistet worden ist. Hn sehr vielen Stellen haben aber unsere dringlichen Hufforderungen bisher wenig Erfolg gehabt Wir bringen es den Gesinnungsgenossen wiederholt ins Bewußtsein, daß es Pflicht der Zionisfen ist, allerorten für die „Welt" neue Freunde zu werben« „Die Welt" ihrerseits wird sich nach wie vor bemühen, auf der Röhe der Bewegung zu bleiben und den gerechten Ansprüchen ihrer Iieser nachzukommen und bestrebt sein, ihren Ixesern jederzeit über die Ereignisse des jüdischen und des zionistischen Iiebens frühzeitig aus erster Quelle zu berichten. Diejenige Abonnenten, deren Abonnement mit Ende dieses ülonates abläuft, ersuchen wir um rechtzeitige Erneuerung, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt Redaktion und Expedition,