Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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18 DIE3^ELT No. 25 modernen Erkenntnistheorie auch auf dem Gebiete der Naturwissenschaft das Kausalitätsgesetz in Zweifel gezogen worden. Und ich brauche nur auf Stammler hinzuweisen, der in dieser Hinsicht eine scharfe Kritik an der materialistischen Geschichtsphilosophie übte. Die Ideologen des „politischen" Zionismus wollen jetzt den ganzen Gedankengang des Marxismus auch auf den Zionismus übertragen. Aber ist auch die Übertragung gestattet? Sind denn die Erscheinungsgebiete identisch? Man sage, was man will, der Zionismus ließ sich bisher nicht in ein strenges wissenschaftliches System bringen. Den Zionismus kann man entweder durch die Judennot und den Antisemitismus begründen — und das ist unwissenschaftlich, weil man erstens von der Gegenwart auf eine möglicherweise anders geartete Zukunft schließt, zweitens weil man mit Willensmotiven rechnet. Oder der Zionismus muß „psychologisch" begründet werden — und dann ist die Begründung gleichfalls unwissenschaftlich, weil die Haupthebel der Bewegung Imponderabilien sind. Was sollen nun die Worte bedeuten: „Die Entwicklungstendenz der Judenfrage?" Woher kennen wir diese Tendenz? Wir wollen sie, wir schaffen sie, wir wissen aber von einer objektiven Entwicklungstendenz gar nichts. Ebenso unersichtlich ist es, wie man zur Konstruktion der Theorie vom „unbedingt notwendigen Erfolg" des Zionismus, der ohne unser Zutun erfolgen müsse, gelangen könne. Warum muß er Welche innere Kausalität, eine solche angenommen, wird die Weltpolitik in diese uns erwünschte Richtung zwingen? Und wei bürgt uns dafür, daß im „geeigneten Momente" nicht andere, stärkere politische Faktoren Palästinas sich bemächtigen werden : Unsere Politiker sagen, dies sei infolge der internationalen Kombinationen ausgeschlossen, sie behaupten, daß wir eben infolge diesei Kombination zu unserem Ziel gelangen müssen.. Möglich — aber wo ist die innere Notwendigkeit, dieser Kombinationen? Man hat schon manches kombiniert, was später in Luft zerrann. Es wäre nicht schwer, die Ideologie der „politischen" Zionisten wenigstens, wie sie im Artikel des Herrn E. dargelegt wird, theoretisch bis zu ihrer Selbstnegation zu verfolgen. Ich glaube, die Theoretiker des „politischen "Zionismus sollten sich nach einer anderen, dem Wesen des Zionismus entsprechenden und vor allem frucht baren Theorie umsehen. Und dann werden sie wahrscheinlich in unseren Reihen stehen. Cor. fr □IQLLLÜi □?cr ^Oo oooolj KORRESPONDENZEN >ÖP ooriib Mit Bezug auf den in der Nummer vom 1. Juni d. J. erschienenen Artikel: „Gegenwart und Zukunft" von Dr. Simon Bernfeld, erhalten wir aus Rzeszow folgende Bemerkungen: Geehrter Herr Redakteur! Der geehrte Verfasser des Artikels „Gegenwart und Zukunft" zieht in den Kreis seiner. Betrachtungen auch die Verhältnisse, wie sie sich in Österreich-Ungarn und speziell in Galizien nach der Emanzipation herausgebildet haben, und zieht daraus die wenig ermutigenden Schlüsse auf die weitere Entwicklung der Dinge in Rußland im Falle einer für unsere Volksgenossen günstigen Wendung der Verhältnisse daselbst. Er geht hierbei von einer ganz falschen Prämisse aus — muß somit auch zu falschen Schlüssen gelangen. Die Behauptung, als hätten sich in Galizien kleinere Teile, und zwar die reichen und intelligenten Juden, von der Masse losgelöst und die Masse wäre dadurch der Führerschaft beraubt worden — beruht auf einer optischen Täuschung, auf einer Verkennung der Triebfedern des menschlichen Handelns