Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 25 (22.6.1906)
- Date
- 1906-06-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16 DIE^i wie ein Souverän gefeiert/1 Nachdem am Sonnabend nachmittag Lueger und der christlich-soziale Wiener Magistratsdirektor Abgeordneter Weiskirchner vom König in Audienz empfangen worden waren, besuchte Lueger die Ausstellung. Er wurde bei der Einfahrt mit Ehrensalven begrüßt. Abends fand Lueger zu Ehren im großen Saale des Ministeriums des Äußeren ein Bankett statt, das die Bukarester Kommune gab. Nachdem der Bukarester Bürgermeister Cantacuzene, der Sohn des Ministerpräsidenten, auf den Kaiser Franz Josef getoastet hatte, brachte Lueger einen Toast auf König Karol aus und rühmte, daß derselbe die Verhältnisse im Wiener Gemeinderat genau kenne. Bürgermeister Cantacuzene versicherte "dann auf deutsch Lueger der Liebe und Verehrung des Rumänenvolkes. Lueger erwiderte, - man habe ihm große Schwierigkeiten bereitet, um ihn von der LT - No. 25 Bukarester Reise abzuhalten; er sei trotzdem gekommen, da er wußte, hier aufrichtige Freunde zu finden. Der Tag seiner Ankunft in Bukarest sei der glücklichste Tag seines Lebens. An Wien ist aber von angeblichen Schwierigkeiten nichts bekannt. Mehrere rumänische Redner feierten dann Lueger als großen Politiker und Staatsmann. Als hierauf der Wiener Antisemit Schneider französisch sprach, erregte er große Heiterkeit durch seine Aussprache und weil er den Kaiser Franz Josef immer Monsieur l'Empereur nannte. Zum Schluß umarmten Lueger und Cantacuzene einander unter stürmischer Begeisterung." Bisher sprach man von „jüdischer Solidarität". Von nun an wird man von „international-antisemitischer Solidarität" sprechen können. Trepow-Pückler-Oldenburg-Cantacuzene-Lueger-Drumont... „Schöne Geister treffen sich" — aber auch böse Geister..... „DAS POSITIVE IM POLITISCHEN ZIONISMUS"*) „Und es ist merkwürdig," — sagt Herr F. in seinem Referat zum deutschen Delegiertentag, Nr. 24 ds. Bl. — „daß gerade die unentwegtesten «Antikritiker» von früher vor nichts Halt machen, keine letzten Folgerungen zurückdrängen, selbst wenn die Grundfesten des zionistischen Gedankenbaues zu zittern beginnen. . . ." Wenn dieser an die Adresse der politischen Zionisten gerichtete Vorwurf einen Sinn haben soll, so kann es nur der sein, daß die gleichen Menschen unter den gleichen Verhältnissen ihre Handlungsweise geändert haben, denn daß veränderte Verhältnisse eine veränderte Stellungnahme bedingen, ist ja selbstverständlich. Verdienen die politischen Zionisten in der Tat diesen Vorwurf der Inkonsequenz? Mit nichten. Die Gefolgschaft, die wir Theodor Herzl leisteten, war kein blind-dogmatisches Schwören in verba magistri, sondern der Ausdruck einer inneren Übereinstimmung mit den Tendenzen und Methoden unseres Führers. Sie waren ja auch für uns nichts Neues. Dieselben Gedanken hatten wir in der „Selbstemanzipation" und in der „Jüdischen Volkszeitung" lange vor Herzl vertreten. .Nur fehlte uns die Kraft, den Gedanken in die Tat zu wandeln. Für uns war Herzl nicht eine Verkündung, sondern der Beginn der Erfüllung. Als aber der große Magister gestorben war und andere Magistri das Katheder betraten, die die Wahrheit von gestern entthronten und die von vorvorgestern auf den Schild erhoben, da wurden wir „Antikritiker" zu Kritikern, da begannen wir, die treueste Stütze der Leitung, gegen die alt-neue Richtung Opposition zu machen. Nicht wir haben unsere Anschauungen geändert, sondern die große Mehrzahl derjenigen, die heute als die allein echten Zionisten betrachtet sein wollen. Und für diese Gesinnungsänderung ist nirgends ein adäquater Umschwung in den Verhältnissen, der sie rechtfertigen könnte, zu erblicken. Die Neigung der Pforte, unseren Wünschen