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Die Welt · 1906-06-22 · 25 (22.6.1906) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
25 (22.6.1906)
Date
1906-06-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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illiquid fiat" längst verlassen und das „ut aliquid fieri videatur" hat bereits vollends jeden Kredit verloren. Da wir die kolonisatorische Gegenwartsarbeit in Palästina aus Jen vorstehend angedeuteten Gründen nicht für zweckmäßig halten üiid der Beschluß des 7. Kongresses über die kolonisatorische Arbeit außerhalb Palästinas noch nicht aufgehoben ist, so ist unser rogramm insofern tatsächlich nur negativer Art, als wir für den Zionismus zurzeit keine Möglichkeit erblicken, praktische Gegenartsarbeit zu leisten. Aber darum verzagen und verzweifeln wir : icht. Die älteren Leute unter uns waren größtenteils bereits Onisten, noch bevor es einen Kongreß, eine zionistische Organition, eine zionistische Presse gab und bevor die nichtjüdische Zeit und die große Mehrzahl der Juden selbst von unsern Belebungen irgend etwas wußte. Damals waren unsere Chancen otschieden viel, viel schlechter als jetzt; inzwischen hat uns ja ' erzl ein gut Stück Weges weiter geführt. Aber schon damals •tten wir die Gewißheit, daß wir unser Ziel erreichen werden, reichen müssen. Wir schöpften sie aus der Erkenntnis, :tß die innere Entwicklung des jüdischen Volkes sowie ie Entwicklung der Beziehungen des jüdischen Volkes •i den andern Völkern mit Naturnotwendigkeit auf die Lösung der Judenfrage im Sinne des Zionismus hindrängt. Diese Entwicklungstendenz tritt in der Gegenwart deutlicher als je in die Erscheinung; darum blicken wir trotz der momentan ungünstigen politischen Konstellation mit größter Zuversicht in die Zukunft. Die Entwicklung geht weiter. Wir schaffen sei ebensowenig, wie die Sozialdemokratie die soziale Entwicklung schafft. Ebenso wie jene ihre wesentlichste Aufgabe darin erblickt, die Massen über die soziale Entwicklungstendenz aufzuklären, ihr Klassenbewußtsein zu stärken und sie für die kommende Gesellschaftsordnung vorzubereiten, so ist es auch unsere Aufgabe, durch unermüdliche Agitation Juden und Nichtjuden (beide sind daran beteiligt) über die Entwicklungstendenz der Judenfrage aufzuklären, das jüdische Volk auf die kommenden Verhältnisse vorzubereiten und die Organisationen zu schaffen und auszubauen, welche die Überleitung in die neuen Verhältnisse tbewerkstelligen sollen. Politische Verhandlungen kann man nicht ununterbrochen führen, aber man muß jederzeit gerüstet sein, sie im geeigneten Momente mit Erfolg aufzunehmen. Das ist unser positives Programm, und es dünkt uns nicht viel ärmer als das unserer Freunde, der Zione Zion. L. Estermann. DIE „NOTWENDIGKEIT Ich habe nicht die Absicht, gegen den Artikel des Herrn istermann, der in dieser Nummer erscheint, zu polemisieren. Aber Oh möchte einen Punkt hervorheben, der meines Erachtens wichtiger t, als die rein äußerliche und politische Differenz zwischen den . Politischen" und den „Allgemeinen" Zionisten. Es ist ein ideoloischer Unterschied. Und als solcher ist er von einschneidender Bedeutung. Der Zionismus hat oft seine ideologische Begründung gewechselt. Die alten Zionisten vom Schlage der „Chowewe-Zion" gründeten hrcn Zionismus auf die Sehnsucht des Volkes nach Zion, auf die geschichtliche Tradition, auf den unverrückbaren und unzerstörbaren Glauben der Juden an die freie Zukunft. Die Frommen, die Orthodoxen glaubten in ihrer Weise an dasselbe, kleideten jedoch hren Glauben in eine andere Formel ein. und diese Formel — der Messianismus — fesselte sie, stellte psychische Schranken der Umsetzung des Traumes in Taten entgegen. Der moderne