und der Unkenntnisse der einschlägigen Verhältnisse insbesondere. Nie war die breite Masse des Volkes in Galizien ihrer Führer beraubt — die intelligenten Kreise waren hier nie so herz- und geistlos, um sich vom Volke „loszulösen" und es führerlos sich selbst zu überlassen. Es hieße auch an unserem Volks^enius verzweifeln, wollte man mit dem Verfasser annehmen, daß unsere intelligenten Kreise die Neigung hätten, mit der gewonnenen Bildung und politischen Gleichstellung ihr Volkstum abzuschütteln und in den fremden Nationen unterzugehen. Es ist geradezu ein physiologisches Axiom, daß die stärkste Betätigung des Individuums in der Wirksamkeit für das Gemeinwohl liegt; es liegt somit auf der Hand, daß auch die innerhalb unseres Volkes auftauchenden stärkeren Naturen, schon um sich gewissermaßen „auszuleben", nach einein entsprechenden Tätigkeitsfeld sich umschauen mußten und dasselbe nach der Lage der Dinge nur in der Arbeit für das eigene Volk finden konnten. Es hat auch uns nicht an führenden Geistern gefehlt, denen die geistige und materielle Hebung des jüdischen Volkes eine heilige Sache war, der sie all ihr Sehnen und Trachten geopfert haben. Doch der Assimilationstaumei, der die ganze jüdische Gesellschaft in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts ergriff, brachte es mit sich, daß sie das für das jüdische Volk erstrebenswerte Ideal in der Umwandlung desselben in einen ergänzenden, der mosaischen Konfession angehörenden, Teil der polnischen Nation erblickten und diesem Zwecke ihre Lebensarbeit opferten. Es war eine in ihren Augen eminent jüdische und dabei „patriotische" Arbeit, die bei den damals herrschenden Begriffen und Anschauungen sowohl von den intelligenten jüdischen wie auch polnischen Kreisen gebilligt und als nachahmenswertes Muster der Jugend und den nachstrebenden Schichten hingestellt wurde. Dieser Strömung verdankte sein Entstehen der Verein „Agudas Achim" in Lemberg und die ganze zu Polonisierungszwecken in Wort und Schrift von den intelligenten Kreisen betriebene Propaganda. Die durch das Schlagwort „Assimilation" verursachte, psychologisch nicht ganz unbegreifliche, Begriffsverwirrung und der Mangel an eigenem Nationalbewußtsein ließ sie optima fide den Weg betreten, der folgerichtig zur Auflösung des Judentums führen müßte — machte für sie das Paradox eines „polnischen Volkes mosaischer Konfession" zu einer Notwahrheit. Erst das durch die jüdische Renaissancebewegung hervorgerufene Begriffsbeben und die dadurch erfolgte Umwertung aller Assimilationswerte, das erwachte Nationalbewußtsein der jüdischen Masse, haben auch den intelligenten Kreisen die Richtung, die sie einschlagen müssen, um nicht mit dem Volksempfinden in Widerspruch zu geraten, gewiesen. Wir speziell in Österreich haben bereits an den andern Völkern die Beobachtung gemacht, daß die oberen, auf die Führung Anspruch erhebenden Schichten sich überall von einer mächtigen Volksströmung mitreißen lassen, um nicht völlig entwurzelt zu werden und den Boden unter den Füßen zu verlieren — oder aber das Volk bringt neue Individualitäten an die Oberfläche, die an der Stelle der lauen, nicht lebenskräftigen und nicht akkomadationsfähigen, Elemente die Führung der breiten Massen übernehmen. So entstand plötzlich dem um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts wieder erwachten böhmischen Volke sein Hochadel und sein vom nationalen Geiste durchglühtes intelligentes Bürgertum — dasselbe geschieht vor unseren Augen inmitten des ruthenischen Volkes in Galizien. Ansätze zu einer derartigen Entwick-