entgegenzukommen, ist seit dem VI. Kongresse sicher nicht größer; der Schutz, den uns die russische Regierung (es kommen ja fast nur russische Juden in Betracht) zu gewähren in der Lage und gewillt ist, ist seit dem japanischen Kriege und den Pogromen des letzten Jahres nicht zuverlässiger, geworden; die kulturhemmenden türkischen Gesetze und Verwaltungspraktiken sind die gleichen wie zuvor, — nichts hat sich in den letzten drei Jahren ereignet, das es rechtfertigen könnte, den Weg, den wir bis dahin für einen ungangbaren, ja für einen gefährlichen erachtet hatten, nunmehr als den richtigen, direkt zum Ziele führenden zu preisen. Doch nein, eines hatte sich allerdings ereignet, das dazu angetan war, den ganzen Fragenkomplex der zionistischen Taktik von _ neuem aufzurollen und in gewisser Beziehung eine Scheidung der *) Anm. d. Red.: Da Herr F. nach Bielostok abgereist ist, wird seine Antwort erst nächste Woche erfolgen. Geister herbeizuführen. Nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen war Herzl zu der Überzeugung gelangt, daß in absehbarer Zeit der Widerstand der Türkei gegen die zionistischen Pläne nicht zu brechen ist. Und da die Flucht der Juden aus den östlichen Ländern immer größeren Umfang annahm, während die Immigrationsländer sich immer mehr der Einwanderung von Juden zu verschließen anfingen, so trat Herzl in Verhandlungen mit der englischen Regierung ein, um ein Land zu erlangen, in dem ein Teil der jüdischen Flüchtlinge ein jüdisches Gemeinwesen auf nationaler, autonomer Basis gründen könnte. Obgleich ich von Anfang an ein begeisterter Anhänger dieses Projektes war und es im Prinzipe (sobald das geeignete Land gefunden ist — also: „Landsucher!") auch jetzt noch bin, so kann ich doch den Standpunkt derjenigen begreifen, die ihm heftige und erfolgreiche Opposition machten. Ich gebe zu, daß man der Ansicht sein kann (ich teile sie nicht), daß die Arbeit für das Uganda-Projekt dem Zionismus, dessen Aufgabe die Wiedererlangung des Landes unserer Väter ist, alle Kräfte"entzogen hätte, daß ein Erfolg auf einem andern Boden als dem der alten Volksheimat überhaupt ausgeschlossen ist und was sonst noch alles gegen das Uganda-Projekt und den „Itoismus" vorgebracht wird. Daß aber zugleich mit der Ablehnung dieses Projektes die Parole ausgegeben werden konnte, eine Plattform in Palästina selber zu schaffen, wiederum wie ehedem durch Hintertüren Menschen ins Land zu schaffen, landwirtschaftliche und industrielle Unternehmungen, wenn auch auf noch so schwankender gesetzlicher Basis zu gründen, — das ist etwas, wofür mir auch nach dem Hannoverschen Delegiertentage noch das Verständnis fehlt. Ich höre allerdings schon den Einwurf: das steht ja nirgends geschrieben! Gewiß. Aber wir wollen uns doch nicht selbst betrügen: in Wirklichkeit kann es ja nicht anders geschehen. Das Einwanderungsverbot besteht ja nun einmal, so daß die Einwanderung, wenn auch möglich, so doch immerhin keine legale ist. Und ist es nicht etwa 'eine schwankende gesetzliche Basis, wenn das mit den Mitteln des Nationalfonds gekaufte oder zu kaufende Land nicht dem Nationalfonds, nicht dem jüdischen Volke, nicht der Kolonialbank, sondern Chaskel und Sorach gehört? Chaskel und Sorach sind sehr vertrauenswürdige Leute, von ihren eventuellen Rechtsnachfolgern wissen wir es nicht mehr so bestimmt, aber diese ganzen verzwickten levantinischen Geschäftsmanipulationen sehen nicht aus wie der Weg, der zur Befreiung eines Volkes führt. Nun macht uns Herr F. den Vorwurf, daß wir nur negatives bieten, während sie, die Zione Zion, ein positives Programm besitzen. Das mag in gewissem Sinne zugegeben werden. Aber nicht darauf kommt es an, daß etwas geschieht, sondern daß etwas zweckmäßiges geschieht. In der Medizin hat man das „ut