Zionismus war in seinen Anfängen keine .wissenschaftlich" begründete Bewegung, fierzl hat seinen „Judenstaat" ^schrieben nicht aus der theoretischen. Erkenntnis des elementaren, unaufhaltsamen Ganges der Geschichte heraus. Im Gegenteil, Herzls Weltanschauung stand im Widerspruch mit dem materialistischen Geschichtsbegriff. Er hatte den Zionismus erfaßt und in die Tat umzusetzen versucht, indem er an den Willen des Volkes appellierte, indem er kam und sagte: „Wenn ihr frei und selbständig und selbstherrlich leben wollt, so bekennt euch zum Zionismus." Das war der ursprüngliche Zionismus im Herzischen Sinne. Aus seiner Auffassung des Lebens, der Geschichte, aus seiner Hervorhebung des Willens- und Persönlichkeitsmoments in der Politik folgerte er seine ganze politische Methode, seine Taktik im Zionismus. Ob seine Theorie eine richtige war oder nicht — jedenfalls konnte sie nicht das letzte Wort der zionistischen Ideologie;r;in. Sie entwickelte sich auch nach zwei Seiten — zur weiteren, höheren Stufe, die manchmal wie Verneinung aussieht, einerseits, und zu einer starren Bejahung, die zur Selbstauflösung führt, andererseits. Die einen — und das ist die Majorität der Zionisten — haben die Grundidee Herzls, die Idee des Wollens und des Handelns, weiter entwickelt und ganz folgerichtig den Schluß gezogen, daß nicht die Form der Verwirklichung der Idee, sondern der Prozeß selbst wichtig sei. Herzls Theorie war die vom schöpferischen Willen. „Wenn ihr wollt, so ist's kein Märchen." Was liegt näher, als daraus den Schluß zu ziehen, daß, wenn man den Volkswillen als das höchste Ingredienz erachtet, auch die Mittel zur Verkörperung des Volkswillens ihm entsprechen müssen? Die Erweiterung dieser Theorie ist der Zionismus in seiner jetzigen, klar herauskristallisierten Form. Weil das Volk seine Gegenwart nicht in Gegensatz zu seiner Zukunft setzen will, weil wir nicht den Willen des Volkes zerklüften, sprengen, auseinanderreißen wollen, weil wir den Willen nur dann als bestehend, als wach betrachten, wenn er sich in Taten verwandelt, sind wir für eine Politik der langsamen, aber sicheren, zielbewußten, praktischen Tätigkeit in Palästina eingetreten. Aber die Idee Herzls hat bei manchen seiner unentwegtesten Anhänger eine ganz merkwürdige Wandlung erhalten. Und ich will annehmen, daß die Argumentation des Herrn Estermann die klarste nnd präziseste Wiedergabe der Ideologie dieser Weiterentwickler ist. Die Idee des Willens in der Geschichte in die der immanenten, objektiven Notwendigkeit verwandeln — heißt so ziemlich, wie sie ganz aufzuheben. Und diese Umbildung hat Herr Estermann vollzogen — vielleicht ohne es zu bemerken. Die Beweisführung der Ideologen des doktrinären „politischen" Zionismus ist ungefähr die: Jede historische Bewegung ist notwendig. Kraft der inneren Ursächlichkeit, kraft einer dialektischen Entwicklung muß diese oder jene historische Erscheinung eintreten, muß diese oder jene Bewegung eine bestimmte Form annehmen, durchdringen. So ist es mit der Sozialdemokratie, so ist es auch mit dem Zionismus. Auch dieser ist eine historisch bedingte, folglich unvermeidliche und unaufhaltsame Bewegung. Und wenn dem einmal so ist, so muß man nur den Gang der Ereignisse abwarten, — denn die Zeit arbeitet ja für uns. Es ist eine Begriffsübertragung, die nur Unklarheit in der Theorie und Verwirrung im Leben bringen kann. Es ist hier wohl kaum der Ort, die materialistische Geschichtsauffassung, die Philosophie der Notwendigkeit und der geschichtlichen Kausalität einer Kritik zu unterziehen. Heutzutage gibt es wohl kaum viel denkende Sozialisten, die an die „Naturnotwendigkeit" der sozialen Revolution glauben. Ist ja von der

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