Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-06-29 · 26 (29.6.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
26 (29.6.1906)
Date
1906-06-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316213--48256-3343177
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE SEE LT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING23^^/ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 29. Juni 1906 pmnb lW« TlDn-! No. 26. BJELOSTOK i. Keine Träne sah ich in der Stadt, der so namenloses Weh zu tragen auferlegt war. Versteinernd wirkt dieses Weh, und die Tränen erstarren vor der Trostlosigkeit, vor der Unmenschlichkeit und Unfaßbarkeit des Schreckens. Noch habe ich die Bilder des Grauens vor Augen in ihrer schauerlichen Plastik. Wer von uns sie gesehen hat, den werden sie nie mehr verlassen. Vielleicht wird eine lichtere Zukunft die entsetzlich grellen Farben erblassen machen, auslöschen kann sie sie nicht. Weh uns aber, wenn dieses Grauen nicht das letzte war. Vor der Einsamkeit dessen, der sie hinter sich gelassen zu haben glaubt, stehen die Schreckensbilder auf, in ungeheurer schweigender Starrheit, mit übergewaltiger Eindringlichkeit klagend, anklagend, Antwort heischend... Ein Bild: Ein Haus, niedergebrannt bis zu den Grundmauern. Alles, was darin wohnte, erschlagen oder verbrannt. Wahnwitz, Teufelswahnwitz! Schuldige oder Unschuldige, fragen wir nicht darnach — aber das Eine: Menschen werden von Menschen ins Feuer geworfen, Kinder, die kaum lallen können, in die qualvollste aller Martern hineingestoßen . . . Eine wüste schwarze Trümmerstätte. An einer Stelle glimmt und raucht es noch, als wär's ein Zeichen des fortwuchernden Schreckens, dicht daneben fliegen, emporgeweht vom Wind, der noch das letzte Glimmen anfacht, verkohlte Blätter auf, Gebetbücher, die als Staub und Asche verflattern. Und hier, hier stockt der Schritt. Furchtbar beklemmend legt es sich auf die Brust, Brandgeruch, Verwesungsgeruch. „Bis jetzt hat man drei verkohlte Leichen hervorgezogen", sagt einer, „aber hier sind gewiß noch einige begraben". . . Zu unseren Füßen wieder die schwarzen Reste hebräischer Bücher, die ein Massengrab decken. Jenseits des Zaunes aber, der das Gehöft umschließt, blinken die weißen Kappen patrouillender Soldaten. Vielleicht sind es die Mörder derer, deren Zahl und Namen man noch nicht kennt . . . Ein anderes Bild: Im Krankenhaus. In einem Bette liegt in schwerem Fieber' ein Arbeiter mit männlichschönem Gesicht. Seine Atemzüge jagen einander, die Brust fliegt auf und nieder, daß man glaubt, jetzt und jetzt müsse der letzte, kurze Atemstoß die Lebensflamme zum Verlöschen bringen. Und jetzt, und jetzt wird es auch sein. Seit man ihn auf der Straße aufgelesen, hat er die Augen nicht aufgetan. Er weiß es nicht und wird es nicht mehr erfahren, daß man seinen Vater, den die Hooligans erschlagen haben, gestern zu Grabe getragen hat. An dem Bettrand aber sitzt seine Mutter, die das weiß und auch weiß, daß sie übermorgen ihren Sohn bestatten wird, und blickt unverwandt in. das bleiche Gesicht, mit starren, tränenlosen Augen noch jedes kleinste Teilchen Leben in sich aufsaugend, das in dem Körper des Sohnes mit zweckloser Verzweifluug ringt. . . Auf einemBettchen gegenüber sitzt ein wunderschöner Knabe, der mit traurig-verwunderten, frühreifen Augen das Weib ansieht, als wollte er sagen: Ich weiß alles, alles . . . Ein Haus am Rande der Stadt. Vor der Türe ein paar Kinder, innen in einer dumpfen Stube Männer und Frauen, junge und alte. Aus einer Nachbarstube dringen seltsame, qualvolle Schreie. In diesem Hause sind von einer zwölfköpfigen Familie Vater, Mutter und drei Kinder erschlagen worden. Die älteste Tochter aber hat der Wahnsinn erfaßt. Bis weit hinaus in die Straße hört man die Angstschreie der Irren, und die Kinder vor der Türe zucken erschreckt zusammen, so oft sie die gellende Stimme hören. . . Ein armseliges, verfallenes Häuschen, vor dessen Front sich ein roter Streifen hinzieht. Blut . . . Drinnen eine winzige Stube, mit vier Lagerstätten, eng aneinandergedrängt, so daß kaum das Stückchen Platz frei ist, das den Eintritt ermöglicht. Auf einer der Lagerstätten, auf frischem Stroh, liegt eine junge Frau, fast noch ein Kind, mit dunklem Lockenkopf, einen Säugling an der Brust haltend. An der Wand ein Bild Theodor Herzl's, auf einem der Betten einige jüdische und hebräische Zeitungen. . . Wie von weit her klingt die Stimme der jungen Frau, die erzählt, wie ihr Mann einen Augenblick vor die Türe trat, wie ihn sofort eine Kugel traf, wie sie den Blutenden in die Stube ziehen wollte, wie die Soldaten sie selbst niederzuschießen drohten und wie sie schließlich doch mit Aufbietung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.